Pfarrerschaft: Mehr Beratungsbedarf durch vermehrtes Organisationsversagen Bericht zu Beratungserfahrungen von 1997-2015 im Pastorenausschuss und Pfarrverein der Hannoverschen Landeskirche deckt gravierende Probleme auf

Der jüngste Bericht über die Beratungserfahrungen der vergangenen 18 Jahre des Pastorenausschusses und des Pfarrvereins Hannovers listet zahlreiche Probleme auf, die durch Reform- und Kürzungsprozesse der Landeskirche verursacht wurden. Pastorale Beratung sei „Seismograph für schwerwiegende Verwerfungen, die seit etwa zwanzig Jahren unsere Landeskirche zunehmend beschädigen“, heißt es in der Einleitung des sechsseitigen Papiers. U.a. werden Pfarrstellenkürzungen und Gemeindefusionen als Ursache genannt, die trotz steigender Kirchensteueraufkommen und entgegen den Bedürfnissen der Basis bis heute weiter betrieben werden.

Gegen unseren immer wieder schriftlich wie mündlich vorgetragenen Rat wurden Gemeindepfarrstellen zu 40%, mancherorts sogar bis zu 50% gestrichen, Gemeinde-PastorInnen in übergroßen Pfarrbezirken mit 3.500 – 4.000 GG bis zur Erschöpfung mit übermäßiger, pastoral nicht mehr zu verantwortender Arbeit von 54 bis 60 Wochenstunden überhäuft und in Langzeiterkrankungen getrieben und zudem durch die rigorose Abweisung von ca. 350 examinierten PfarramtsbewerberInnen, zum Teil ihre eigenen Söhne und Töchter, zutiefst empört. „Wir dürfen doch die Weihnachtsgans nicht fragen, ob sie geschlachtet werden soll!“ Mit diesem verräterischen Satz begründet ein führender Synodaler die bedenkenlose Streichung der für unsere Landeskirche so zentral wichtigen Gemeinde-Pfarrstellen.

In dem Bericht wird anhand von harten Zahlen zudem mit Vorurteilen aufgeräumt. So bewegt sich die Zahl der Gemeindepfarrstellen im Jahre 2004 auf dem Niveau von 1954 (leichtes Minus von 1,35%), während sich z.B. die Vollzeitstellen kirchlicher Mitarbeiter und Kirchenbeamter im selben Zeitraum um 400% erhöhten. Laut Bericht macht sich diese Unwucht in den Austrittszahlen seit 1954 bemerkbar: Waren es bis 2004 im Durchschnitt 0,41% Austritte im Jahr, stieg dieser Prozentsatz in den Jahren 2004 – 2015 auf 1,2%.

Auch mit der Mär vom Rückgang der Kirchensteuereinnahmen wird aufgeräumt.

Gegen unseren eindringlichen Rat übernahmen die landeskirchlichen Meinungsmacher etwa um 2004 dankbar die abstruse Horrorprognose der EKD von der angeblichen Halbierung der Kirchensteuer bis 2030. Denn sie wollten unbedingt die Gemeinde-Pfarrstellen als Einsparpotential nutzen. Heute wird nur noch verschämt von 30% Verlust gesprochen. Doch in Wahrheit sind die Kirchen-Steuer-Einnahmen in der EKD im letzten Jahrzehnt um über 30% gestiegen, nachdem sie sich von 1967 bis1970 verdoppelt und von 1970 bis 1990 verdreifacht hatten (s. K.R. Ziegert, DtPfBl 10,2014, S. 561)! So sind auch unsere Kirchensteuer-Einnahmen zwischen 1997 bis 2014 um 33% gestiegen, von 400 Mio. € auf ca. 531 Mio. €. Und diese Entwicklung war 2004 tendenziell vorhersehbar. Dennoch wurden drohende Einnahmeverluste als sicher unterstellt und G-Pfarrstellen gestrichen.

Darüber hinaus wird die Machtverschiebung zugunsten der mittleren Ebene thematisiert. Die 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung habe die Bedeutung der Ortsgemeinde und des Gemeindepfarramtes hervorgehoben.

Doch von dieser Erkenntnis unbeeindruckt betreiben „insbesondere die Superintendentinnen und Dekane, Pröpstinnen und Kreispfarrer“, die nach ihrer Selbsteinschätzung „die Kirche der Zukunft leitend gestalten“, (s. epd-Doku. 36 v. 09.09.2014, S. 2) unter Einsatz erheblicher Kirchensteuermittel den als „Reform“ kaschierten Versuch unverdrossen weiter, die Kirchenkreise als neue Identifikationsorte für die Gemeindeglieder zu etablieren und dafür Ortsgemeinden personell und finanziell auszudünnen oder gar aufzulösen. Zum Schluss verschleiern diese „Kirchen-Reformer“ ihre simple Gemeinde-Enteignung und Abwicklung der Volkskirche auch noch als „gottgewollte Weisung“ in eine neue kirchliche Zukunft.

Der Bericht beinhaltet diesbezüglich eine interessante Gegenüberstellung von Austrittszahlen:

 Besonders reformfreudige Kirchenkreise verloren mit 20% bis 26%, ja sogar mit 31% (Staki Hannover) und 33,6 %(!) Bremerhaven) noch mehr Mitglieder. Anders orientierte Kirchenkreise und Kirchengemeinden mit hinreichender pastoraler Versorgung verzeichneten dagegen für 1996 bis 2014 deutlich geringere Mitgliederverluste wie z.B. der KK Aurich mit „nur“ 4,8%, der KK Rhauderfehn sogar ein Plus von 1,1% ! Im scharfen Kontrast zum Staki-Verlust von 31,1% verlor eine nicht-fusionierte Innenstadt-Gemeinde in Hannover „lediglich“ 6,6% ihrer Mitglieder, in den letzten zwölf Jahren sogar nur 1% (landeskirchlicher Trend: 13%).

Fazit:

Schon diese wenigen Beispiele belegen: die schwerwiegenden Mitgliederverluste kann niemand durch Demografie oder den angeblichen „Tebartz-van-Elst-Effekt“ wegerklären. Diese verhängnisvolle Kirchenkreis-Kirche mit ihrer massenhaften Vernichtung von Gemeinde-Pfarrstellen muss die Verantwortung für die enormen Mitgliederverluste schon selbst übernehmen. Denn wir verlieren Kirchenmitglieder (2012: 36.415) vor allem durch selbstverschuldete Austritte (2012: 16.400) und durch den auch im Vergleich zur Geburtenrate in Niedersachsen überproportionalen Rückgang der Kindertaufen (2012: 4000). Und hier wirken pastoral gut aufgestellte Kirchenkreise und Gemeinden eben wesentlich erfolgreicher als pastoral entkernte Gebiete.

Parallelen zu unserer Landeskirche (EKiR) und deren Reformprozesse sind natürlich rein zufällig und nicht beabsichtigt 😉


→ den ganzen Bericht lesen …

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