KMU V: Reformfreundliche Fragen Manipulative Fragen weist Herbert Dieckmann aus der Hannoverschen Landeskirche bei der KMU V nach

„Zwei Jahre lang hielt die EKD ihre Befragungsergebnisse der fünften Kirchenmitgliedschaft-Untersuchung von 2012 unter Verschluss. Lediglich ekd-interne Interpreten durften im März 2014 Teilergebnisse vorlegen, die sie so weit wie irgend möglich anti-parochial und anti-pastoral deuteten. Freilich durchschaute schon der erste kritische Blick diese Umdeutung und erkannte die klare Gemeinde- und PastorInnen-Orientierung der befragten Evangelischen sowie ihre völlige Ignorierung jener „Kirchenkreis-Kirche“, die doch in den letzten zwanzig „Reformjahren“ mit so großem finanziellen, medialen und nicht zuletzt emotionalen Aufwand unter weitgehender Enteignung der Ortsgemeinden als angeblicher Wunschtraum der Kirchenglieder propagiert worden war.“

Erst am 7. 12. 2015 beendete die EKD ihre unseriöse Geheimhaltung! Unter dem Titel: „Die fünfte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft: Vernetzte Vielfalt – Kirche angesichts von Individualisierung und Säkularisierung“ sind nach einer erweiterten KMU-V-Auswertung (S. 16-456) auch alle Fragebögen und ihre Beantwortungen sowie vor allem die Sozialstatistik endlich erschienen. Und nun zeigt sich das ganze Recht der Kritik an einer Stelle, an der es bisher niemand vermutet hatte.

Die monströse Großstadt-Dominanz der befragten Evangelischen verhält sich geradezu umgekehrt proportional zur realen Bevölkerungsverteilung mit ihrem ländlich-kleinstädtischen Übergewicht, wie es gerade für Niedersachsen typisch ist. Dieses katastrophale Missverhältnis zerstört die Repräsentativität der KMU V, deren Befragung im Grunde wiederholt werden muss:

Aus Großstädten (Bevölkerungsanteil insgesamt lediglich 30,6 %) stammen 78 %, also mehr als Dreiviertel aller befragten Evangelischen! Hier hätten also statt 1.572 Kirchengliedern lediglich 617 interviewt werden dürfen!

Aus dem ländlich-kleinstädtischen Raum, in dem über Zweidrittel der Gesamtbevölkerung lebt (68,3%), stammt nur ein gutes Fünftel (21,7 %) der befragten Evangelischen. Hier hätten 1.377 Kirchenglieder interviewt werden müssen, es waren aber nur 438!

Der ländliche Bereich hat deutschlandweit einen Bevölkerungsanteil von 41% (Niedersachsen sogar 47%!). Doch aus dieser Gruppe wurden nur 9% der Stichprobe befragt. Statt 827 Kirchengliedern interviewte man hier nur 181!

Jeder unvoreingenommene Beobachter fragt sich jetzt natürlich ganz erschrocken: „Warum macht „man“ so etwas? Unternehmen, Verwaltungen, Organisationen, die auf solche falschen Zahlen ihr Handeln gründen, setzen doch ihre Existenz aufs Spiel, wie z.B. VW und Deutschen Bank jetzt schmerzhaft erkennen! Dabei hatte 2002 die KMU IV bei ihrer Befragungsauswahl die wohnortmäßige Bevölkerungsstruktur noch sorgsam beachtet!“

Das Motiv für diese abenteuerliche Auswahl-Verdrehung ist leicht aus ihrer vermutlichen Wirkung zu erschließen: Es sollte wohl das kirchensoziologische Wunschbild einer gemeindefernen und pastoren-distanzierten, allein auf übergemeindliche Dienste bezogenen Großstadt-Kirche bestätigt werden.

Ein solches bemerkenswertes Fehlverhalten von Kirchensoziologen bezeichnet Gerhard Wegner in seinem sehr lesenswerten Überblick zum KMU-V-Berichtsband im Dt. Pfarrerblatt von Januar 2016, S. 20f. ganz zu Recht als „argen Realitätsverlust“, den er dann sehr plausibel mit der „Tradition der KMU“ begründet, die „selbst mit ursächlich für eine Ausblendung der Kirchengemeinden aus vielen Bereichen der empirisch sozialen Erforschung der kirchlichen Praxis der letzten Jahrzehnte gewesen ist. Kirchengemeinden galten spätestens seit den End60er Jahren für viele…als im Kern bornierte, milieuverengte, überalterte und sozial letztendlich marginalisierte Restbestände des volkskirchlichen Christentums. Sich näher mit ihnen zu beschäftigen, galt deswegen als relativ langweilig; die große Zahl der kirchlich distanzierten Mitglieder zog wesentlich mehr Interesse auf sich, als die Lebenswelt der hochverbundenen Kirchenmitglieder in den Kirchengemeinden.“

Doch all diese Tricks haben letztlich nichts gefruchtet: weder die abstrus großstadt-lastige Befragten-Auswahl noch die antiparochiale und antipastorale Befragungsstrategie oder die gemeinde- und pastorenkritischen Umdeutungsversuche von 2014 konnten verhindern, dass sogar die KMU V gleichsam wider Willen feststellen musste:

Gemeinde-PastorInnen gelten für die Evangelischen weiterhin als kirchlich zentrale Schlüsselpersonen, als Hauptrepräsentanten der Gemeinden und Hauptadressaten der Kirchenglieder-Erwartungen an gemeindlich-pastorale Arbeit.

Zudem bleiben aus der Sicht der Kirchenglieder, was gewiss nicht nur Gerhard Wegner erkennbar überrascht, die Ortsgemeinden eindeutig die Basis der Arbeit der evangelischen Kirche“, „die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft“ (s. ebd. S. 21).

Entgegen der – zuletzt im EKD-Impulspapier von 2006 – stereotyp wiederholten These zu angeblich „milieuverengten Ortsgemeinden“ ist die Gemeinde-Verbundenheit gerade nicht auf bestimmte soziale Milieus oder biographische Verhältnisse beschränkt“, sondern gehört nach Jan Hermelink und Gerald Kretzschmar vom Wissenschaftlichen Beirat der EKD „zur normalen durchschnittlichen Einstellung der Kirchenmitglieder.“ Denn „auch unter den Bedingungen moderngesellschaftlicher Differenzierung, religiöser Vielfalt und biographischer Mobilität scheint die Kirche vor Ortaus der Sicht der Mitglieder von hoherja gelegentlich identitätsstiftender Bedeutung zu sein.“ (s. Die fünfte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh, 2015, S.66f.)

Trotz dieser erfreulichen „Beinahe-Revision“ der KMU-Auslegung von 2014 bleibt es weiterhin wichtig, Reinold Bingeners Befürchtung ernst zu nehmen, „dass es in Teilen der Führung der evangelische Kirche keine Scheu gibt, hartnäckig an den empirischen Erkenntnissen vorbeizuarbeiten.“ (s. FAZ vom 09.03.2014.) DieseGefahr bestätigen dann sofort die „Perspektiven für die kirchenleitende Praxis“ des Wissenschaftlichen Beirates der EKD für die V. KMU. Obwohl doch die vorrangige Gemeinde-Orientierung der Kirchenglieder nun eindeutig erkannt und vielfach belegt ist, besteht der EKD-Beirat – davon sichtlich unbeeindruckt – auf ein gleichrangiges Nebeneinander von Ortsgemeinden mit den „Gemeinden auf Zeit“ und fordert unverdrossen die konsequente Förderung einer polyzentrischen Entwicklung“ bei strikter Ablehnung kritischer Nachfragen zu den zahlreichen und kostspieligen übergemeindlichen Einrichtungen, die offenbar sehr geschätzt, aber so gut wie nie kritisch hinterfragt, geschweige denn evaluierten werden. (s. Die fünfte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh, 2015, S. 450 u. 451.)

Dabei müsste doch jede verantwortliche Beratung der Kirchenleitung dringend anraten, bei ihrer Erörterung der Befragungsergebnisse die „Missweisungen“ aufgrund falscher Befragten-Auswahl und Fragestrategie miteinzurechnen und von einer erheblich stärkeren Pastoren- und Gemeinde-Orientierung auszugehen. Doch es ist eher so, als wolle der Beirat die Kirchenleitung gegen die wichtigste Schlussfolgerung aus der KMU V immunisieren, die Isolde Karle aufzeigt: Eine Kirchenreform im umfassenden Sinn ist nicht indiziert…Vieles läuft gut in der evangelischen Kirche, sie kann an Bewährtes anschließen. Behutsame Korrekturen sind hier und da erforderlich, aber dabei geht es um eine sensible Feinsteuerung, nicht um grundsätzliche Innovationen und Strukturveränderungen.“ (s. ebd. S.127)

Leider können wir Isolde Karles Einschätzung für unsere hannoverschen Gemeinden nicht bestätigen: Denn es läuft schlecht für sie, sehr schlecht sogar! Und unsere Kirchenleitung muss nicht zuletzt aufgrund der KMU V endlich die „Reform der Reform“ einleiten und den Ortsgemeinden wieder die Mitteln zurückgeben, die sie für ihre zentrale kirchliche Arbeit dringend benötigen. Sonst werden uns noch mehr Kirchenmitglieder verlassen!

Darum müssen wir auf Wegners kritischen Einwand, weil Kirchengemeinden mindestens Zweidrittel der gesamten kirchlichen Ressourcen erhielten, seien sie mitverantwortlich „für die offenkundigen Verfallserscheinungen kirchlicher Performanz“ (s. ebd. S.21), Dreierlei erwidern:

(1) Kirchengemeinden erhalten trotz ihrer hohen Bedeutung für die evangelischen Kirchenglieder nur 40% aller kirchlichen Geldmittel.

(2) Nach diesen beiden bitteren Jahrzehnten gezielter Gemeinde-Schädigung durch viele Pfarrstellen-Streichungen, Fusionen, Regionalisierungen, Geld- und Geltungsentzug bei gleichzeitiger Aufblähung von Kirchenkreisen und gemeindefernen Diensten nun die Kirchengemeinden für den Verfall der Landeskirche mitverantwortlich zu machen, das ähnelt dem Vorwurf an Beinamputierte, warum sie nicht schneller und leichtfüßiger liefen.

(3) Gerade die gemeindeschädigenden Reformen erhöhen den Mitgliederverlust enorm:

Verlor z.B. die hannoversche Landeskirche in den ersten acht „Reform-Jahren vom 1995 bis zum 2003 „nur“ 5,5 % ihrer Mitglieder, so ist dieser Verlust in den letzten acht Jahren von 2007 bis 2015 auf dem Reform-Höhepunkt um das Doppelte (!) auf 10,9% gestiegenDer Verlauf dieser Verluste gleicht einer Fieberkurve der gemeindefeindlichen „Reformen“:in den reformmoderaten Jahren 1995-1998 betrug der Jahresverlust noch 0,54%; in den reformfreudigen Jahren 1998-2007 stieg er dann schon um die Hälfte auf 0,82%, um danach im Taumel eines irrationalen Reformfeuers von 2007- 2015 auf 1,39% hochzuschnellen. Im gesamten Reformzeitraum von 1995-2015 verlor die hannoversche Landeskirche insgesamt 18,6% ihrer Mitglieder, das sind 614.528 Evangelische!

Fazit von Anneus Buismann:

Auf dem Rummel mag sie ja vorzeiten eine Attraktion gewesen sein, die „Dame ohne Unterleib“, doch ob das, was zur Zeit in unserer Kirche abläuft, auch Menschen anzieht, wage ich zu bezweifeln.

Die Ausdünnung der Gemeinden vor Ort schreitet weiter voran und entmutigt Haupt– wie Ehrenamtliche gleichermaßen. „Kirchspiel“  heißt eines der neuen „Reform-Zauberworte“ . Klingt gut, irgendwie wie von früher, aus der `guten alten Zeit´. Bedeutet aber Ausdünnung. Weg von den Menschen.

Ich hörte einen unserer Kirchenleitenden über die Zukunft unserer Kirche reden. Bald, so sagte er, werden wir nur noch in zentralen Orten eigens ausgebildete Theologen haben. Später wird der Überbau zusammenbrechen. Was bleibt, sind dann auf sich gestellte Gemeinden.

Meine Frage: wenn die Zukunft von Kirche am Ende nur als „Kirche vor Ort“  gesehen wird (eine Ansicht, die ich teile), warum stärkt man dann nicht schon jetzt die Gemeinden? Es gäbe vieles andere, auf das wir verzichten könnten. Allein, der Mut dazu fehlt und auch der Wille. Denn es bestimmen zu viele Profiteure des Status Quo Minus die derzeitige Entwicklung.

So kommt, was kommen muss:  der Oberbau wird ausgebaut. Oder wie sonst soll man es verstehen, dass Superintendenten von einer Synodensitzung auf die andere (mit abgewürgter Aussprache) mal eben so nach A16 hochgestuft wurden. Bei der Vergütung der Gottesdiensteinsätze von Ruheständlern tut man sich da wesentlich schwerer und da sind nur minimale Summen im Gespräch. Anfang letzten Jahres, so hieß es, solle sie kommen. Dann hieß es: Herbst. Inzwischen ist sie wohl ganz aus dem Blick geraten. Gut, dass Michael Gierow, Synodaler des Kirchenkreises Lüchow-Dannenberg, auf der letzten Synode den Antrag stellte, das Landeskirchenamt möge über die in Arbeit befindliche Honorarordnung für Pastoren im Ruhestand berichten. Ob sich jetzt etwas tut?

Wie bei der Fokussierung auf den Oberbau mit zahlreichen Tricks gearbeitet wird, das hat unser unermüdlicher und akribisch nachbohrender Dienstrechtsberater Herbert Dieckmann aufgedeckt: er verglich die Erhebungsgrundlage der EKD Mitgliedschaftsbefragung IV  mit der V. . Hatte man zehn Jahre vor der neuesten Untersuchung, getreu der tatsächlichen Verteilung der Bevölkerung zwischen Stadt und Land, noch flächendeckend untersucht, so fragte die jüngste Untersuchung überproportional in städtischen Ballungsgebieten! Vielleicht, dass man sich dadurch eine stärkere Wahrnehmung von Kirche in der Bevölkerung über Events, Leuchttürme und übergemeindliche Angebote erhoffte, für eine Kirche mit starkem Überbau also. Nur Pech, dass sich auch bei dieser Verschiebung die Befragten nicht davon abhalten ließen, mehrheitlich die Kirche als Gemeinde vor Ort wahrzunehmen und in dem/r PastorIn die wichtigsten Repräsentaten zu sehen. Weshalb auch manche aus dem Oberbau schnell versuchten, das Ergebnis kleinzureden.

So kann man getrost in den eingetretenen Pfaden sogenannter „Reformen“ weitermachen. Die Dame ohne Unterleib war eine Täuschung, war Illusion, die Kirche ohne Unterbau schreitet voran.


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