Lasst uns ein Ende mit dem „Ende der Volkskirche“ machen!
 Ein Kommentar von Stephan Sticherling (erstmalig veröffentlicht am 4. Juni 2018 unter http://dreimalvier.jimdofree.com.

Es ist inzwischen mit Händen zu greifen: Das vermeintliche „Ende der Volkskirche“ ist in Wirklichkeit ihre Selbstabschaffung. Etliche Kirchen werden aufgegeben, Stellen gestrichen, Gemeinden zu Riesengebilden zusammenfusioniert, aus Ortsgemeinden werden regionale Einheiten. Die Kirche zieht sich aus der flächendeckenden Präsenz zurück, sie verschwindet aus der öffentlichen Wahrnehmung. Begleitet wird dieser Prozess durch ein Glaubensbekenntnis, dass schon beinahe zur unbezweifelten Selbstverständlichkeit zählt: „Die Zeit der Volkskirche geht zu Ende“. Das wird aus den anhaltenden Kirchenaustritten gefolgert und aus den „Kirchen, die immer leerer werden“ – wieder so eine stereotype Formulierung, die in den Medien regelmäßig kolportiert wird.

Die Wahrheit ist nicht, dass die Kirchen immer leerer werden. Leer waren sie schon immer – von bestimmten Orten, Zeiten und Anlässen abgesehen. Aber die Menschen sind deswegen nicht weniger religiös und haben deswegen nicht weniger Sehnsucht nach Heimat, Verwurzelung und „Rück-Bindung“ (re-ligio) wie zu allen anderen Zeiten auch. Die überkommenen kirchlichen Strukturen scheinen zwar sowohl in evangelischer wie katholischer Hinsicht überholt und überfordert zu sein (und das ist der eigentliche Grund für die Kirchenaustritte und die zurückgehende Identifikation mit den Kirchen!), aber das mit dem Ende der Volkskirche gleichzusetzen, ist eine fatale Verwechslung.

Nicht die „leeren Kirchen“, die schon immer leer waren, sind das Neue. Sondern der Umgang mit Strukturen, Ressourcen und Finanzen. Sie werden nicht mehr darauf hin befragt, wie sie dazu dienen und eingesetzt werden können, dem Auftrag der Verkündigung nachzukommen, sondern nur noch darauf hin, wie sie gesichert werden können, damit die kirchlichen Institution möglichst schuldenfrei durch die Zeiten kommen und die Ruhestandsgehälter trotzdem gezahlt werden. Die ausgeglichenen Bilanzen sind entscheidend – nicht, ob die Kirche ihrem Verkündigungsauftrag tatsächlich auch nachkommt. Darum mögen sich die Pfarrerinnen und Pfarrer und die vielen anderen ja gerne kümmern, schließlich sind sie ja dafür ausgebildet, aber zur Not ginge es auch ohne sie… wenn am Ende Einnahmen und Ausgaben sich nur decken. Ich hoffe sehr, dass dies am Ende eines Bilanzjahres so sein wird – aber das kann ja nicht das letzte Ziel kirchlichen Wirkens sein. Wenn der Chef nur noch auf ausgeglichene Finanzen schaut, wird er seine Firma auf kurz oder lang direkt in die Insolvenz führen. Wenn er nicht sagen kann, wozu sie da ist, was er mit ihr produzieren, welche Dienstleistungen er mit ihr bereitstellen will, welche Kunden er ansprechen will, dann wird sich auch nicht so ganz erschließen, wozu er ausgeglichene Bilanzen benötigt. Dann besteht seine Daseinsberechtigung nur noch darin, den Betrieb ordentlich abzuwickeln.

Ob wir als evangelische und katholische Kirche Volkskirche sein wollen oder nicht, das ist keineswegs in unser Belieben gestellt und kann auch nicht Ergebnis von Mehrheitsentscheidungen auf Synoden sein. Es gehört zur Grundlage unsere Kirche. Wenn wir unseren Anspruch, Volkskirche zu sein, aufgeben, werden wir als Kirche nicht mehr gebraucht. Da gibt’s dann andere, die es besser können.

Diese Grundlage wird etwa im Augsburger Bekenntnis und in der Barmer Erklärung festgehalten. Die Artikel 5, 7 und 14 des Augsburger Bekenntnisses setzen voraus, dass der Gottesdienst öffentlich ist (was damals nicht diskutiert werden musste, weil das selbstverständlich war). Und auch die Barmer Erklärung stellt in der sechsten These fest: „Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.“ Niemand stellt in Frage, wie es in den ersten beiden Barmer Thesen heißt, dass Jesus Christus das eine Wort Gottes ist, das wir zu hören haben und uns unter Gottes Zuspruch und Anspruch stellt. Aber ebenso verbindlich ist nach der Barmer Erklärung die Tatsache, dass dieses Wort Gottes an alles Volk zu richten ist. Dessen Verkündigung ist ihrem Wesen nach öffentlich und gehört nicht in den Winkel. Das kann in gar keiner Weise zur Disposition stehen.

Es ist aber auch wahr, dass die Kirchenleitungen und Synoden dies alleine zu bewerkstelligen nicht mehr in der Lage sind. Die sind vollauf mit der Sicherung von Strukturen, Ressourcen und Finanzen beschäftigt, dass sie für das Entscheidende kaum noch den Blick frei haben. Die Folge davon ist: Wir müssen da ran! Eine Volkskirche, also eine Kirche, die öffentlich flächendeckend präsent ist, kann nur dann existieren, wenn sich in ihr gesunde, lebensfähige, auf Wachstum angelegte Kerne bilden. Das kann nicht von oben organisiert werden. Das muss von unten wachsen. Das ist das Ziel der Evangelischen Lebenskunst, die an anderen Stellen genauer entfaltet werden wird.

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