KMU V: Manipulative Interpretation? Von der Schwierigkeit, ein liebgewordenes Tabu endlich aufzugeben ...

Herbert Dieckmann weist in seinem Artikel im aktuellen Deutschen Pfarrerblatt darauf hin, dass die Ergebnisse der neuen Kirchenmitgliederumfrage auf fragwürdige Weise interpretiert werden. Er sieht durch die Reformprozesse vor allem die Pfarrerschaft vor Ort marginalisiert. Die „landeskirchlichen Meinungsmacher (innerhalb der EKHN, der Verf.) wollten die Gemeindepfarrstellen als willkommenes Einsparpotential nutzen, weil sie behaupteten, die Kircheneinnahmen würden sich bis 2030 halbieren. Tatsächlich sind die Kirchensteuereinnahmen in der EKD im letzten Jahrzehnt um über 30% gestiegen, nachdem sie sich von 1967 bis 1970 verdoppelt und von 1970 bis 1990 verdreifacht hatten! Darum war 2004 diese Entwicklung tendenziell vorhersehbar. Dennoch wurden drohende Einnahmeverluste als sicher unterstellt und sogleich PastorInnen als überflüssige Amtsträger identifiziert, die lediglich hohe Ausgaben verursachen und zudem das eigenständige Wirken engagierter Ehrenamtlicher behindern und Mitarbeitende autoritär und inkompetent behandeln würden. Stereotype PastorInnenschelte mit ernster Warnung vor einer antiquierten »Pastorenkirche« war seinerzeit »angesagter Ton«. Dass den PastorInnen als einziger kirchlicher Dienstgruppe die Gehälter erheblich gekürzt, etwa 350 junge TheologInnen trotz bestandener Examina einfach abgewiesen und vor allem viele Gemeindepfarrstellen (in manchen Kirchenkreisen bis zu 50%) ohne nennenswerten Widerstand kurzerhand gestrichen wurden, verstand sich danach beinahe von selbst.“

Dieckmann konstatiert:

Diese innerkirchliche Herabsetzung pastoralen Wirkens war keine unbedachte Schikane, wie die Pfarrvertretungen anfangs meinten. Die gezielte Entwertung pastoraler Gemeindearbeit hatte vielmehr eine andere Funktion: Sie sollte die dramatische Umverteilung kirchlicher Gelder von der Gemeinde auf den Kirchenkreis und die Landeskirche legitimieren, den forcierten Aufbau des Phantoms einer »Kirchenkreis-Kirche« begründen und den Gemeinden erklären, warum trotz stetig steigender Kirchensteuereinnahmen dennoch ihre Pfarrstellen massenhaft verschwanden, obwohl gleichzeitig erstaunlich viel Geld für aufwändige Prestigeprojekte, kostspielige Diakonie-Insolvenzen und eine immer größer werdende Schar von Mitarbeitenden da war. So wurden z.B. innerhalb von 30 Jahren in einem Kirchenkreis bei einem Mitgliederverlust von 17% die Zahl der Mitarbeitenden noch um 10% erhöht, die Stellen der Verwaltung unvermindert weitergeführt, doch die Zahl der Pfarrstellen tatsächlich um 35% gekürzt! In einer solchen kirchenpolitischen Landschaft blieb es natürlich »un-erhört«, von der pastoralen Schlüsselrolle zu sprechen. Dabei hatten schon seit 1972 die vier großen EKD-Befragungen die hohe Wertschätzung des Pfarramtes durch die Kirchenmitglieder eindeutig aufgezeigt – im Übrigen zur großen Verwunderung der EKD selbst, wie Rüdiger Schloz, der Geschäftsführer dieser vier Untersuchungen, der VELKD-Pfarrvertretung einmal freimütig gestand.

Dieser Trend soll nun durch zielgerichtete Interpretation der Mitgliederbefragung fundiert werden. Dabei moniert Dieckmann zurecht ein Dilemma:

Im zweiten Jahr nach der Befragung werden der kirchlichen und der gesellschaftlichen Öffentlichkeit dankenswerterweise erste Interpretationen von ausgewählten Ergebnisse vorgelegt. Doch leider ist diese Deutungsauswahl nicht – wie sonst bei vergleichbaren Untersuchungen üblicher Standard – kritisch überprüfbar, weil bis 2015 sowohl die verwendeten Fragebogen wie vor allem die vollständigen Befragungsergebnisse nicht öffentlich zugänglich sind, so die Auskunft des SWI der EKD im August 2014.

Schließlich sollten laut Dieckmann die bisher veröffentlichten Ergebnissen der Umfrage bisherige Umbaumaßnahmen in Frage stellen.

»Trotz aller medialer Investitionen gilt: Sehr viele Menschen – und ganz besonders in der jüngeren Generation – nehmen kaum etwas wahr von der Kirche. Und diejenigen, die sie noch wahrnehmen, nehmen vor allem den Geistlichen/die Geistliche vor Ort wahr, insbesondere sein/ihr Kasualhandeln. Die evangelische Kirche ist im Wesentlichen eine Vor-Ort-Kirche. Kirchenkreis-, Dekanat- oder Propsteiebene sind in der Regel unsichtbar wie die Ebene der leitenden Geistlichen einer Landeskirche«. So resümiert der Geschäftsführer der EKD, Thies Gundlach, den Erkenntnisertrag der KMU V. Damit wird geradezu offiziell das kapitale Scheitern des illusionären, doch mit enormem finanziellen und personellen Aufwand betriebenen »Reform«-Versuchs festgestellt, Ortsgemeinden auszudünnen oder gar aufzulösen und an ihrer Stelle die Kirchenkreise als neue Identifikationsorte für die Gemeindeglieder zu etablieren. Dennoch behaupten die Propagandisten der Kirchenkreis-Kirche weiterhin, es seien »insbesondere die Superintendentinnen und Dekane, Pröpstinnen und Kreispfarrer, die die Kirche der Zukunft leitend gestalten.«

Dabei müssten doch angesichts des klaren pastoren- und gemeindeorientierten Votums unserer Kirchenglieder nun alle Reformer, denen es wirklich um die Zukunft unserer Kirche geht, inne halten und endlich umkehren von ihrem falschen Weg. Doch stattdessen verharren sie – trotz formaler Kenntnis der KMU V – uneinsichtig in ihrem eingespielten Argumentationsmuster: Zunächst ängstigen sie immer noch die Gemeinden mit einer »kleiner«, ärmer« und »älter« werdenden Kirche. Dann präsentieren sie – in klassischer Betriebsberater-Manier – den Kirchenkreis als Fusions- und Regionalisierungs-Retter in der Not. Und diese Rettung sei »alternativlos« und darum nur noch in ihrem »Wie«, nicht aber in ihrem »Ob« zu diskutieren. Natürlich brauche solch eine »Rettung« noch mehr Geld und Personal, das der Kirchenkreis vor allem durch Einsparung von Gemeindepfarrstellen erlange. Denn im eklatanten Widerspruch zur Wahrnehmung unserer Kirchenmitglieder behaupten die Reformer unverdrossen weiter: »Kirche in guter Nachbarschaft wird zunehmend als Kirche in Gemeinde, Region und Kirchenkreis kommuniziert«. Nur ab und zu gibt einmal einer von ihnen zu, dass in seinem Kirchenkreis Reformen wie Fundraising, Ehrenamt-Agentur, Leitbild-Prozess, Nachbarschafts-Projekte, Kirchenkreis-Homepage, Sozialparlament und Kita-Gesamtverband gescheitert sind, wobei er jedoch gleichzeitig stolz auf 40 (von 98) eliminierte Gemeinden verweist.

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