Kirche vor weiterem Umbruch? Klaus Winterhoff mahnt harte Strukturmaßnahmen und weitere "Reformen" an

Klaus Winterhoff gehört zu den grauen EKD-Eminenzen, die in den vergangenen Jahren die Umbauprozesse innerhalb der EKD und den evangelischen Landeskirchen maßgeblich angeregt und gesteuert haben. Bis vor kurzem war er Vizepräsident und Finanzdezernent der Ev. Kirche von Westfalen sowie Mitglied im Rat der EKD und Vorsitzender des einflussreichen EKD-Finanzbeirats.

In einem Gespräch mit epd anlässlich seines Ausscheidens aus der westfälischen Kirchenleitung fordert Winterhoff weitere „Reformen“: „Der Status quo hat nirgendwo Verheißung – am allerwenigsten in der Kirche.“ Nach dem Reformationsjubiläum sei ein „Kassensturz“ fällig, so Winterhoff und beklagt ein „weiteres Absinken der Kirchensteuereinnahmen“ um das Jahr 2020. Als Grund benennt er, dass dann die geburtenstarken Jahrgänge verstärkt in den Ruhestand gehen werden.

Winterhoff irrt. Er liegt mit seiner Einschätzung ebenso falsch, wie bereits im Jahre 2008. Damals stiegen die Einnahmen aus Kirchensteuermitteln nach dem Einbruch in den Jahren 2004 und 2005, der vor allem der von rot-grün auf den Weg gebrachten Steuerreform geschuldet war, bereits deutlich an – 2006 um + 6,4 %, 2007 um ca. + 8,5 %. Beim Einbringen des EKD Haushalts 2009 äußerte sich Winterhoff wie folgt: „Angesichts der weiterhin absehbaren Kirchensteuerrückgänge infolge der demographischen Entwicklung, der Unbeständigkeit wirtschaftlicher Entwicklungen in einer globalisierten Welt sowie der anhaltenden Tendenz der deutschen Steuergesetzgebung zur Verlagerung des staatlichen Steueraufkommens von den einkommensabhängigen zu den verbrauchsorientierten Steuerarten, muss diese Entwicklung nach wie vor als vorübergehend angesehen werden.“ Tatsächlich entwickelten sich die Kirchensteuereinnahmen in den Folgejahren überaus positiv. 2006 lag das Aufkommen bei 3,988 Milliarden Euro, 2014 bei 5,2 Milliarden.

„Kirchensteuereinnahmen werden auch in Zukunft steigen“!

Dass man zu sachlich begründeten anderslautenden Einschätzungen kommen kann als Winterhoff, macht der ebenfalls im Juli in den Ruhestand gehende bisherige Leiter der EKD-Finanzabteilung Oberkirchenrat Thomas Begrich deutlich. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur idea weist Begrich darauf hin, dass die Kirchensteuereinnahmen im Wesentlichen von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängig seien. Diese sei derzeit sehr positiv und dies werde sich seiner Einschätzung nach auch in den kommenden Jahren nicht ändern. Die Altersstruktur in der Kirchenmitgliedschaft verhindere lediglich ein noch stärkeres Wachstum. So seien die Einnahmen aus Kirchensteuermitteln in den vergangenen 20 Jahren um 20% gestiegen, inflationsbereinigt immerhin noch um 8% – auf ein Rekordergebnis von 5,2 Milliarden Euro im Jahr 2014.

Das heißt im Klartext: Die Grundannahme, die Winterhoff zu seinem zweifelhaften Finanzalarmismus mit der noch zweifelhafteren Forderung nach harten Strukturmaßnahmen führt, ist schlicht falsch. Der demographische Wandel vermindert vielleicht das Wachstum der Kirchensteuereinnahmen. Er führt jedoch keineswegs dazu, dass sich die kirchlichen Einnahmen von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung auf negative Weise abkoppeln, wie es Winterhoff implizit unterstellt.

Folgen für die Berechnung zukünftiger Versorgungsansprüche

Die falsche Grundannahme, ein Verlust an Mitgliedern würde zwangsläufig einen Verlust an Finanzkraft bewirken, ist ein wesentlicher Grund dafür, dass in Landeskirchen wie der Ev. Kirche im Rheinland (EKiR) immer weniger Finanzmittel für die Arbeit mit Menschen zur Verfügung steht. Die EKiR führt aktuell etwa 25% ihres Netto-Kirchensteueraufkommens der Versorgungskasse Dortmund für Pfarrer und Kirchenbeamte zu. Gestiegen sind auch die Beiträge für die Kirche Zusatzversorgungskasse (KZVK). Die Folge ist eine finanzielle Auszehrung besonders der Kirchengemeinden, deren Finanzkraft trotz deutlich steigender Kirchensteuereinnahmen seit 2005 in der Tendenz zurückgeht.

Seit etlichen Jahren werden in der EKiR versicherungsmathematische Gutachten erstellt, um den Finanzbedarf der Versorgungskassen zu berechnen. Eine Grundannahme war bis heute, dass die Finanzkraft der EKiR zwischen 1-2% im Jahr auf Grund sinkender Mitgliederzahlen zurückgeht. Durch diese irrige Grundannahme berechnete man die zukünftige Finanzkraft zu niedrig und den aktuellen Finanzbedarf deutlich zu hoch.

Folgt man dagegen Begrich, der mit seinem idea-Interview einen wertvollen Beitrag zur Rückkehr zu einem rationalen Finanzdiskurs geleistet hat, so wären die Zahlen, auf deren die Versicherungsmathematiker ihre Berechnungen anstellen, zu korrigieren. Wenn man vorsichtig ist, würde man für die Zukunft eine stagnierende Finanzkraft unterstellen – wie gesagt, Begrich prognostiziert für die nächsten Jahre weiterhin steigende Kirchensteuereinnahmen trotz Mitgliederverlusten.

Autoritär und elitär!

Beim Einbringen des Haushalts der EKD für 2008 behauptete Winterhoff bereits: „Eines aber ist klar: Die Entwicklung der realen Finanzkraft der Kirche beruht wesentlich auf der Entwicklung der Gemeindegliederzahlen.“ Die tatsächliche Entwicklung des Kirchensteueraufkommens widerlegt diese Einschätzung nachhaltig. Die Finanzkraft der Kirche ist abhängig von der höchst unterschiedlichen Finanzkraft ihrer Mitglieder. Je größer die Einkommensunterschiede sind, desto geringer ist die Auswirkung der absoluten Zahl.

Folgende Aufstellung mit Zahlen der EKiR macht überdeutlich, wie falsch ein Klaus Winterhoff mit seinen Behauptungen liegt. Verschärfend kommt hinzu, dass er seit Jahren von der tatsächlichen Finanzentwicklung widerlegt wird. Natürlich gibt es immer wieder vorübergehende Abschwünge bei den Kirchensteuereinnahmen. Diese sind jedoch auf konjunkturelle Einbrüche, steigende Arbeitslosenzahlen und vor allem auf steuerpolitische Maßnahmen zurückzuführen.

1970

1977

1987

1990

2000

2007

2013

2016

Gemeindeglieder in Mio.

3,856

3,604

3,318

3,269

3,113

2,92

2,74

2,62

Nettokirchensteuer-Aufkommen in Euro

200 Mio.

350 Mio.

440 Mio.

580 Mio.

551 Mio.

562 Mio.

619 Mio.

Ca. 700 Mio.

Warum macht ein Klaus Winterhoff, der für seine Kirche subjektiv gewiss nur das Beste will, sich derart angreifbar? Der Verdacht liegt nahe, dass ein autoritär-elitäres Ressentiment handlungsleitend ist. Im epd-Gespräch lässt er die Katze aus dem Sack. Harte Strukturmaßnahmen würden erst dann umgesetzt, wenn alle sehen würden, dass die Kasse leer sei. Also: ohne Finanzdruck läuft nichts. Und wenn dieser Druck in der Realität nicht existiert, erzeugt man ihn eben künstlich, um den gewünschten Umbau zu erzwingen.

Winterhoff tritt ein für eine Erhöhung der Dosis einer grundfalschen Medikation. Dem sollten alle, denen an ihrer Kirche liegt, mit Entschiedenheit entgegentreten. Ein Innehalten und Umsteuern, wie es das Wormser Wort fordert, ist geboten, nicht ein bloßer „Kassensturz“.

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4 Beiträge
  1. Lieber Herr Weitnauer, Sie sind also den Finanzmanagern der EKD und der Landeskirchen voll auf den Leim gegangen.

    Seit Jahren (15 Jahre sind es sicherlich) jammern die Finanzleute, dass wegen der jährlich abnehmenden Mitgliederzahlen die Kirchensteuer-Einnahmen angeblich sinken.

    Die Realität sieht anders aus. Auch wenn es richtig ist, dass die Mitgliederzahlen (leider) sinken, die Einnahmen sind jedes Jahr um ca. 4 bis 5 Prozent gestiegen. Die Realität ändert sich nicht, auch wenn man sie schön redet.

    Wieso sollte ich Leuten trauen, die mit rhetorischen Klimmzügen und an den Haaren herbeigezogenen Beispielen alle Einnahmen klein reden und uns suggerieren wollen, wie arm doch die evangelische Kirche ist. Gleichzeitig werden horrende Summen in die Verwaltungsstruktur-Reform und in ein ineffizientes Buchungssystem gesteckt, das in Kürze schon wieder ausgetauscht werden muss.

    Die evangelische Kirche wird dominiert von Wirtschaftsberatungsunternehmen. Gemeindemitglieder sind danach keine Gläubigen mehr, sondern Kunden. Die Verwaltung wird streng wirtschaftlich ausgerichtet und dominiert die Presbyterien.

    In dem Dokument zur Einbringung des Haushaltes heißt es:
    >> Zur Finanzierung des Reformationsjubiläums erläuterte Andreas Barner: „Ich würde diese Finanzierung, wie ich dies auch im Unternehmen tun würde, nicht ‚Kosten‘ nennen wollen“, ….. <> Ich finde, der Überbau sollte nur noch freiwillige Kollekten der Landeskirchen bekommen. Das Geld wird in den Gemeinden generiert. Da muss es auch wieder hin. <<

    Da ist was dran.

    • Entschuldigung. Da hat der Fehlerteufel aber voll zugeschlagen.

      Der letzte Absatz muss lauten wie folgt:

      Die evangelische Kirche wird dominiert von Wirtschaftsberatungsunternehmen. Gemeindemitglieder sind danach keine Gläubigen mehr, sondern Kunden. Die Verwaltung wird streng wirtschaftlich ausgerichtet und dominiert die Presbyterien.

      In dem Dokument zur Einbringung des Haushaltes heißt es:
      >> Zur Finanzierung des Reformationsjubiläums erläuterte Andreas Barner: „Ich würde diese Finanzierung, wie ich dies auch im Unternehmen tun würde, nicht ‚Kosten‘ nennen wollen“, ….. <> Ich finde, der Überbau sollte nur noch freiwillige Kollekten der Landeskirchen bekommen. Das Geld wird in den Gemeinden generiert. Da muss es auch wieder hin. <<

      Da ist was dran.

  2. „Der kluge Mann baut vor“, heißt es und „Spare in der Zeit, so hast du in der Not“. Selbst wenn derzeit aufgrund der guten wirtschaftlichen Entwicklung die Kirchensteuereinnahmen steigen – wie lange dauert die gute wirtschaftliche Entwicklung? Der nächste Einbruch kommt bestimmt. Also wenn Herr Winterhoff das im Sinn hat, kann ich ihm nur beipflichten.

    • Kluge Hauswirtschaft ist richtig und notwendig. Man kann sich aber auch kaputtsparen. Wenn schon unternehmerisch gedacht werden soll, dann muss es doch eine sinnvolle Balance von Rücklagenbildung und Investition geben. Wir erleben seit mehr als 10 Jahren (!) allerdings eine Verschiebung der Ausgaben auf die mittlere Ebene zugunsten einer überteuerten und wenig effektiven Verwaltung einerseits bei gleichzeitiger Kürzung und angeordneter Sparmaßnahmen auf Gemeindeebene andererseits. Das ist kontraproduktiv, wird von den Gemeindegliedern vor Ort nicht verstanden und sorgt zurecht für Frustration. Selbst wenn die Kirchensteuern um 10% einbrechen würden, wären sie immer noch weit höher als das, was 2005 veranschlagt und zur Grundlage der Reformen angesetzt wurde.

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