Schritte in eine andere Richtung Erstes Gemeindebündetreffen mündet in konkrete Vereinbarungen für 2017

Anmerkung 7.10.2016: Wir haben den Artikel noch einmal überarbeitet, um die Ausführungen Kittels korrekter wiederzugeben.

Vom 18. auf den 19. September 2016 trafen sich zum ersten Mal die Gemeindebünde verschiedener Landeskirchen – Berlin Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Nordkirche, Evangelisch-Lutherische Kirche Bayerns und Evangelische Kirche im Rheinland – in Altenkirchen. Als Gäste waren Dr. Gisela Kittel und Dr. Gerhard Wegner beteiligt. Ging es auf dem Hintergrund der Reformprozesse der vergangenen 10 Jahre am Sonntag um Informationen zur derzeitigen Situation der Gemeinden und grundlegende theologische Überlegungen zum Kirchenverständnis, wurden am Montag konkrete Vereinbarungen für das kommende Luther-Jahr 2017 getroffen und mehrere Projekte angestoßen. Allen Teilnehmern war klar: Eine verstärkte Zusammenarbeit der Gemeindebünde ist unerlässlich.

Dr. Gerhard Wegner vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD stellte ausführlich die Ergebnisse des Gemeindebarometers und der fünften Kirchenmitgliederuntersuchung vor und machte deutlich, dass die zentrale Bedeutung der Ortsgemeinde für die Identität und Bindungskraft unserer Kirche evident sei. Dabei gelte es, vor allem die an Kirche Interessierten mehr in den Blick zu nehmen, da dies eine Gruppe von Menschen sei, die am ehesten erreichbar seien und als Multiplikatoren in die Gesellschaft hinein wirken könnten. Ihren zentralen Bezugspunkt habe diese Gruppe jedoch in den Ortsgemeinden, die in letzter Zeit von den Landeskirchen nicht adäquat unterstützt wurden. Statt dessen orientiere man sich bei den missionarischen Maßnahmenkatalogen an den an Kirche Desinteressierten. Hier sei die Chance, Menschen wieder zum kirchlichen Engagement zu motivieren oder deren Austritt zu verhindern eher gering. Trotzdem würden an dieser Stelle viele Investitionen getätigt, die an anderer Stelle fehlten. Das Fehlen einer theologischen Grundlage der Reformprozesse fördere dabei auch die Entstehung einer Kirchenorganisation, die Gefahr liefe, von der Verwaltung beherrscht zu werden.

Dr. Gisela Kittel referierte im Anschluss über den neutestamentlichen Kirchenbegriff und wies noch einmal darauf hin, dass der biblische Befund eindeutig die Parochie, also die lokale Gemeinde vor Ort als Basis der Kirche voraussetze. Dieses Verständnis von Kirche habe die Reformation wieder stark gemacht. Insofern seien Diskussionen um eine Neudefinition des Gemeindebegriffs irrig, vor allem, wenn sie dazu führten, die Stellung der Parochie zu relativieren. Frau Kittel knüpfte am folgenden Tag an die exegetischen Ergebnisse an und stellte das gerade erschienene Buch „Kirche der Reformation?“ (ausführliche Rezension folgt) vor, in dem Erfahrungen mit den Reformprozessen dokumentiert werden und das zu einem Richtungswechsel ermutigen will. Die teilweise erschütternden und in weiten Teilen ernüchternden Berichte machten deutlich, dass ein Umbau der Kirche im Gange sei, der das evangelische Profil in Frage stellt und in vorreformatorisches Denken zurückführt. An manchen Stellen hätte sich dabei ein autoritärer Stil durchgesetzt, der einer sich auf die zuvorkommende Liebe Christi berufenden Gemeinschaft widerspräche. Die Kollateralschäden der Reformprozesse beschleunigten auch innerhalb der Kirche die Entfremdungstendenzen. Die evangelische Kirche – das betonten sowohl Kittel als auch Wegner – sei keine Volkskirche mehr. Insofern müsse sie sich kleiner stellen und gerade überschaubare, lokale Strukturen fördern, anstatt überdimensionierte Organisationen zu schaffen. Doch gerade dies sei derzeit im Gange.

Die Gemeindebünde schlossen sich sowohl in der Analyse als auch in den Forderungen den Aufrufen des Buches an:

  1. bereits auf andere Ebenen transferierte Entscheidungsbefugnisse sind an die Gemeinden und Presbyterien zurückzugeben;
  2. kirchliche Finanzmittel müssen nach unten umverteilt werden, damit sie dort eingesetzt werden können, wo Dienst am Menschen getan wird;
  3. das Subsidiaritätsprinzip, wonach übergeordnete Instanzen nur die Aufgaben übernehmen, die die unteren Ebenen nicht allein leisten können, ist konsequent anzuwenden;
  4. die Stellung und Rechte des Predigtamtes sind nach biblischen Vorgaben wiederherzustellen;
  5. das Ehrenamt, das im Zuge der so genannten Professionalisierung durch Fachpersonal eine Abwertung erfuhr, ist mehr zu achten;
  6. die Dienste kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist wieder lokal zu verorten;
  7. der Selbstbeschäftigungsprozess der Kirche ist zu stoppen;
  8. die Zurüstung in Glaubensfragen muss wieder ein zentrales Aufgabenfeld der einzelnen Gemeinden werden, anstatt diese in zentrale Akademien und Schulungszentren auszulagern;
  9. die versprochene, aber nicht erzielte Transparenz der Kirchenfinanzen ist einzufordern.

Das wirkliche Vermögen der Kirche sind die Menschen, die das Evangelium weitertragen. Doch eben dieser Schatz wird in der gegenwärtigen Evangelischen Kirche mit ihren Strukturveränderungen sträflich übersehen.“ (Kirche der Reformation?, S. 369)

Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, haben sich die Gemeindebünde auf vier Projekte verständigt, die im Jahre 2017 realisiert werden sollen:

  1. das Buch „Kirche der Reformation“ wird intensiv beworben, u.a. mit einer koordinierten Plakataktion;
  2. am 1. Advent 2016 erscheint eine neue Online-Zeitschrift als Organ der Basis für die Basis;
  3. für den 2. April (Sonntag Judika) rufen wir zu einer gemeinsamen Aktion „Thesenenthüllung“ auf;
  4. auf dem Kirchentag 2017 werden wir mit einem gemeinsamen Stand auf dem Markt der Möglichkeiten präsent sein.

Wir laden alle ein, sich an diesen Projekten zu beteiligen und bitten um vielgestaltige Unterstützung! Unter der neuen Internet-Plattform ev-gemeindebuende.de finden Sie in Zukunft weitere Informationen und Kontaktadressen.

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Ein Beitrag
  1. Eine junge Mutter, die vor Jahren aus der evangelischen Kirche ausgetreten ist, begründet das Taufbegehren für ihr Kind mit folgenden Worten:
    „In der heutigen Zeit stehen die Menschen unter einem enormen gesellschaftlichen und beruflichen Leistungsdruck. Ich möchte, dass mein Kind in der Kirche den Freiraum und die Wertschätzung erfährt, die ich selbst dort erlebt habe. Die Konfirmandenzeit mit unserem Pfarrer war für mich sehr wichtig. Ich habe mich zur Gruppe zugehörig gefühlt und gelernt, soziale Verantwortung zu übernehmen.“
    Auf die Frage, warum sie denn trotz dieser positiven Erfahrungen aus der Kirche ausgetreten sei, antwortet sie: „Bald nach meiner Konfirmation wurde unsere Kirche geschlossen und die Gemeinde mit der Nachbargemeinde zusammengelegt. Der Pfarrer wurde abgezogen.“ Das fand sie sehr enttäuschend.
    Kann man die gegenwärtige Entwicklung mit den Umbauprozessen in unserer Kirche treffender beschreiben?
    Diese junge Frau beweist theologische Urteilsfähigkeit gepaart mit einem klaren analytischen Verstand. Sie weiß, was Kirche ist, nämlich der Ort, wo das Evangelium recht verkündigt wird, wo Menschen sich angenommen wissen und füreinander da sind.
    Sie stellt fest, dass die Mitgliederbindung in der Kirche durch die Arbeit vor Ort geschieht.
    Die unter finanziellem Sachzwang durchgeführten Umbauprozesse und Fusionen aber treiben die Menschen aus der Kirche heraus.
    Ich frage mich, wen diese Kirche in Zukunft denn noch verwalten will, wenn sie nicht endlich umkehrt und sich wieder auf ihren Auftrag besinnt.

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