Was sich liebt, das neckt sich Siegfried Eckert zu Besuch in Pfarrkonvent Köln-Rechtsrheinisch

Bei dem Konvent am 22. April in Köln-Neubrück waren knapp dreißig Kolleginnen und Kollegen (ein recht gut, aber nicht überdurchschnittlich besuchter Konvent) anwesend, die alle mit großer Sympathie auf den Referenten reagierten. Ich habe niemanden wahrgenommen, der oder die sich mit kritischer Einstellung gemeldet hat.

Eckert berichtete, er sei zu seinem Buch von einem Agenten des Gütersloher Verlags angeregt worden. Ursprünglich sei Fulbert Steffensky angefragt worden, der aber habe abgewunken. Er hat dann einige Überlegungen aus seinem Buch vorgestellt. Seine Ausgangsfrage war, wie das ist, „wenn man sich in seinem Element fühlt“ (angeregt durch eine Geschichte von Eckard von Hirschhausen bzgl. eines Pinguins, der an Land etwas komisch wirkt, aber im Wasser in seinem Element ist). Wo ist der Protestantismus in seinem Element? Auf diese Frage hin habe er „Kirche der Freiheit“ gelesen und sich gefragt, wie es zu diesem Unbehagen, zu dieser Verdunklung protestantischer Werte kommt. Seine Grundthese: Die Kirche steht unmittelbar vor dem Burnout. Die zahlreichen Burnouts im Pfarramt haben nicht nur individuelle, sondern auch systemische Gründe. Das Jahr 2017 wird zum historischen Prüfstand, ob es ein Jahr der Umkehr und der Reformation wird. In diesem Zusammenhang deutete er an, dass es zwischen EKD und er Kirchentagsleitung massive Konflikte um die Gestaltung von 2017 gäbe, führte das aber nicht weiter aus. Eckert meint, das Jubiläum 2017 sei ohnehin längst vor die Wand gefahren (wie kann man eigentlich auf die Idee kommen, den konservativen Katholiken und Verfassungsrichter di Fabio zum Kuratoriumsvorsitzenden zu machen?). Eckert träumt selbst von einem großen Picknick oder ähnlichem auf den Wittenberger Elbwiesen anlässlich des Kirchentages.

Wie kommen wir aus der Tretmühle heraus? Während Gundlach im Blick auf die EKD-Kritiker von einer „sedierenden Wirkung“ spricht und die These vertritt „die da unten kriegen das nicht gebacken“, spricht er selber von einer getriebenen und ausbrennenden Kirche. Er kam dann auf die „Kirche der Freiheit“-Leuchttürme zu sprechen (er selbst bevorzugt das Bild vom Lagefeuer), auf die Strategie von oben und auf die von „Kirche der Freiheit“ geforderte „100%-Kirche“ und nennt sie ein krasses Beispiel von Werkgerechtigkeit; an solchen Zielen könne man nur scheitern. Er spricht die Idee an, Anteil der Ortsgemeinden von 80% auf 50% zu senken, und das Thema Ehrenamtliche: „Wer schützt eigentlich die Hauptamtlichen vor den Ehrenamtlichen?“

Zum Schluss zeigte er per Video einen Ausschnitt aus der Podiumsdiskussion in Bad Godesberg Oktober 2014 mit Rekowski, Gundlach, ihm selbst, moderiert von Eckart von Hirschhausen, vor allem waren einige von Gundlachs steilsten Thesen zu sehen. Bei dieser Gelegenheit meinte Eckert, als Kameras und Mikros abgeschaltet waren, habe Gundlach ihm zugegeben, dass er eigentlich recht hat.

Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass Eckert in der (kirchlichen) Öffentlichkeit sehr viel moderater und konzilianter auftritt als es die zum Teil scharfen Formulierungen seines Buches vermuten lassen. Er sei mit Leidenschaft Gemeindepfarrer und er liebe trotz allem seine Kirche, „was sich liebt, das neckt sich“. Er bezeichnet sein Buch als „Streitschrift“ und fände es seltsam, wenn es nur auf Zustimmung stoßen würde. Als langjähriger Landessynodaler ist er gut in der Landeskirche vernetzt und hat wohl auch einen guten Draht zu Präses Rekowski.

In der anschließenden Austausch-Runde wurde erörtert, ob es überhaupt noch jemanden gibt, der wirklich hinter der „Kirche der Freiheit“ steht. Man hat den Eindruck, dass sich inzwischen alle davon mehr oder weniger distanzieren oder nichts damit zu tun haben wollen, obwohl „Kirche der Freiheit“ schon längst vielfältig umgesetzt wird und durchaus Schaden anrichtet. Allerdings gibt es derzeit keine programmatische Alternative zur Kirche der Freiheit. Bisher haben wir uns kritisch damit auseinandergesetzt (auch angeregt durch die immer wieder zitierte Isolde Karle – „Kirche im Reformstress“), aber jetzt wäre es dringend nötig, theologisch fundiert zu beschreiben, wohin denn der Weg unserer Kirche gehen soll, wenn nicht in die in „Kirche der Freiheit“ beschriebene Richtung. Das wäre jetzt eine vordringliche, aber längst nicht erledigte Aufgabe.

Beobachtet wurde auch, dass solche Diskussionen auf den Pfarrkonventen geführt werden, aber nicht auf der Landessynode. Das führt zur Frage, wie es überhaupt mit der demokratischen Qualitität rheinischer kirchlicher Strukturen bestellt ist. Viele Presbyterien sind ja nicht wirklich gewählt. Auch die Synoden setzen sich aus Delegierten zusammen, die oft deswegen delegiert werden, weil sie schon immer delegiert wurden. Pfarrpersonen werden auf der Kreissynode, Sups auf der Landessynode gar nicht gewählt. Deswegen wird kaum wesentlich anderes geschehen können, als von der Kirchenleitung vorbereitete Entscheidungen abzunicken und sie auch nicht groß zu diskutieren.

Ein Pfarrer meinte allerdings auch, „Kirche der Freiheit“ nicht als Anlass zur Reformverweigerung zu nehmen. Es könne kein Zweifel geben, dass tiefgreifende Reformen unvermeidlich sein. Deswegen wäre es viel konstruktiver, das Reformpapier der EKD als Herausforderung anzusehen, um um den rechten Weg der Kirche zu ringen.

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5 Beiträge
  1. Zitat:(wie kann man eigentlich auf die Idee kommen, den konservativen Katholiken und Verfassungsrichter di Fabio zum Kuratoriumsvorsitzenden zu machen?).Zitatende
    Beispiele hierfür gibt es mehrfach. Der stramm fremdenfeindliche ehemalige bayrische Innenminister Günter Beckstein wird Mitglied des Präsidiums der EKD-Synode.
    Innenminister de Maiziere, der sich erdreistet, die christliche Initiative „Asyl in der Kirche“ mit der islamischen Scharia gleich zu setzen, hat einen Sitz im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages.
    de Maiziere hat sich übrigens, wie mehrfach zu lesen war, nicht von dieser Aussage distanziert. Die Aussage „man hat mich falsch verstanden“ sehe ich nicht als Distanzierung.
    Zitat: „In der anschließenden Austausch-Runde wurde erörtert, ob es überhaupt noch jemanden gibt, der wirklich hinter der „Kirche der Freiheit“ steht. Man hat den Eindruck, dass sich inzwischen alle davon mehr oder weniger distanzieren oder nichts damit zu tun haben wollen, obwohl “Kirche der Freiheit” schon längst vielfältig umgesetzt wird und durchaus Schaden anrichtet“Zitatende
    Bischof Huber, der ja an hervorragender Stelle an dieser Schrift mitgarbeitet hat, sagte „er würde vieles so nicht mehr formulieren“. Trotzdem hat keiner den Mut, diese Schrift einzustampfen. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich sehr gut eignet, geplante Restriktionen umzusetzen.
    Das sich Herr Dr. Gundlach vor den Ehrenamtlichen schützen möchte, ist nachvollziehbar. Wer die evangelische Kirche in Deutschland auflöst, indem er die Gemeinden platt macht, darf sich über harsche Kritik nicht wundern. Da hilft es nun wirklich nicht, dass er hinter vorgehaltener Hand einem sachlich fähigen Kritiker recht gibt. Wenn er seine Einstellung nicht ändert, ist nichts gewonnen.

    • „Kirche der Freiheit“ lässt sich schon längst nicht mehr einstampfen. Wird ja schon längst umgesetzt.

  2. Leider steht in dem Artikel die provokante Frage „Wer schützt eigentlich die Hauptamtlichen vor den Ehrenamtlichen?“ In dieser Zeit kann man die umgekehrte Frage mit derselben Berechtigung stellen.
    Immer mehr EA sind ausgebrannt und geben auf; auch weil diese (stark auf die Hauptamtlichkeit ausgeríchtete) Kirche für die meisten „normalen“ Menschen sehr schwer zu Verstehen ist. Unbestritten sind die „Pfarrer“ für die meisten Menschen und Gemeindeglieder der Indentifikationspunkt der Gemeinden. Immer mehr Gemeinden müssen aber mehr oder weniger ohne Pfarrer in ö.r. Arbeitsverhältnissen auskommen. Bei uns im KK gibt es eine Gemeinde die keinen gewählten Pfarrstelleninhaber mehr hat. Auch in anderen Gemeinden wird mittlerweile ein immer größerer Anteil der „pfarramtlichen Versorgung“ durch Ehrenamtliche gesichert. Meiner Meinung nach wird dieser Anteil immer mehr anwachsen.
    Für die meisten unserer Gemeindeglieder ist die persönliche Ansprache (meist aus Anlass von Brüchen im Leben) in der Ortsgemeinde die wichtigste, und im Endeffekt auch die tragfähigste
    Verbindung zur „Kirche“. Egal ob diese Ansprache durch Haupt- oder Ehrenamtliche stattfindet!
    Es ist m.E. an der Zeit für ein gedeihliches, wertschätzendes und zukunftsweisendes Miteinander!

    • Lieber Herr Hanzen, Ihren Ausführungen kann ich nur zustimmen. Das Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen zu organisieren ist gar nicht so einfach, aber von zentraler Bedeutung. Beide sind aufeinander angewiesen und beide können sich nicht gegenseitig ersetzen.

      • Zwei Anmerkungen noch zum Thema Ehrenamtliche / Hauptamtliche:
        1. Ich glaube, dass die Hauptamtlichen, Pfarrpersonen eingeschlossen, einen gewissen Schutz benötigen. Die Rede vom „allgemeinen Priestertum“ impliziert allzuhäufig, dass die Hauptamtlichen nicht so entscheidend sind. Das Gegenteil ist richtig: Das Ehrenamt braucht das Hauptamt und umgekehrt. Nur miteinander können sich beide ernsthaft entfalten.
        2. In den gegenwärtigen Reformprozessen ist das Ehrenamt nicht wirklich im Blick. Die Ehrenamtlichen sind allenfalls Lückenbüßer, oder aber sie werden in die Ämterhierarchie eingegliedert. Es hat so aber kaum eine eigene Stimme, ein ernsthaftes Gewicht und man gewinnt den Eindruck, sie seien notfalls auch entbehrlich. Wir haben ja noch die Profis….

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