EKD ist Kirche? Widerspruch!

Die EKD hat sich durch ihre Synode während ihrer Tagung in Bremen vom 4. – 11. November 2015 tatsächlich zur Kirche im theologischen Sinne erhoben. Im „Beschluss zum Kirchengesetz zur Änderung der Grundordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland“ heißt es:

Artikel 1 Absatz 1 der Grundordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 13. Juli 1948 (ABl. EKD S. 233), in der Fassung der Bekanntmachung vom 20. November 2003 (ABl. EKD 2004 S. 1), die zuletzt durch Kirchengesetz vom 12. November 2013 (ABl. EKD 2013 S. 446) geändert worden ist, wird wie folgt gefasst:

„(1) Die Evangelische Kirche in Deutschland ist die Gemeinschaft ihrer lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen. Sie versteht sich als Teil der einen Kirche Jesu Christi. Sie achtet die Bekenntnisgrundlage der Gliedkirchen und Gemeinden und setzt voraus, dass sie ihr Bekenntnis in Lehre, Leben und Ordnung der Kirche wirksam werden lassen. Sie ist als Gemeinschaft ihrer Gliedkirchen Kirche.“

Dieser Beschluss kann nicht unwidersprochen stehen bleiben und sollte schon gar nicht von den Landeskirchen einfach abgenickt werden. Denn er steht theologisch auf tönernen Füßen, die wegbrechen, wenn sich die EKD und ihre Gliedkirchen an ihre eigenen Vorgaben halten.

Im geänderten Artikel 1 heißt es: Die EKD „achtet die Bekenntnisgrundlage der Gliedkirchen und Gemeinden“. Das bedeutet, dass sie sich diese Bekenntnisse zu eigen macht bzw. ihnen nicht widersprechen will. In der Kirchenordnung z.B. der Evangelischen Kirche im Rheinland wird jedoch direkten Bezug auf die Barmer Theologische Erklärung von 1934 genommen. Im Grundartikel I, Abs. 6 heißt es: „Sie (die Evangelische Kirche im Rheinland) bejaht die Theologische Erklärung der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche von Barmen als eine schriftgemäße, für den Dienst der Kirche verbindliche Bezeugung des Evangeliums.“ Pfarrerinnen und Pfarrer wurden und werden u.a. auch unter diesem Bekenntnis ordiniert.

Nun definiert die dritte Barmer These Kirche wie folgt: „Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt.“ (→ Quelle) Damit folgt Barmen III dem Augsburgischen Bekenntnis aus dem Jahre 1530, insbesondere dem 7. Artikel (Confessio Augustana 7), in dem es heißt: „Es wird auch gelehrt, daß alle Zeit müsse eine heilige christliche Kirche sein und bleiben, welche ist die Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden.“ (→ Quelle)

Als „Versammlung aller Gläubigen“ (CA 7) und „Gemeinde“ (Barmen III) ist aber eine konkrete Gemeinschaft von Menschen gemeint, wie sie z.B. eine parochiale Kirchengemeinde bildet. Dieses Verständnis von Kirche ist auch schon im neutestamentlichen Begriff „ekklesia“ intendiert, der ursprünglich die profane Volksversammlung meinte (→ Quelle) und den Paulus als Bezeichnung von Kirche auf die christlichen Urgemeinden – sicher nicht unüberlegt – übertrug. (Siehe hierzu den erhellenden Vortrag von Prof. Dr. Eberhard Mechels → Quelle).

Der Kirchenbegriff der EKD ist aber ein völlig anderer – und das, obwohl sie selbst in ihrer Grundordnung Art. 3 ausdrücklich auf Barmen verweist und „sich verpflichtet, als bekennende Kirche die Erkenntnisse des Kirchenkampfes über Wesen, Auftrag und Ordnung der Kirche zur Auswirkung zu bringen.“ (→ Quelle) Nun heißt es aber in der Neufassung: „Sie (die EKD) ist als Gemeinschaft ihrer Gliedkirchen Kirche“. Hier ist zwar das konstituierende Element der Gemeinschaft genannt. Aber zum einen ist damit keine konkrete Gemeinde bzw. Versammlung von Gläubigen gemeint, sondern Institutionen! Zum anderen fehlt völlig der direkte Bezug auf Wort und Sakrament! Dieser kann zwar aus dem vorherigen Passus („Sie (die EKD) … setzt voraus, dass sie (ihre Gliedkirchen) ihr Bekenntnis in Lehre, Leben und Ordnung der Kirche wirksam werden lassen“) herausgelesen werden. Jedoch ist von einer evangeliumsgemäßen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung der EKD selbst keine Rede! Diese ist aber sowohl nach CA 7 und Barmen III Voraussetzung dafür, dass sich Jesus Christus in der Gemeinschaft ereignet und damit Kirche konstituiert.

Darüber hinaus ist das Verfahren der Selbsterklärung zur Kirche zu hinterfragen. Hat es in den einzelnen Landeskirchen, auf Kirchenkreis- bzw. Dekanatsebene und vor allem in den Ortsgemeinden einen intensiven Informations- und Diskussionsprozess zu dieser Frage gegeben? Meines Wissens nicht. Das passt jedoch zum inzwischen höchst bedenklichen Selbstbewusstsein und Selbstverständnis der EKD-Führung, die seit spätestens 2006 mehr „ex cathedra“ als basisorientiert agiert. Auch das sollte nicht nur unseren landeskirchlichen Synodalen zu denken geben. Denn damit entwickelt sich der Dachverband EKD immer mehr zu einer Deutschen Evangelischen Kirche mit körperschaftlichem Rechtsstatus, die noch unabhängiger von der Basis Entscheidungen fällen und bis zur ersten Ebene durchsetzen kann. Von einer von unten aufgebaute evangelische Kirche kann spätestens dann nicht mehr gesprochen werden!

Es wird sich zeigen, ob die einzelnen Landeskirchen diese Gesetzesänderung ratifizieren. Wir werden dann wissen, wie viel Evangelisches noch in ihnen steckt oder ob sie ihr Selbstbewusstein schon längst an den Nagel gehängt haben.

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„Kirche der Freiheit“ – Abgesang auf ein kirchliches Altpapier

2007, ein Jahr nach Erscheinen des Impulspapiers „Kirche der Freiheit“, legte Florian Lenz in seiner Diplomarbeit1)Kirche der Freiheit? – Eine religions- und organisationssoziologische Analyse des Impulspapiers der EKD, GRIN Verlag GmbH 2013 eine religions- und organisationssoziologische Analyse des Dokuments vor, die im Nachhinein ein interessantes Licht auf die Entwicklung der vergangenen Jahre in unseren Landeskirchen wirft. Er kommt seinerzeit zu dem Schluss, dass die von Huber & Co. verantworteten Reformideen nur dann erfolgreich umgesetzt werden könnten, wenn sich die Evangelische Kirche eine neue Organisationsstruktur zu eigen machen würde: Artikel lesen

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Anmerkungen   [ + ]

1. Kirche der Freiheit? – Eine religions- und organisationssoziologische Analyse des Impulspapiers der EKD, GRIN Verlag GmbH 2013

Den Reformprozessen fehlt es an gesundem Menschenverstand Prof. Gerhard Wegner von der Uni Marburg und Redakteur Rheinhard Bingener von der FAZ zu den Ergebnissen der KMU V.

Der Kirchentag ist vorbei. Und? Sind wir, was unsere Kirche betrifft, nun klug geworden? Oder zumindest etwas schlauer als vorher? Wer in Stuttgart dabei war, konnte – wie auf den vergangenen Kirchentagen zuvor – wieder einmal feststellen, dass Kirche von der Basis her lebt und in die Welt hinein wirkt: bunt, vielfältig, überzeugend, menschennah, spannend, phantasievoll – so geht Kirche! Natürlich braucht es die Organisation, die Logistik im Hintergrund, die Raum für die Entfaltung der Menschen schafft. Aber das Herz der Kirche ist eben nicht die Verwaltung, wie es jüngst eine Superintendentin in ihrer Predigt formulierte. Das Herz der Kirche ist der Glaube, für den die Menschen vor Ort und gegenüber der Welt mit ihren Worten und Taten einstehen und werben – je konkreter desto besser.  Artikel lesen

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Nordkirche: Gemeinden wehren sich gegen zentralisierte Zwangsverwaltung Der Verein "Gemeinde im Aufwind" lud nach Husum zum Informationsaustausch ein - KirchenBunt war dabei

Etwa 30 Interessierte waren am vergangenen Samstag (25. April 2015) der Einladung des Vereins „Gemeinde im Aufwind“ in die Evangelische Versöhnungskirchengemeinde Husum gefolgt, um sich untereinander auszutauschen und über den Fortgang der Regionalisierung in der Nordkirche und deren Auswirkungen zu informieren. Nach der Begrüßung durch den 1. Vorsitzenden Dr. Christian Ottemann und der Andacht der ansässigen Pastorin Yvonne Krüger bot die Vorstellungsrunde einen ersten Einblick in die Sorgen und Nöte der Gemeinden. Leider bekam man viel nur allzu Bekanntes zu hören: Kirchengemeinden, die sich gegen die von der Kirchenleitung initiierten Strukturveränderungen wehren, werden gegängelt, Pastorinnen und Pastoren gemobbt, die Verwaltung wird nicht mehr als Dienstleister, sondern als Kontrolleur erfahren, die Kirchenkreisebene in ihren Kompetenzen und finanziellen Ausstattungen gestärkt, dagegen wird bei den Gemeinden trotz erhöhter Kirchensteuereinnahmen gekürzt und gespart. Artikel lesen

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Kirche vor Ort und bei den Menschen Plädoyer für eine Stärkung der ersten Ebene der EKiR.

1. Die Schwächung der ersten Ebene

Zusammenfassung:
Die erste Ebene1)Unter der ersten Ebene verstehe ich alle Kirchengemeinden (Parochien), Einrichtungen und Werke der EKiR, die in der Fläche vor Ort Dienst am Menschen tun. Die zweite und dritte Ebene sind demnach der Kirchenkreis und die Landeskirche in ihren organisatorischen und verwaltungstechnischen Funktionen. (Kirchengemeinden, Einrichtungen und Werke) wird durch strukturelle Umbau- und Sparmaßnahmen in unserer Landeskirche geschwächt:

  • organisatorisch: Kompetenzen sind auf Kirchenkreis-, Landeskirchen- und EKD-Ebene verschoben worden, Aufsichtsfunktionen des KSV und der KL wurden erweitert
  • finanziell: trotz steigender Kirchensteuereinnahmen kommen weniger Geldmittel für menschenorientierte Arbeit vor Ort an, während auf den Ebenen der Kirchenkreise und Landeskirche in sachbezogene Dienstleitungen investiert wird
  • strategisch: der sachbezogene Aspekt von Leitung tritt gegenüber einem personenbezogenen und -beeinflussenden Führungsstil zurück: Bevormundung ersetzt Dienst, Zentralismus ersetzt Subsidiarität

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Anmerkungen   [ + ]

1. Unter der ersten Ebene verstehe ich alle Kirchengemeinden (Parochien), Einrichtungen und Werke der EKiR, die in der Fläche vor Ort Dienst am Menschen tun. Die zweite und dritte Ebene sind demnach der Kirchenkreis und die Landeskirche in ihren organisatorischen und verwaltungstechnischen Funktionen.

Schade, schade, schade … Christ und Welt: Leitartikel von Wolfgang Thielmann zeigt wenig Verständnis für Sparkritiker

In seinem Leitartikel „Sparen in stabiler Seitenlage“ beschäftigt sich Wolfgang Thielmann, Redakteur der Zeitschrift „Christ und Welt“ mit der aktuellen finanziellen Situation der Kirchen und fokussiert dabei vor allem auf die Landessynode der EKiR. Der Untertitel verrät bereits die eingeschlagene Richtung: „Schließen, streichen, sichern: Die großen Kirchen müssen den geordneten Rückzug antreten. Die Evangelische Kirche im Rheinland macht den Auftakt. Nur die Pensionskassen wachsen noch. Ein Plädoyer für Nüchternheit.“ Alles andere als „nüchtern“ analysiert Thielmann dann allerdings die unterschiedlichen Positionen der Befürworter und Kritiker des Sparkurses. Ganz im Gegenteil: Wer dem konzernkonformen Weg der Landeskirche und der EKD nicht folgen mag, wird als „Denkverweigerer“ und „Verherrlicher der Vergangenheit“ bezeichnet. Artikel lesen

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Würzen statt kürzen – die Anträge der Kirchenkreise an die Synode Schwerpunkt liegt bei der Jugendarbeit - Vorschläge zu Kostensenkungen bei der Verwaltung

Die Sparvorschläge der Kirchenleitung, die im September zur Diskussion gestellt wurden, haben auch auf den Kreissynoden im Herbst vergangenen Jahres eine große Rolle gespielt. Ein Blick auf die insgesamt 56 Anträge von Kirchenkreisen an die Landessynode macht deutlich, dass man vor allem bei der Jugendarbeit Korrekturbedarf sieht. Daneben sind das Haus der Stille, der Arbeitslosenfonds, die Flüchtlingshilfe, die Schulen aber auch die Verwaltung wichtige Themen. Artikel lesen

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Vorher – Nachher: Sparvorschläge reloaded! Hat der Beratungsprozess über die Sparvorschläge der Kirchenleitung substantielle Änderungen bewirkt?

„Deutlich überarbeitete Vorschläge“ will die Kirchenleitung der Landessynode 2015, die vom 11. – 16. Januar 2015 in Bad Neuenahr tagt, vorlegen. Bei einem geringfügig veränderten Sparvolumen von 11,3 Mio. Euro kommen allerdings Zweifel auf. Sind die Sorgen und Bitten bei den Beratungsgesprächen wirklich gehört worden? Haben sie substantielle Änderungen in der Vorgehensweise der Kirchenleitung bewirkt? Oder waren die Gespräche vor Ort lediglich Alibiveranstaltungen? Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht und uns die wichtigsten Sparvorschläge aus dem September 2014 und die nun eingebrachten Beschlussvorlagen 2015 genauer angeschaut. Unser Fazit: Substantielle Änderungen gibt es nicht.

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NKF, Verwaltung, Sparkurs: das sagen die Sups Ein Querschnitt durch Berichte von Superintendentinnen und Superintendenten der EKiR

Der November ist traditionell der Monat der Herbstsynoden in den Kirchenkreisen der EKiR. Und zu den festen Riten der Kreissynoden gehören die Berichte der Superintendenten bzw. der Superintendentinnen. Die fallen in Ausführlichkeit und Stil natürlich sehr unterschiedlich aus. Inhaltlich kommt man aber in diesem Jahr an bestimmten Themen nicht vorbei. Dazu gehören u.a. auch das Neue Kirchliche Finanzwesen (NKF), die Verwaltungsstrukturreform und die aktuellen Sparvorschläge der Landeskirche. Artikel lesen

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Die neue Lust auf Leitung Die Strategie der EKD hat nur ein Ziel: Strukturwandel durch Führung

„Machen wir uns nichts vor. Wenn Zukunft gestaltet werden soll, sind Sie gefragt. Die mittlere Führungsebene der EKD.“1)„informieren – transformieren – reformieren“, EKD-Zukunftsforum für die Mittlere Ebene, 15.-17. Mai 2014, epd Dokumentation 44/2014, S.63 Was wie nach einem Marketingberater auf einer Motivationsveranstaltung der mittleren Managementebene klingt, ist auch einer. Denn mit diesem Satz beginnt Andreas Bauer von der Geyer & Bauer Marketingberatung aus Burgdorf seine Ansprache an die Superintendenten und Dekane im Workshop 8 „Transformation im Pfarrberuf“. Die EKD hatte im Mai diesen Jahres erstmals in ihrer Geschichte die Verantwortlichen der „mittleren Leitungsebene“ zu einem Zukunftsforum nach Wuppertal eingeladen, „um gemeinsam die Frage zu bedenken, welche Herausforderungen anstehen und mit welchen Umbrüchen in der evangelischen Kirche des 21. Jahrhunderts in theologischer und organisatorischer Hinsicht gerechnet werden muss.“2)Dr. Konrad Merzyn, OKR der EKD, ebd., S. 5 Auf der Website des „Zukunftforums 2014“ findet man den Satz von Bauer nicht. Überhaupt geht man dort sehr spärlich mit Informationen um. Wer nicht nur den Programmablauf dieser Tagung nachvollziehen will, sondern sich für die Inhalte interessiert, muss schon die entsprechende epd-Dokumentation bestellen, mitnichten ein Bestseller der kirchlichen Literatur, dafür umso aufschlussreicher. Denn gerade der zitierte Artikel scheint als Blaupause für eine Strategie der EKD zu dienen, wie die evangelische Kirche in ihrem Sinne umstrukturiert werden kann. „Transformation braucht Führung“3)Bauer, ebd. – und die soll auf der Kirchenkreis- bzw. Dekanatsebene ausgeübt werden. Denn „die mittlere Leitungsebene erweist sich als diejenige Organisationsebene, auf der die Planungen für die Zukunft der Kirche am wirksamsten angegangen werden können.“ 4)Merzyn, ebd.

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1. „informieren – transformieren – reformieren“, EKD-Zukunftsforum für die Mittlere Ebene, 15.-17. Mai 2014, epd Dokumentation 44/2014, S.63
2. Dr. Konrad Merzyn, OKR der EKD, ebd., S. 5
3. Bauer, ebd.
4. Merzyn, ebd.