Selbstbewusst vorhandene Rechte konsequent wahrnehmen Ein Statement von Propst emeritus Manfred Kamper (Nordkirche) zur Situation der Kirchengemeinden

Am 29. Mai 2015 tagte die Mitgliederversammlung des Gemeindebundes der Nordkirche, „Gemeinde im Aufwind“. Neben vielen aufschlussreichen Information zur aktuellen Lage der Kirchengemeinden im Zusammenhang mit den Regionalisierungsprozessen, dokumentieren wir einen u.E. auch für die rheinischen Gemeinden beachtenswerten Vortrag von Probst emeritus Manfred Kamper.

Vorbemerkungen zu einer möglichen Rolle der Emeriti im Prozess einer Kirchenerneuerung

  1. Als emeritierter Geistlicher trage ich nur die Verantwortung, die jeder Christenmensch für seine Kirche zu tragen hat. Was die Verantwortung für die Verkündigung des Evangeliums angeht, so besteht die Ordinationsverpflichtung weiter.
  2. Als ein alter Mensch bin ich wie jeder in dieser Lebenssituation aufgrund der reichen Erfahrung in der Gefahr besserwisserisch zu sein. Beim Segeln brachten wir diese Möglichkeit in dem Satz unter: Die besten Kapitäne stehen immer an Land.
  3. Daraus folgt: Die Rolle der Alten kann nur darin bestehen, dass sie ihre Erfahrungen und ihr hoffentlich geübtes Denken einbringen, wenn sie gefragt werden.
  4. Diese Regel muss durchbrochen werden, wenn es sich um Fragen des Bekenntnisses handelt – also den status confessionis berühren. Das geschieht selten.
  5. Alle Angelegenheiten der gegenwärtig zu gestaltenden Kirche sind Sache der aktiv in der Verantwortung Stehenden – ihre allein.

Die gemachten Vorbemerkungen können für die „Gemeinde im Aufwind“ eine Regel sein. Zumindest sollten sie diskutiert werden.

Liebe Schwestern und Brüder,
was also kann einer wie ich zur Beurteilung der gegenwärtigen Situation unserer Kirche beitragen? Ich kann meine Beobachtungen vortragen und damit zur Auseinandersetzung beitragen. Das will ich jetzt in kurzer Form tun.

  1. Ich beobachte eine große Unruhe und eine große Unsicherheit in unserer Kirche, die gepaart ist mit einer Tendenz zur Resignation. Mir scheint es so, dass die Rolle der Pastorinnen und der Pastoren unklar geworden ist. Das war auch schon in Nordelbien so. Einerseits sollten alle in der Kirchen auch alles tun können – inklusive der pastoralen Tätigkeiten. Das Stichwort lautet: keine Pastorenkirche oder Priestertum aller Gläubigen. Auf der anderen Seite war schon vor der EKD-Studie bekannt, welche wichtige Rolle die Pastorinnen und die Pastoren im Bewusstsein der Gemeinden und für deren Erhalt spielen. Die Ordination ist ein Unterscheidungsmerkmal.
  2. Nach meiner Kenntnis der biblischen Botschaft erfolgt die Verkündigung der frohen Botschaft durch personale Kommunikation. Jesus zog herum, redete mit den Leuten und heilte ihre Krankheiten. Menschen können kommunizieren. Strukturen können das nicht oder nur miteinander. Wir wissen, dass das Gespräch, dass die direkte Begegnung, dass das Reden von Angesicht zu Angesicht die Verbreitung des Evangeliums befördert. Dies geschieht überwiegend in den Gemeinden. Dabei sind die Formen der Gemeinde sehr vielfältig. Erkennbar wird eine Gemeinde in jedem Fall daran, dass das Evangelium verkündigt und die Sakramente gefeiert werden. Wenn es gut geht, nehmen Gemeindekirchenräte, Pastorinnen und Pastoren diese Rolle mit Selbstbewusstsein an.
  3. In einem langen Prozess schafft sich unsere Kirche Strukturen, die diesem Gemeindeverständnis widersprechen. Sie entfernt sich damit von den Möglichkeiten der personalen Kommunikation nicht unerheblich. Indikatoren können dafür die flächendeckende Regionalisierung eben so sein wie die noch immer steigende Zahl übergemeindlicher Pfarrstellen. Gerade hier stellt sich die Frage, ob es wegen der empfangenen Ordination Pastoren und Pastorinnen geben kann, die nicht regelmäßig Gottesdienste leiten. Ich glaube nein.
  4. Besonders die geforderte Regionalisierung wird von vielen Gemeinden als obrigkeitlich gewünscht erlebt. Bei der Beurteilung mag auch eine Rolle spielen, dass sie als ein weiterer Schritt der Ökonomisierung verstanden wird. Wie eine Bank versucht die Kirche die kostenträchtigen und unrentablen Zweigstellen zu schließen, größere Einheiten zu schaffen. Das Problem der Ökonomisierung der Kirche verdient eine umfassende Betrachtung.
  5. Nun wäre es ganz sicher völlig falsch zu glauben, dass die Beobachtungen der gemachten Art zu einem Kirchturmdenken führen. Die Zusammenarbeit der Gemeinden spielt im Bewusstsein Vieler eine große Rolle. Was zusammen besser getan werden kann, sollte auch gemeinsam getan werden. Es ist nur streng darauf zu achten, dass Subjekt und Objekt nicht vertauscht werden. Nach dem, was ich gelesen habe, fühlen die Gemeinden sich zu Objekten gemacht. Dabei sollte ihre Rolle doch die der eigenständig handelnden Subjekte sein. Sie haben keinen höheren Willen zu erfüllen. Die Kirchenkreise haben nach der Verfassung keine Legitimation, sich als die Besseren und Klügeren darzustellen, die wüssten, was für Gemeinden nötig ist. Meine Beobachtungen erlauben mir nicht davon zu sprechen, dass es eine nennenswerte theologische Diskussion über die Bedeutung der Gemeinden gibt.
  6. Soweit ich weiß, besteht kein gesetzlich abgesicherter Grund, den Ambitionen der Kirchenkreise folgen zu müssen. Die Verfassung mit ihren Vorschriften gibt eine solche Einschränkung der Souveränität der Gemeinden nicht her. Allerdings können die Kirchenkreise so handeln, wenn kein Widerstand erfolgt.
  7. Wir leben – so ist der Eindruck, den ja auch Propst Gorski in der letzten Ausgabe der Kirchenzeitung geäußert hat – in zwei Kirchen. Die eine ist die der vernünftigen Verfassungsbestimmungen im Sinne einer Kirche der Freiheit. Auf der anderen Seite werden die Wirklichkeit und der kirchliche Apparat als hinderlich und behindernd empfunden. Die Wahrnehmung ist die einer bevormundenden Kirche. Theologisch kommt an dieser Stelle auch der Konflikt zwischen Gesetz und Evangelium oder auch der zwischen Pfingsten und einer schier unüberschaubaren Flut von einschränkenden Vorschriften ans Tageslicht. Wieviel Ordnung verträgt eine Kirche – umgekehrt wie viel Evangelium braucht eine Kirche. Es wäre fatal, wenn gefragt werden müsste, wie viel Evangelium und wie viel Freiheit verträgt unsere Kirche. Die Verfassung ernst genommen bietet durchaus Wege zur Freiheit – eine allzu straffe Ausformung in Gesetzen und Ordnungen erweist sich als evangeliums- und freiheitsfeindlich. Eine Änderung wird weniger durch Gesetzesänderung als durch die Veränderung ihrer Anwendung erreicht. Für die Ebenen Kirchenkreis und Landeskirche ist die demütige Erkenntnis notwendig, dass weder der Kirchenkreis noch die Landeskirche auch nur ein einziges Gemeindeglied haben. Gemeindeglieder zu haben ist das Privileg der sich versammelnden Gemeinden in ihrer vielfältigen Form und Ausprägungen.
  8. Liebe Schwestern und Brüder, lassen Sie mich meine Beobachtungen und Anregungen abschließen: Selbstbewusstsein ist notwendig dazu, der Wille, vorhandene Rechte konsequent wahrzunehmen. Selbstbewusstsein ist notwendig: Pastorinnen und Pastoren sind notwendigerweise etwas Besonderes in dieser Kirche. Sie sind ordiniert zur Verkündigung des Evangeliums mit Wort und Tat. Das ist ein Privileg, zugleich aber auch die Verpflichtung zu einem Einsatz für die Verkündigung, die über diejenige der Gemeindeglieder hinausgeht. Dazu gehört auch zumindest die Bereitschaft, auch Schwieriges gelassen anzunehmen. Für die Zukunft ist es durchaus möglich von der Notwendigkeit einer Leidensbereitschaft zu sprechen. Dies wiederum wird zu einer Veränderung des Pastorinnen- und Pastorenbildes führen. Solche Berufenen, die ihre eigene Überlastung ständig vor sich hertragen werden es in den kommenden schwierigeren Zeiten schwer haben. Kleinmütigkeit ist die Vorstufe der unterwerfenden Anpassung. Nach allen bisherigen Beobachtungen eignen sich Zentralisierungen für schwierige Zeiten nicht. Auch der Ausbau von Hierarchien ist wenig hilfreich. Niemand sollte sich einreden lassen, er oder sie seien nur zu dumm die höhere Weisheit der Kirchenkreise oder der Landeskirche zu erkennen.
  9. Es wird Vieles darauf ankommen, ob es uns gelingt zu einer theologischen Diskussion unserer kirchlichen Situation zu kommen – wie dienen wir dem Evangelium am besten?
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