Kirche von unten … Im aktuellen Pfarrerblatt beschäftigen sich gleich mehrere Artikel mit der Struktur der Kirche

Dr. Gisela Kittel kritisiert die aktuellen Reformprozesse in den evangelischen Landeskirchen, die auf einem Missverständnis beruhen: „ecclesia semper reformanda“ meine nicht die Anpassung an gesellschaftliche Maßstäbe, sondern fordere dazu auf, sich zurück in die Form bringen zu lassen, die Jesus entspricht. Kirche dürfe nicht „außengeleitet“ sein. „Nicht, »was Gottes Wille ist« (Röm. 12,2), scheint im Vordergrund der Überlegungen und Planungen zu stehen, sondern wie sie sich selbst zu einer öffentlichen Größe formen kann, die gesellschaftliche Anerkennung, öffentliche Wahrnehmung und Bedeutung erlangt und so ihre Zukunft sichert.“ Dr. Ralf Kötter geht dem reformatorischen Kirchenverständnis nach und formuliert sechs Thesen, den scheinbar garstigen Graben zwischen reformatorischer Theologie und den modernen Herausforderungen in Theologie und Kirche zu überbrücken. Dabei stellt er fest: „Reformatorische Kirche gestaltet sich notwendig subsidiär, »von unten«, aus der besonderen Herausforderung des jeweiligen Raumes heraus.“

„Wir befinden uns gegenwärtig in einem Umformungsprozess, wie es ihn in unserer evangelischen Kirche bisher nicht gegeben hat. Da dieser Umbau inzwischen in fast allen Landeskirchen begonnen wurde und erlebt werden kann, sei er hier nicht weiter erläutert. Ich beschränke mich auf die Stichworte:

Regionalisierung (Verlagerung der Entscheidungsbefugnisse von der Gemeindeebene weg auf die jeweilige mittlere Ebene und deren Stärkung);
Funktionalisierung (Abbau von Gemeindepfarrstellen zu Gunsten von Sonderpfarrstellen und funktionalen Diensten);
Zentralisierung (Leuchtfeuer, Kompetenzzentren, Zentralgottesdienste, Gemeindefusionen, Zentrale Verwaltungsämter);
Ökonomisierung (Neues kirchliches Finanzsystem – NKF, Doppelte Buchführung – Doppik, Substanzerhaltungspauschale, Erweiterter Solidarpakt).

Lauter Prozesse, die als Kehrseite die Marginalisierung und Entmündigung der Ortsgemeinden und ihrer Kirchenvorstände zur Folge haben. Denn die örtlichen Gemeinden werden in diesen Prozessen wichtiger Entscheidungsbefugnisse beraubt (Personalhoheit, Finanzhoheit), durch das neue Kirchliche Finanzsystem arm gerechnet (wenn sie z.B. wertvolle Immobilien besitzen) und – falls sie den angelegten Kriterien nicht standhalten – zum Aufgehen in Großverbänden wie Gesamt- oder Kirchenkreisgemeinden gedrängt, um nicht zu sagen: gezwungen.

Hilft der gegenwärtige Umbau der evangelischen Kirche dieser Ekklesia Gottes? Hilft er unseren Gemeinden, zum »Leib Jesu Christi« zu werden, zum »Tempel des lebendigen Gottes«, zur »Rebe« am Weinstock, die nicht verdorrt und weggeworfen wird (Joh. 15,6)? Nur dann könnten wir vielleicht auch von einer »Ausstrahlung« sprechen, die nicht von Menschen hergestellt oder angestrebt werden kann, sondern allein von dem, der das »Licht der Welt« ist, geschenkt wird. Nur dann könnten und dürften wir vielleicht die großen Zusagen wiederholen, die Jesus seiner Jüngergemeinde zugesprochen hat: Ihr – nicht die Kirchenorganisation, sondern die konkret und praktisch Jesus Nachfolgenden – seid das »Licht der Welt« (Mt. 5,14), weil ich euch in mein Licht gezogen habe. Ihr seid das »Salz der Erde« (Mt. 5,13), weil durch eure Gemeinschaft etwas erfahrbar wird von der Umkehrung der Maßstäbe, die sonst im Überlebenskampf auf dieser Erde gelten. Die Stadt, die auf einem Berg liegtund in der schon jetzt die kommende Herrschaft Gottes verkündigt und gefeiert wird, kann doch nicht verborgen bleiben! (Mt. 5,14)

→ Dr. Gisela Kittel: „Kirchliche Handlungsräume oder Gemeinde Jesu Christi.
Eine missverstandene Formel und das Zeugnis des Neuen Testaments“

Martin Luther hat nicht viele gemeindepraktische Schriften verfasst, schließlich war er Exeget an der Universität, ein biblischer Theologe, ein Spezialist, ein Akademiker und kein Praktiker. Und dennoch gibt es situative Äußerungen Luthers zur Sozialgestalt der Kirche, die in der Lutherforschung nicht immer gewürdigt werden. 1519 veröffentlicht er seinen Abendmahlssermon und beschreibt als zentrales Ereignis des Abendmahls, der Kommunion, die communio, die Gemeinschaft, die durch das Abendmahl gestiftet wird. Natürlich meint er damit zunächst die individuelle Gemeinschaft der Glaubenden mit Christus, der mit seiner Gerechtigkeit im fröhlichen Wechsel für alle Sünder einsteht. Aber dabei belässt Luther es nicht, vielmehr stiftet die Kommunion auch eine zweite communio: nämlich die soziale Gemeinschaft der Gemeinde.

Hier blitzt das Konzept einer »Kirche von unten« auf. Luther erklärt das Abendmahl sogar für völlig nutzlos, wenn die soziale Gestaltung der Gemeinde nicht folge.An dem Ort, an dem die Liebe nicht täglich wachse und den Menschen zum Gemeinwohl hin verwandle, dort habe auch die Teilnahme am Abendmahl keinerlei Sinn und Bedeutung.Unverzichtbare Aufgabe der Christen sei es, als freie Diener der christlichen Gemeinde zu dienen. Wo sich diese Haltung finde, da werde Gott auch passende Ordnungen hinzufügen, beispielsweise einen Gemeinen Kasten, um Bedürftige zu versorgen. Du sollst also der Gemeinde und den anderen Menschen dienen; suche nicht dein eigenes Heil im Sakrament, sondern suche das Gemeinwohl der anderen.

Reformatorische Kirche entwickelt subsidiäre Strukturen im Gespräch mit allen Kompetenzen des Raumes, sie ist eine Kirche »mit anderen«.

→ Dr. Ralf Kötter: „Kirche von unten.
Reformatorische Impulse für Gegenwart und Zukunft“

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