Lohnt es wirklich, sich einzumischen? Persönliche Notizen von Pastorin Ellen Kasper, Vorsitzende des Pastorenausschusses der Hannoverschen Landeskirche

Dass die Reformprozesse auch mit einer gewissen Gängelung von Pfarrerinnen und Pfarrern und Gemeinden einhergehen, die den Umbaumaßnahmen kritisch gegenüberstehen und dies auch äußern, diese Erfahrung machen wir auch in der EKiR. Die Unterschiede, wie offen und konstruktiv auch Widerstände diskutiert und überhaupt artikuliert werden dürfen, machen dabei oft die Leitungsorgane auf Kirchenkreisebene aus. Die Reaktionen auf entsprechende Beiträge auf Synoden oder in Konventen reichen von Augenrollen der KollegInnen bis zu subtil oder offen ausgetragenen persönlichen Scharmützeln, die manche Amtsträger schon mürbe, ja sogar krank gemacht haben. Die Schwächung der ortsgemeindlichen Basis geht scheinbar einher mit einem neuen Selbstbewusstsein der zweiten und dritten Leitungsebene (Superintendent, KSV, Kirchenleitung), die in manchen Auswüchsen schon Züge von Obrigkeitsverhalten aufweist. Auch Pastorin Ellen Kasper, Vorsitzende des Pastorenausschusses der Hannoverschen Landeskirche, kann ein Lied davon singen.

In aller „Freiheit“ wird geleitet: Kirche habe kein Regelungsdefizit, sondern ein Vollzugsdefizit, sagte neulich ein Jurist im LKA. Mir scheint, es gibt auch ein erhebliches Defizit an klaren nachvollzíehbaren Regeln, leider fast immer zulasten der PastorInnen. Es sind ja eben nicht faule, unfähige KollegInnen, sondern meistens die profilierten, kreativen, aktiven, ja auch widerständigen und kritischen KollegInnen, die in Konflikte geraten. Inzwischen aber auch zunehmend kranke, angeschlagene, ausgebrannte, depressive Amtsgeschwister.

Nach vielen Berührungen mit der Kommunikation der Kirchenleitung frage ich immer öfter nach den Kontrollmechanismen in dem System: Gibt es ein kritisches Korrektiv innerhalb der Kommunikation und in den Entscheidungen der Kirchenleitung? Vieles bleibt intransparent, vieles wird nicht kommuniziert. In jedem rationalen Unternehmen gibt es eine Erfolgskontrolle – Konsequenzen für schädigendes, zerstörerisches Organisationsversagen, demotivierendes Leitungshandeln. Checks and balances – wie funktioniert das innerhalb der Kirche?

Lohnt es wirklich, sich einzumischen? Oder andersherum gefragt: Ist es nicht klüger, in der Deckung zu bleiben? Sollte ich diesen Artikel vielleicht nicht schreiben? Doch ich schreibe, denn es herrscht Meinungsfreiheit und manches muss eben mal gesagt werden, weil ich hoffe, dass es KollegInnen Mut macht, aus der Vereinzelung, der Ohnmacht herauszutreten und nicht zu warten bis nach 1-2 Jahren heimlichen Ringens mit KVs oder SuperintendentInnen wenig zu retten ist. Vielleicht will ich auch warnen. Ja, mein Organisationsvertrauen hat in den wenigen Monaten schon sehr gelitten.

Wofür war ich nochmal angetreten? Ich erinnere mich: Restitution des Gemeindepfarramtes, denn nach neutestamentlichem Verständnis ist die Ortsgemeinde, die Basis, die personale Beziehung das Konstitutivum unserer Kirche. Übergeordnete Leitungsämter und Verwaltungsstrukturen haben der Gemeinde zu dienen und haben keine eigene Dignität. Letzteres wird neuerdings behauptet, von TheologInnen und von Juristen. Dabei entspringt doch jedes bisschen persönlicher Glaube aus Begegnungen, aus dem Erleben von christlicher Gemeinschaft an einem konkreten Ort, aus dem Wort, dem einzelnen Menschen individuell zugesprochen. Diese Ich-Du-Beziehung, wie sie im dialogischen Prinzip von dem jüdischen Philosophen Martin Buber wunderbar entfaltet wird, ist doch die Grundlage des jüdisch-christlichen Denkens, dachte ich immer. Aber Kirchenleitungen lassen sich jetzt von Kommunikationsfachleuten „coachen“ und orientieren sich an den Lehren der Soziologen und Marktforscher.

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