Werner Thiede: Kirche profilieren – worauf konzentrieren? Aufsatz zum ELKB-Reformprogramm „Profil und Konzentration“ (PuK)

Wir publizieren mit freundlicher Genehmigung des Autors einen Aufsatz zum Reformprogramm „Profil und Konzentration“ (PuK) der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Sie fügt sich nahtlos in die Reformprozesse ein, die seit Jahren EKD-weit die evangelische Kirche umstrukturieren und dabei erhebliche Konsequenzen für die Kirchengemeinden und die Arbeit vor Ort besitzen. Die hier veröffentlichten Auszüge aus der Studie belegen, wie sehr sich die Zielvorgaben und damit einhergehend auch die Problemanzeigen in den einzelnen Landeskirchen ähneln, insbesondere was die „Marginalisierung der Parochie“ anbelangt. Die komplette Studie ist am Ende als PDF abrufbar. Alle Rechte verbleiben bei dem Autor.

PuK erweist sich als Strategie-Papier, das auf konkrete praktische und organisatorische Veränderungen zielt, seine Programmatik aber nur selten mit theologischen Begriffen oder Überlegungen garniert. Es ist kirchentheoretisch und hinsichtlich der gängigen reformatorischen Ekklesiologie eher blass geblieben. Seine Konzentration richtet sich weniger auf Theologie als auf modern gestimmte Umprofilierung des Kirchenbetriebs. Vereinzelte Bezüge auf „geistliche“ Vertiefungsabsichten wirken in diesem Horizont kaum profilbildend.

Auffällig ist die das PuK-Papier durchziehende Begrifflichkeit des Raumes bzw. der Räume. Schon der strategische Leitsatz A unter der Überschrift „Kirche im Raum“ baut auf die „Raumlogik“ und lautet als ganzer: Die ELKB nimmt wegen ihrer Mission „sorgfältig die realen und virtuellen, die lokalen, regionalen und weltweiten Lebensräume von Menschen wahr, organisiert ihre Arbeit auf der Grundlage ihres Auftrags passend zu diesen Lebensräumen in Handlungsräumen und ist in diesen gut vernetzt und gut erreichbar. Alle kirchliche Arbeit wird im Raum als Einheit gesehen und dort organisiert. Raumübergreifende Dienste sind so weit wie möglich vom Bedarf in den Handlungsräumen her definiert“ (41). Unter Bezugnahme auf die verschiedenen Lebensräume des Menschen wird also dezidiert und wiederholt von kirchlichen Handlungsräumen – im Unterschied zu den bisherigen Organisationsräumen – gesprochen (13). Der so stark betonte Raumbegriff ist damit einerseits wahrnehmend, andererseits strategisch akzentuiert.

Erfahrungsgemäß hängt strategisches Denken in Räumen oft mit Machtvorstellungen zusammen: Es geht um die Beschreibung oder Erschließung von Einflusssphären. Dem PuK-Papier zufolge sollen tatsächlich „Handlungsräume als Steuerungsebene etabliert werden“ (16). Es ist die Sprache eines Strategie-Papiers, die immer wieder auf den Raumbegriff rekurriert. Dabei stellt sich freilich auch die kritische Grundfrage: „Wer entscheidet künftig, was ein Raum ist und wer in diesem Raum welche Rolle und welche Aufgabe hat?“ Was hierzu näher zu sagen wäre, habe ich bereits andernorts publiziert.

Die Planungsperspektive des PuK-Papiers fragt selbstverständlich nach den Möglichkeiten des Erhalts flächendeckender Präsenz. Es geht um die kirchliche Entwicklung in verschiedenen Räumen. Der Verteilungsschlüssel, der Mitglieder und Pfarrstellen einander zuordnet, führt auf die Dauer in strukturschwachen Räumen notgedrungen zum Wegfall von rund einem Drittel der Pfarrstellen, in boomenden Räumen dagegen zu ihrer Vermehrung. In der Diaspora erfolgt deshalb eher eine Konzentration auf Zentren. Das Denken in Ausstrahlungs-, Organisations- und Machtzentren charakterisiert die PuK-Strategie freilich insgesamt. Und insofern relativiert sich auch das bisher gewohnte Schwergewicht parochialer Ortsgemeinden.

Mindergewichtung der Ortsgemeinde?

„Gemeinde im Raum“ steht als Überschrift über dem strategischen Leitsatz B, der im Ganzen lautet: „Die ELKB ist Teil der weltweiten christlichen Gemeinschaft, die ihre Mitte in der heilsamen Botschaft des Evangeliums hat. Sie gestaltet diese Gemeinschaft in konkreten Lebensräumen jeweils den unterschiedlichen Kontexten entsprechend und ermöglicht vielfältige Formen von Gemeinden und Beteiligung. Sie macht die gute Vernetzung von Gemeinden untereinander, in der Ökumene und im Sozialraum vor Ort zu einem Qualitätsmerkmal“ (42). Kirche ist hier bezeichnenderweise zunächst einmal überregional definiert; daraufhin ist dann von Gemeinden so relativierend die Rede, dass es angeblich „vielfältige Formen“ derselben gebe. Nicht nur der Begriff der „Beteiligung“ wird ihnen der Bedeutung nach gleichrangig zur Seite gestellt, sondern überhaupt gelten nun all die anderen Gemeindeformen als „gleichwertig gegenüber der Parochialgemeinde“ (19). Das ist in dieser Form einigermaßen neu und in der Tat ekklesiologisch radikal gedacht.

Überdies wird auffällig oft die „Vernetzung von Gemeinden“ erwähnt bzw. angesprochen, wobei dann der „Sozialraum vor Ort“ nur als eine unter anderen Vernetzungsmöglichkeiten erscheint. Fettgedruckt heißt es im PuK-Papier: „Parochialgemeinden müssen sich als Teil von Handlungsräumen verstehen, die diese über die entsprechenden Gremien mitgestalten, dann aber auch an den verabredeten Schwerpunktsetzungen mitwirken“ (17). Solch autoritäres „Muss“ kann leicht in eine Überforderung von Gemeinden münden. Der hier vorausgesetzte Grundgedanke, parochiale Gemeinden stärker im Raum zu vernetzen, hat gewiss seine Logik und seinen Charme, sollte aber dabei den Sinn und die Wirklichkeit von Ortsgemeinden nicht überfremden oder überstrapazieren. Im Übrigen fällt auf, dass das PuK-Konzept sich angesichts des häufigen Redens von „Vernetzung“ indirekt als vom Denken in den neuen Dimensionen des Digitalen bestimmt erweist; vielfach dürfte an die Nutzung jenes „Netzes“ gedacht sein, das bekanntlich als mobiles oder stationäres Internet funktioniert. Demgegenüber erscheint herkömmliche „analoge“ Gemeinschaft in Gestalt örtlicher Kirchen- oder Kerngemeinden deutlich relativiert; Personalgemeinden, Richtungsgemeinden, Kommunitäten und virtuelle Gemeinschaftsräume wirken eher oder mindestens genauso up to date. Und alle sind eben miteinander zu vernetzen…

Als Grundaufgabe ist im strategischen Hauptleitsatz zwar mit an vorderster Stelle genannt: „geistliche Gemeinschaft leben“ (41). An welche Art von Gemeinschaft aber, an welche Gemeinschaftsformen ist hier gedacht? Das PuK-Papier fragt sehr bewusst: „Was bedeutet geistliche Gemeinschaft vor Ort, wenn sie gleichzeitig Teil einer weltweiten Gemeinschaft ist?“ (10). Stehen da noch reformatorische Impulse im Hintergrund, die ja auf konkrete Versammlungen und gelebte, diakonisch-liebevolle Gemeinschaft(en) im Kontext der örtlichen Kirchengemeinden verweisen? Gewiss auch, doch eben nicht mehr nur: „Die Gemeinden werden ihre Funktion behalten als stabile Präsenz vor Ort, aber wir werden regional auch andere Formen von Begegnung, Kausalbegleitung, situativer Seelsorge und geistlichen Angeboten brauchen“ (3). Dieses PuK-Votum für „andere Formen von Begegnung“ beruft sich darauf, „dass für viele Menschen – auch für viele unserer Mitglieder – die traditionellen Sozialformen der Kirche nicht primär das sind, was sie suchen und wo Antworten auf ihre Lebensfragen vermuten“ (ebd.). Offenkundig ist hier alternativ neben Personal- und Richtungsgemeinden vor allem an „digitale Räume“ als zeitgemäße Sozialformen gedacht, wohl namentlich an die nicht explizit so genannten Social Media (die von Kritikern auch schon als „unsoziale Medien“ bezeichnet worden sind).

So relativierend wird man kirchentheoretisch insbesondere dann argumentieren, wenn man theologisch „bedürfnisorientiert“ arbeitet, sich also schwergewichtig am Pol der menschlichen Frage ausrichtet. Könnte es indessen sein, dass der Antwortpol des Evangeliums doch eher die Gemeinschaftsform der Kirchengemeinde im Sinne der von den Reformatoren gemeinten „Versammlung“ unter dem Wort und des liebevollen Einander-Verbundenseins in geistlicher communio nahelegt? Oder gilt es tatsächlich um der Zeitgemäßheit willen dieses Herkömmliche im Zeichen technologischen Fortschritts zu transzendieren und zu transformieren? Ist heutzutage gewissermaßen eine communio sanctorum 2.0 anzupeilen?

Der Vernetzungsgedanke unterstellt mit der Offenheit des Netzes einen besseren Zugang zu den in der Ortsgemeinde nicht so Zugänglichen, den nur wenig Verbundenen. Leitend wird von daher die Überlegung, das Arbeiten in Handlungsräumen ermögliche, „dass sich auch die kirchengemeindliche Arbeit mehr an der Gesamtheit der Mitglieder orientiert“ (17). Eher bedauernd bedauernd wird in dem Zusammenhang festgestellt, derzeit fließe ein hoher Anteil personeller Ressourcen in die (Kontakt)Pflege hochverbundener Mitgliedschaft; Kerngemeinde bekomme eine hohe Aufmerksamkeit – „dabei zählen mindestens drei Viertel unserer Mitglieder nicht zur aktiven (Kern)Gemeinde.“ Deshalb peilt PuK das Ziel an, dass künftig nur noch 50 Prozent der Arbeitskraft von Hauptamtlichen im parochialen Dienst in die Pflege der geistlichen Heimat gehen sollten (18). Klaus Raschzok stützt diese Sichtweise, wenn er zwar einräumt, es stehe „gesamtkirchlich eine Re-Fokussierung der missionarischen Aufgabe an“, jedoch zugleich betont, diese dürfe sich nicht länger auf die Gewinnung Hochverbundener richten. Vielmehr solle eine alternative polyzentrische Kirchenentwicklung der Pluralität von sozial Praxen der Mitglieder Rechnung tragen. Es gelte, Räume für selbst gewählte Formen der religiösen Praxis zu eröffnen und damit zu rechnen, dass sich Nähe und Distanz zur Kirche in unterschiedlichen biographischen Situationen variabel konstellieren würden. Neben kirchlicher Verbundenheit durch soziale Nähe gebe es auch die Verbundenheit durch soziale Distanz – und sogar das Umschalten zwischen beiden Verbundenheitsmodi. Bei distanzierten Kirchenbindungsformen handele es sich keineswegs um Entkirchlichungsphänomene, wie Raschzok unter Bezugnahme auf die 5. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft sagen kann, sondern um Formen der Kirchenbindung, die es der Mehrheit der Kirchenmitglieder erlaubten, unter den Bedingungen einer modernen Gesellschaft ein stabiles und den eigenen Lebensumständen entsprechendes Verhältnis zur Kirche zu pflegen. Deshalb fordert er das Aufrechterhalten von offenen „Ermöglichungsräumen“.

Diese strategische Überlegung ist angesichts der Gesamtlage aber keineswegs per se evident. So ist Pfarrerin Kathrin Oxen vom EKD-Zentrum für evangelische Predigtkultur überzeugt: „Eine Volkskirche werden wir nicht bleiben können, wir werden eine Jüngerkirche werden.“ Wenn Oxen Recht hat, würde das eher für die Orientierung am Ziel einer Kirche Hochverbundener sprechen. Wie freilich eine missionarische Ausrichtung auf Hochverbundene zu bewerten wäre, hängt von der theologischen Position ab. Grob skizziert lässt sich sagen, dass eine eher liberale Theologie solche Hochverbundenheit für nicht so wichtig erachten, eine eher konservative oder gar evangelikale Theologie hingegen sie für konstitutiv im Hinblick auf wahre Kirchenzugehörigkeit und verheißungsvolle Kirchenentwicklung betrachten dürfte.

Auf Hochverbundenheit kommt es dem PuK-Programm offenbar weniger an. Ausdrücklich heißt es: „Die Evangelisch-Lutherische Kirche entwickelt in allen Räumen zukunftsorientiert geistliche Formate und Glaubensangebote (Exerzitien, Rituale, Kasualien, Segnungen, Seelsorge etc.) weiter, die Menschen eine intensive, aber zeitlich abgegrenzte Begegnung mit dem Evangelium und mit dem Heiligen ermöglichen, ohne sie auf Dauer mitgliedschaftlich an die Volkskirche binden zu wollen“ (24). Demgegenüber gilt es aber zu bedenken, was Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, ausführt: Schon seit den ersten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen habe sich ein „prägender Mythos“ herausgebildet, wonach die realen Kirchengemeinden eigentlich eine Verfallsform des Christlichen seien; in ihnen würden sich vor allem Restbestände der Mitgliedschaft finden, die eigentlich längst aus der Gesellschaft ausgewandert seien, und viel spannender seien demnach doch die „Distanzierten“ – wobei allerdings die in den Kirchengemeinden anzutreffenden Menschen „genau jene sind, die sich der Kirche und dem christlichen Glauben am stärksten verbunden fühlen. Diese aber, so meint man, würden sich nur mit sich selbst beschäftigen.“ In Wahrheit ist das laut Wegner nie genau untersucht worden: „Statt einmal genau hinzuschauen, was die der Kirche treu Verbundenen und sich religiös Engagierenden tatsächlich denken und tun, richtet sich das Augenmerk vieler Kirchenleitungen – und zwar je stärker die Krise offensichtlich wird, umso deutlicher – eher auf die anderen: auf die, die sich in Distanz zur Kirche befinden.“

Das PuK-Programm ist voll getroffen mit dem, was Wegner weiter beschreibt: „Die neueren Entwicklungen, die nunmehr quer durch Deutschland das Schwergewicht der Ressourcen auf die mittleren Kirchenebenen legen und damit die Gefahr heraufführen, dass die Gemeinden faktisch weiter marginalisiert werden, werden durch die Vorstellung der Möglichkeit neuerer Gemeindeformen jenseits der Parochie legitimiert. Tatsächlich aber geht es ja oft genug … nicht wirklich um die Bindung sich selbst organisierender Gemeinden, sondern um die Bereitstellung religiöser und sonstiger Dienstleistungen, die sich an den unter den distanzierten Christenmenschen vermuteten religiösen und sozialen Konsumentenwünschen orientieren.“

Offen legt das PuK-Papier im Zuge einer Mindergewichtung von Ortsgemeinden zu Gunsten neuerer Gemeinde- und Gemeinschaftsformen „das Schwergewicht der Ressourcen auf die mittleren Kirchenebenen“, indem es betont vom Handlungsraum-Konzept her anstelle von Kirchengemeinden die Dekanate favorisiert: „Der Gedanke ‚Raum‘ korrespondiert mit der schon lange in der ELKB vorherrschenden Erkenntnis, dass die mittlere Ebene gestärkt werden muss. Hierbei sind in erster Linie Dekanatsbezirke im Blick. Teilweise sind Dekanatsbezirke aber größer als z.B. Sozialräume. In diesem Fall ist an Substrukturen von Dekanatsbezirken zu denken. In anderen Fällen ist es sinnvoll, Handlungsräume über mehrere Dekanatsbezirke hinweg zu konzipieren. Es wird vorgeschlagen, den Begriff ‚Handlungsraum‘ zu verstehen als den Dekanatsbezirk oder Teil eines Dekanatsbezirks oder Vielfaches von Dekanatsbezirken“ (14). Kurz und gut: Es geht um „handlungsfähige Größen von Dekanatsbezirken“ (15). Der „Raum“ werde künftig normalerweise der Dekanatsbezirk sein. Theologisch begründet ist dieses Grundpostulat freilich nicht.

Nun ist es durchaus sinnvoll, dass über Gemeinden auch in sie unmittelbar übergreifenden Größen nachgedacht wird, also räumlich benachbarte Gemeinden „sich aufeinander beziehen und kooperieren“ (20). Solches kann zweifellos gut auf Dekanatsebene – neben anderen Ebenen – organisiert werden. Doch sollte diese Ebene auch nicht überschätzt und womöglich überfordert werden. Muss es nicht zu denken geben, wenn aktuell Pfarrer Steffen Kern in einer benachbarten Landeskirche diagnostiziert: Dekane vertreten nicht das „Kirchenvolk“? Zudem warnt Vieweger, dass in PuK eine „abstrakte Raumebene eine unangemessen große Bedeutung bekommt. Und das in einer Zeit, in der sich andere evangelische Kirchen genauso wie das katholische Erzbistum München und Freising gerade wieder von der Zentralisierung auf der so genannten ‚mittleren Ebene‘ verabschieden.“

Der Grund für solche Verabschiedungstendenzen dürfte mit der Erkenntnis zu tun haben, dass der ortsgemeindlichen, also direkten Beziehungsebene doch ein größeres Gewicht zukommt, als in neuerer Zeit oft angenommen wird. So erklärt Wegner: „Wer verlässliche Weitergabe des Glaubens will – die letztlich niemals ohne Familien läuft – der braucht Gelegenheiten und Angebote an Beziehungen; Einübung in den Glauben funktioniert nicht abstrakt-medial.“ Im Unterschied zu der Gemeinschaftsorientierung in Kirchengemeinden erfolge eine Außenorientierung deshalb nicht automatisch, weil sie stets mit erheblichem zusätzlichem Energieaufwand verbunden sei, der irgendwoher bestritten werden müsse. Die neueste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung habe – gegen ihre eigene Intention und entgegen der Tradition ihrer Vorgängerinnen – deutlich die Bedeutung der Kirchengemeinden wiederentdeckt. Da überrasche vor allem eine Zahl, die interessanterweise in der Auswertung zunächst übersehen worden sei: „So fühlen sich 45 % der Kirchenmitglieder ihrer Ortsgemeinde sehr und ziemlich verbunden und ebenso etwa 44 % der evangelischen Kirche insgesamt. Die Landeskirchen, andere evangelisch-diakonische Einrichtungen fallen demgegenüber weit ab. … Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe von Kirchenmitgliedschaft. Die seit vielen Jahrzehnten gepflegte Vorstellung von der Existenz einer großen Gruppe von Evangelischen, die sich der evangelischen Kirche als solcher verbunden fühlen, aber zu den Kirchengemeinden aufgrund deren randständiger Existenz Abstand halten würden, ist mit diesen Zahlen widerlegt.“

Wie Wegner weiter ausführt, gibt es um die Hochverbundenen herum einen Resonanzraum von etwa 45 Prozent der Mitglieder, die prinzipiell das entscheidende Potenzial für eine kirchliche Kommunikation darstellen: „Sucht man nach kommunikativen Potenzialen, so liegen sie in diesem Feld, und nicht unter den Distanzierten.“ Durch die Präsenz der Kirche als Ortsgemeinde gewinne die evangelische Kirche einen Großteil ihrer Sichtbarkeit in der Fläche. „Die der Kirche Höherverbundenen zeigen nicht nur in allen religiösen und kirchlichen Dimensionen höhere Werte auf. Sie sind auch diejenigen, die insgesamt gegenüber Innovationen in der Kirche aufgeschlossener sind. … Damit ergibt sich die große Bedeutung einer meistens kirchengemeindlichen oder jedenfalls intensiveren kirchlichen Kommunikation gerade bei denjenigen, die neue Formen und eine sich insgesamt experimentell verstehende Kirche haben wollen.“ Eine besonders große Bedeutung hätten Kirchengemeinden zudem hinsichtlich der Gewinnung und Aktivierung von Ehrenamtlichen; auf deren Kosten gehe es, sobald man Kirchengemeinden fusioniere.

Es gibt also auch gute, ja handfeste Argumente, die gegen eine Marginalisierung der parochialen Ortsgemeinden sprechen – und für ihre Neugewichtung als von der Kirche angebotene und geschützte „Anders-Orte“. Sie stellen Grundzüge des PuK-Programms in Frage, das laut Corinna Hektor einen durchgehenden „Ton einer Abwertung von Ortsgemeinde und bestehenden Formen“ verrät. Auch Vieweger vermerkt: PuK „kann – obwohl immer wieder auf die Bedeutung dezentraler Entscheidungen hingewiesen wurde – auch auf Kosten der Gemeinden gehen und ihnen Handlungsspielräume nehmen. Zu Recht hat der Gemeindebund Bayern im Vorfeld der Synode den negativen Unterton des ‚PuK‘-Papiers gegenüber den Kirchengemeinden kritisiert. So hieß es ursprünglich, die parochiale Gemeinde sei ‚in ihrer oft statischen Selbstbezogenenorganisation zu wenig einladend‘. Eine Behauptung, die von den Verfassern des Impulspapiers aufgrund der Kritik zurückgezogen wurde.“

Schon schon vor über einem halben Jahrhundert hatte Hugo Schnell der ELKB den biblisch begründeten Sachverhalt ins Stammbuch geschrieben: „Die Kirche darf in keinem Augenblick vergessen, daß sie sich aus den Gemeinden aufbaut, daß sie in ihnen und aus ihnen lebt.“ Der verstorbene Schweizer Dogmatiker Walter Mostert hat unterstrichen, die Universalität der Kirche bestehe nicht in der Zentralorganisation, sondern darin, dass „unendlich viele endliche Gemeinschaften existieren, die alle im Namen des gleichen Herrn versammelt sind. In jeder Kirchgemeinde auf der ganzen Welt existiert die Kirche.“ Klaus Raschzok sieht die Ortskirchengemeinde seinerseits an als „Kirche in nuce, da in ihr alle Vollzüge prinzipiell möglich sind und auch im Wesentlichen, wenn auch fragmentarisch, stattfinden. … Ziel ist ein Verständnis der Ortskirchengemeinde als ‚Nukleus‘ der gesamten modernen Volkskirche. Diese Bewusstseinsarbeit hat zunächst in der Pfarrerschaft selbst und dann in den Leitungs- und Entscheidungsgremien vor Ort wie dem Kirchenvorstand einzusetzen.“

Auch laut Gisela Kittel ist jede Gemeinde „in vollem Sinn Kirche Jesu Christi“ – und kann daher weder von einer anderen Gemeinde noch von einem übergemeindlichen Gremium oder Leitungsamt bedrängt oder aufgelöst werden. Kittel und ihre Mitautoren rufen auch jenseits theoretischer Ansichten aktuell in Erinnerung: „Nach etwa zwanzig Jahren Strukturumbau der Evangelischen Kirche zeigen sich die angerichteten Schäden unübersehbar. Sie sind vor allem in jenen Landeskirchen und Kirchenkreisen zu spüren, die im sogenannten ‚Reformprozess‘ kühn voranschritten.“ Eine bedenkliche Verschiebung im evangelischen Kirchenverständnis habe sich ereignet – mit den Folgen einer Umdeutung des Predigtamtes, einer unevangelischen Vorordnung bestimmter Ämter und Dienste vor andere kirchliche Dienste und einer Veränderung in der Grundorientierung kirchlichen Lebens. Weil die christliche Kirche weithin nicht mehr als die Versammlung der Glaubenden gesehen werde, die auf das Wort ihres Herrn hört, sondern primär als soziale Organisation, sei die Selbsterhaltung des derart organisierten Apparates an die erste Stelle der Vorsorge gerückt: „So schreitet die Institution ‚Kirche‘ über engagierte und bisher ihren Gemeinden treu verbundene Gemeindeglieder hinweg.“

Droht nicht solches mit dem PuK-Konzept in der ELKB mehr und mehr umgesetzt zu werden? Die Frage bleibt in dieser Hinsicht: Werden Gegenargumente im Verlauf der prozesshaften Umsetzung gehört und berücksichtigt werden? Oder wird eine womöglich machtorientierte Durchsetzungsstrategie dafür wenig Raum lassen?


Prof. Dr. theol. habil. Werner Thiede ist Pfarrer der ELKB, apl. Prof. für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und Publizist (www.werner-thiede.de). Sein neuestes Buch heißt: „Evangelische Kirche – Schiff ohne Kompass? Impulse für eine neue Kursbestimmung“ (Darmstadt 2017).

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