Zwei Kirchen …! Prof. Dr. Martin Honecker stellt erhellende Fragen zum Kirchenverständnis im Reformprozess der EKD

Das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ spielt in den Reformprozessen der vergangenen Jahre eine zentrale Rolle und ist mitverantwortlich für viele Missstände innerhalb unserer Kirche, die wir von KirchenBunt e.V. seit längerem kritisieren. Nun hat sich der emeritierte Prof. für Systematische Theologie und Sozialethik, Dr. Martin Honecker, im aktuellen Pfarrerblatt zu Wort gemeldet und einen beachtenswerten und aufschlussreichen Artikel geschrieben. Sein Fazit teilen wir: „Ein wesentliches Grundproblem ist inzwischen das Misstrauen gegen einen Vorschlag von oben, wie ihn das Impulspapier »Kirche der Freiheit« vorgelegt hat, und dem dadurch bedingten Einspruch von unten, der über mangelnde Partizipation klagt und sich von einer kirchenleitenden Macht beeinträchtigt fühlt. Damit ist ein Vertrauensverlust eingetreten. Der Vertrauensverlust kann keineswegs durch die Ausübung von Macht durch kirchenleitende Instanzen behoben werden. Denn nach Max Weber beruht Macht – im Unterschied zu Gewalt – in der Regel auf Zustimmung und Anerkennung von Autorität. Machtausübung kann eben nicht nur zur Stärkung und Legitimation von Herrschaft, sondern auch zum Vertrauensverlust und zur Schwächung von Macht führen.“

Zunächst fasst Honecker das Empfinden und die Befürchtungen der Basis und der Pfarrerschaft bezüglich der Umbauprozesse zusammen:

Die EKD fordert einen Mentalitätswechsel von Pfarrern und Gemeindegliedern. Die Angesprochenen erfahren die EKD mit ihrer Forderung als eine Erziehungsanstalt, in der Pfarrer, Mitarbeitende und (noch nicht aus der Kirche ausgetretene) Gemeindeglieder indoktriniert und zu einem Bewusstseinswandel veranlasst werden sollen.

(E)s geht nicht nur um unterschiedliche Perspektiven und Interessen, sondern durchaus um Differenzen im Kirchenverständnis.

Es mag dahingestellt bleiben, ob hinter der Zentralisierung ein strategischer Wille zu einer Politisierung steht. Unverkennbar hat jedoch in den letzten Jahren in leitenden Gremien die Fähigkeit abgenommen, religiös sprachfähig und glaubenswürdig sich zu artikulieren.

Interessant ist auch die historische Einordnung des gegenwärtigen Konflikts zwischen Basis und Kirchenleitungen insbesondere der 2. (Kirchenkreise / Dekanate) und 3. (Landeskirchen) Ebene:

Das Problem ist freilich nicht völlig neu. Es hat seinen Ursprung in der Neukonstituierung der EKD auf der Kirchenversammlung in Treysa 1945. … Damals zeigte sich bereits ein Dissens zwischen einer konfessionell bestimmten und mit Lehrfragen befassten Verwaltungskirche und einer neu zu legitimierenden, bekennenden Gemeindekirche. … Die Konvention von Treysa war folglich ein Kompromiss, auf dem später dann die Verfassung der EKD von 1948 beruht. Es blieb bei der verwaltungsmäßigen Struktur der Kirchenbehörde, ergänzt um die aus der brüderrätlichen Tradition der Bekennenden Kirche übernommene Einrichtung eines Rates der EKD.

Ausgehend von Martin Luthers Unterscheidung von zwei Kirchen fordert Honecker Konsequenzen für die aktuelle Kirchenreformdebatte:

Wenn man schon eine Reform, eine Strukturreform der evangelischen Kirche für erforderlich hält, dann sollte man nicht das Thema EKD aus der Diskussion ausklammern. Die Frage ist, woher denn die EKD eine geistliche Autorität nimmt, über die Reform der Gemeinden zu befinden.

Wesentlich ist bei Änderungen von Organisationsstrukturen die Beteiligung der Mitglieder an Entscheidungsprozessen. Oberster Maßstab für Leitungshandeln sind dann nicht Effizienz und Effektivität, also ökonomischer Nutzen, sondern Partizipation. Daran hat sich auch kirchliches Leitungshandeln messen zu lassen. Sodann kann man zwischen »Führen« als personenbezogener Anleitung und Hilfe zum Erreichen von Zielen und »Leiten« als organisationsbezogener Aktivität unterscheiden. Wilfried Härle bringt in Erinnerung, dass nicht nur die oberste kirchenleitende Ebene Kirchenleitung ist, sondern genauso Pfarrer und Leitungsgremien in Ortsgemeinden und Kirchenkreisen. Im Anschluss an Luther und die lutherischen Bekenntnisschriften sowie an Schleiermacher macht Härle deutlich, dass Kirchenleitung nur im Zusammenwirken aller mit der Leitung von Kirche Beauftragten möglich ist – Schleiermacher sprach vom »Umlauf«

Für evangelische Kirchenverfassung beachtlich ist vor allem auch der Subsidiaritätsgedanke, der ansonsten in der Gesellschaft zur Geltung gebracht wird. Die obere Ebene soll danach nicht Aufgaben an sich ziehen, die auf der unteren Eben zu bewältigen und zu lösen sind.

Spannend ist auch, mit welchen Worten Honecker seine Analyse einleitet: Er zitiert „harsche Worte des Papstes in einer Rede vor der Kurie im Dezember 2014:“

»Eine Kurie, die sich nicht selbst kritisiert, die sich nicht auf den neuesten Stand bringt und verbessert, ist ein kranker Körper.«

Wer Ohren hat zu hören, der höre!


→ den ganzen Artikel lesen …

Download PDF
Ein Beitrag
  1. Man kann ja nur hoffen, dass unsere sogenannte Kirchenleitung diesen Artikrl liest und endlich Lehren daraus zieht.
    Ein Kommentar der hoffen lässt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.