Kirchensteuer: Rekordeinnahmen fließen … doch wohin? Ev. Kirche nimmt über 5.000.000.000 € ein - Sparkurs geht unverändert weiter

Zum wiederholten Male brechen die Kirchensteuereinnahmen Rekorde! Die evangelische Kirche nimmt 2015 so viel Geld wie noch nie ein: über fünf Milliarden Euro. Ein dramatischer Einbruch ist für die kommenden Jahre nicht auszumachen. Gleichzeitig setzt sich an der Gemeindebasis der Sparkurs fort, investiert wird in Verwaltung und NKF.

„Jugendhäuser schließen ihre Pforten“, heißt es in einem Artikel der Neuen Ruhr-Zeitung im Lokalteil Oberhausen. Begründung: „die Erträge aus der Kirchensteuer sind rückläufig“. Solche Argumente hört man öfter, wenn man sich auf der Ebene bewegt, die den Menschen am nächsten ist: der Basis in den Kirchengemeinden und Werken. Pfarrstellen werden nicht wiederbesetzt, obwohl es der Stellenschlüssel hergibt. Begründung: Wir müssen sparen! Einrichtungen werden geschlossen, obwohl der Bedarf an offenen Häusern vorhanden ist. Begründung: Wir müssen sparen. Gemeinden werden zur Fusion gedrängt und im Zuge der Zusammenlegung Stellen gekürzt. Begründung: Wir müssen sparen.

Zur Erinnerung: Der Sparkurs wurde von vielen Landeskirchen aufgrund negativer Prognosen bezüglich der Kirchensteuereinnahmen propagiert und den Synodalen als alternativloses Konzept zur Sicherung der Zukunft verkauft. Die Formel: weniger Mitglieder = weniger Geld war zwar schon immer falsch, aber überzeugend einfach. Doch bewahrheitet haben sich die Vorhersagen nicht. Im Gegenteil: Die Einnahmen sind so hoch wie nie, obwohl viele Menschen der Kirche den Rücken kehren. Natürlich erkennen das inzwischen auch die Finanzexperten der Kirchenleitungen – und sie haben deshalb ihr Argumentationsmuster umgestellt. Von den ursprünglich nominalen Verlusten ist man weg, jetzt führt entweder der auf einmal entdeckte Kaufkraftverlust zur negativen Kurve oder der prozentuale Vergleich mit irgendeinem x-beliebigen Jahr anno dazumal (mich erinnert solches Gebaren an die Kleinrechnerei von Konzerngewinnen vor Tarifverhandlungen).

Doch auch damit werden berechtigte Zweifel am Sparkurs nicht bei jedem gänzlich ausgeräumt. Also muss noch ein weiteres Argument her, das sich in etwa so beschreiben lässt: Ich muss schon jetzt das einsparen, was mir nach meinen bisher nicht eingetroffenen Prognosen in 10 oder 20 Jahren fehlen könnte. Das wäre in etwa so, als würde ein Unternehmer schon jetzt Mitarbeiter kündigen und Aufträge nicht mehr annehmen, weil die Prognose sagt, dass er in ein paar Jahren weniger Kunden und damit Einnahmen hat. Das klingt nicht nur verrückt, es ist im Grunde genommen eine Bankrotterklärung: Denn wenn das schon unternehmerisch kaum Sinn macht, verdeutlicht ein solches Verhalten unserer Kirche, die aus der Zukunft heraus lebt, ihre Kleingläubigkeit gegenüber ihrer eigenen Botschaft. Abgesehen davon, dass sie damit den Prozess des Schrumpfens unnötigerweise beschleunigt und verstärkt.

Und das ist insofern schizophren, weil seltsamerweise an anderer Stelle investiert wird und Mehrausgaben getätigt werden. Personalaufstockungen im Bereich der Verwaltung und im Zuge der Einführung des Neuen Kirchlichen Finanzwesens, das bis heute den Erweis seiner gepriesenen Effizienz schuldig geblieben ist, drängen Kirchengemeinden in den finanziellen Ruin. Das geht mancherorts so weit, dass Kreissynodale vor dem Dilemma stehen, Entscheidungen treffen zu müssen, die entweder dem Verwaltungsstrukturgesetz widersprechen oder ihre eigenen Gemeinden kaputt machen. Darüber hinaus belasten ebenfalls erhöhte Umlagen für die Pensionskassen das Budget vor Ort. Die wenigsten wissen allerdings, dass die Summe des anzuhäufenden Kapitals durch einen „Erweiterten Solidarpakt“ vorgegeben ist, den ein elitärer Kreis von Kirchenfunktionären an vielen Synoden vorbei beschlossen hat. Ob der für die einzelnen Landeskirchen sinnvoll oder überhaupt notwendig ist, wurde unter Synodalen so gut wie gar nicht diskutiert, obwohl diese Vorgaben den landeskirchlichen Haushalt, für den sie verantwortlich sind, maßgeblich belasten!

Insofern kann man sich nur dem Appell des Hannoverschen Pfarrvereins anschließen, das Ruder herumzureißen und sich insbesondere folgende Forderungen zu eigen machen:

–    Priorität für Kirchengemeinden, für Ortsnähe, für ein attraktives Pfarramt, verbesserte überschaubare Pfarrbezirke von 2.000-2.500 Seelen, weil nur dann echte pastorale Begleitung geschehen kann
–    Keine weiteren Stellenkürzungen  – und  Korrekturen an Stellenplänen dort, wo besondere Härten entstanden sind

Kurz: Die Kirchensteuereinnahmen müssen wieder dahin fließen, wo es herkommt!

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Ein Beitrag
  1. Freiwillig werden die Instanzen, die sich über die Kirchengemeinden gesetzt haben, nichts von ihrer einmal errungenen (Finanz-)Macht herausrücken.
    Und wenn die cashcow Kirchengemeinde ausgemolken ist, wird das das hochbezahlte kirchliche Führungspersonal auch nicht weiter erschüttern.
    Es findet sich bestimmt eine neue Möglichkeit, vielleicht sollten die sich mal von der GEZ beraten lassen 😉

    Ich befürchte, die Gemeindeebene ist zu disparat und träge, um einen Aufstand zu wagen. Denn letztendlich müßte den Kirchenoberen der Finanzhahn zugedreht werden – und das können nur die Gemeinden.

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