Kirche mit zu leichtem Gepäck Von der Gemeinschaft der Gläubigen zur Organisation des Glaubens?

„Form follows function“ – die Form folgt aus der Funktion. Dies ist ein Grundsatz aus der Design-Branche, der auf den US-amerikanischen Architekten Louis Henri Sullivan (1856 – 1924) zurückgeht. Er besagt, dass das äußere Erscheinungsbild eines Gegenstandes nicht im Vordergrund steht, sondern sich dem Verwendungszweck unterordnet. Ein guter Designer macht sich also zunächst einmal darüber Gedanken, wozu das, was er in Form bringen soll, überhaupt dient. Erst dann entscheidet er sich für das zu verwendende Material und beginnt mit seinem Entwurf. Während des Gestaltungsprozesses wird er sich in den unterschiedlichen Produktionsphasen immer wieder vergewissern, ob er dem Grundsatz noch gerecht wird. Läuft er Gefahr, das Ziel zu verfehlen, schränkt also das Äußere die Funktionalität seines Produktes ein, muss er entsprechende Korrekturen vornehmen. Tut er das nicht, produziert er einen Gegenstand, der vielleicht gut aussieht, aber seinen Zweck nicht zufriedenstellend erfüllt oder ihm schlimmstenfalls widerspricht.

Die evangelische Kirche ist auf den unterschiedlichsten Ebenen von erheblichen Umformungen betroffen: Buchhaltung, Verwaltung, Personalplanung, Ausbildung … in allen Bereichen wurden in den letzten Jahren teils gravierende Veränderungen vorgenommen oder sind in Planung. Deren erklärtes Ziel war und ist es, unsere Kirche für die zukünftigen Herausforderungen fit zu machen. „Kirche mit leichtem Gepäck“ müsse man werden, dabei aber „missionarische Volkskirche“ bleiben. Zurückgehende Gemeindegliederzahlen und apokalyptische Prognosen zum Kirchensteueraufkommen bildeten den Hebel, der Presbyterien und Synoden dazu veranlasste, Kirchenschließungen, Stellenabbau und Gemeinde- und Kirchenkreisfusionen abzunicken. Zuletzt widmete man sich einer Finanz- und Verwaltungsstrukturreform, die uns ein neues Buchungssystem bescherte (Doppik) und Kirchengemeinden drängte, ihre eigene Verwaltung zugunsten eines zentralisierten Apparats aufzugeben. Diese Prozesse sind noch nicht abgeschlossen und werden uns wohl noch eine Weile beschäftigen.

Bei all den strukturellen Optimierungsprozessen wurde scheinbar darauf verzichtet, sie im Vorfeld grundlegend theologisch, kirchenhistorisch und ethisch zu reflektieren. Begründet wurden und werden alle Maßnahmen mit angeblich wirtschaftlichen und finanziellen Sachzwängen. Ihre Konsequenzen hinsichtlich des Auftrags unserer Kirche, wie Jesus Christus ihn in Mt 28 formuliert, wurden entweder nicht bedacht oder sind ökonomischer Prioritätensetzung zum Opfer gefallen. Doch damit folgt die Form nicht mehr der Funktion, die Struktur nicht mehr dem Inhalt, die Gestalt der Kirche nicht mehr ihrem Auftrag. Das Resultat ist ernüchternd, teilweise erschreckend. So stellt Jens Schlamelcher in der Zeitschrift „Evangelische Theologie 2 – 2013“ anhand von acht Punkten fest, dass die Umbaumaßnahmen nicht nur die anvisierten Effekte verfehlen, sondern teilweise sogar Prozesse der Entfremdung und Marginalisierung von Kirche beschleunigen, denen man doch eigentlich entgegenwirken will (vgl. Schlamelcher, EvTh 2/2013, S. 107 – 115):

  1. Die Zentralisierung und Professionalisierung der Verwaltung führt zu einer Entfremdung von kirchlichen Mitarbeitern und Gemeindegliedern. „Der Scharniercharakter zwischen amtskirchlicher Organisation und Gemeinschaft, durch den sich das klassische Gemeindebüro auszeichnete, wird damit aufgegeben, in einer Form, in der ausschließlich die organisatorische Funktionalität erhalten bleibt.“
  2. Die Ausgliederung der Diakonie aus den Gemeinden und ihre Überführung in eine formale Organisation führte zu einer „Formalisierung von Pflege“, die ihren persönlichen, zugewandten und damit genuin christlichen Charakter aufgrund von Fallpauschalen und Kostendruck nicht aufrecht erhalten kann. „Auch hier gilt: Aufrechterhaltung organisatorischer Funktionalität bei gleichzeitigem erodierenden Effekt für die Gemeinschaft.“
  3. Durch Fusionen und Kooperationen von Kirchengemeinden laufen auch andere Berufsgruppen Gefahr, die persönliche Bindung an die Gemeinde zu verlieren, nämlich dann, wenn sich mehrere Gemeinden einen Küster, Organisten oder Jugendleiter teilen oder diese Funktionen auf der Ebene des Kirchenkreises angesiedelt sind. „Das Engagement, das ein Hauptamtlicher damit in eine Gemeinde einbringen kann, wird dadurch reduziert, ebenso wie die Identifikation des Hauptamtlichen mit der Gemeinde.“
  4. Die Reduzierung von Pfarrstellen und damit einhergehend die Vergrößerung der Seelsorgeeinheiten führt dazu, dass Pfarrerinnen und Pfarrer bestimmten Aufgaben, die zum Kernbereich ihres Amtes gehören, nur noch rudimentär oder überhaupt nicht mehr nachgehen können. So „wird die Zeit für Hausbesuche, Krankenbesuche etc. in der Tendenz zurückgefahren. Dies bedeutet eine quantitative De-Professionalisierung des Pfarrberufs: weniger professionalisierte Tätigkeit in Form persönlicher Interaktion, durch die sich gerade auch Gemeinschaftlichkeit und Nähe konstituieren“.
  5. Die Aufgabe von Kirchen und Gemeindezentren gefährdet sogar den Bestand der Kerngemeinde. „Fusionen zeichnen sich durch den nicht intendierten Effekt aus, »Gewinner« und »Verlierer« hervorzubringen. Die Gewinner sind jene Gruppen, die seit jeher in den Gebäuden existieren, die weiterhin erhalten werden sollen. Sie profitieren von der neuen Ressourcenzuteilung, die in aller Regel dazu führt, dass die dortigen Gebäude renoviert und erweitert werden. Die Verlierer stehen hingegen ohne Gemeindehaus da. Die Integration in die andere Gruppe gelingt sehr häufig nicht, was sich in einer rückläufigen Partizipation bis zur Aufkündigung der Gemeindezugehörigkeit niederschlagen kann.“
  6. Fusionieren mehrere Kirchengemeinden miteinander, reduzieren sich für Gemeindeglieder auch die Möglichkeiten, sich in Leitungsgremien einzubringen, weil z.B. die Anzahl der Presbyteriumsmitglieder nicht proportional wächst. „Damit reduziert sich quantitativ die Möglichkeit der Mitwirkung in den kirchengemeindlichen Entscheidungsprozessen. Die Differenzierung einer Organisation gegenüber formalen Mitgliedern wird damit forciert.“
  7. Auch die Zusammenführung von Aufgaben kann zu einem Problem werden. So ist z.B. der Konfirmandenunterricht „nicht nur ein Sozialisationsinstrument hin zum evangelischen Glauben, sondern zugleich auch ein Instrument zur Sozialisation hinein in die Gemeinde und ihre Gemeinschaft.“ Wird dieser nun überbezirklich oder übergemeindlich organisiert, verlieren die Konfirmanden den direkten Bezug zu ihrer spirituellen Heimat.
  8. „Schließlich leistet auch die von den Kirchenleitungen eingeforderte und von zahlreichen Kirchengemeinden bereits praktizierte Zielgruppenorientierung ihren Beitrag zur Marginalisierung der Kerngemeinde.“ Denn die stellt keine spezielle Zielgruppe dar. „Durch die Bemühung, »Distanzierte« zu erreichen, müssen unter der Bedingung von Zielgruppenorientierung in Zeiten organisatorischen Rückbaus zwangsläufig die Angebote zurückgestellt werden, von denen die »Kirchentreuen« am meisten profitieren.“

Schlamelcher zieht daraus das besorgniserregende Fazit: „Die »Gemeinschaft der Gläubigen« scheint sich in eine »Organisation des Glaubens« zu wandeln, ein Kirchenbild, das dem EKD-Papier »Kirche der Freiheit« zugrunde liegt.“ Ist damit aber unsere Kirche nicht dabei, ihren Auftrag aus den Augen zu verlieren, ja ihn neu zu definieren? Zu allen Völkern gehen, sie im Namen Jesu taufen und lehren, ihnen also das Evangelium nahe bringen und sie so zu einer Gemeinschaft der Gläubigen einladen – wie kann das gehen innerhalb einer Institution, die sich mehr und mehr aus der Fläche zurückzieht und damit von den Menschen entfernt? Wie soll das funktionieren innerhalb einer Organisation, in der für Buchungs- und Verwaltungsvorgänge immer mehr finanzielle und personelle Ressourcen gebunden, dafür aber vor Ort die Dienste an Menschen aus Kostengründen reduziert werden? Wir lassen es in einem mehr oder weniger bewussten Prozess zu, dass die Gestalt von Kirche nach und nach die Erledigung unseres Auftrags beeinflusst und prägt. In Anlehung an Sullivan müssten wir formulieren: „Function follows form“.

Doch damit machen wir es uns zu einfach, damit sind wir mit zu leichtem Gepäck unterwegs! Denn Kirche – und schon gar nicht die rheinische – lässt sich nicht wie ein Konzern leiten, jedenfalls nicht ohne zu selbigem zu mutieren. Als „corpus mixtum“, als Abbild des Himmels in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt, ist sie ein zu kompliziertes und zu sensibles Gebilde, als dass die Spielregeln der Marktwirtschaft einszueins übertragbar wären, ohne Kolateralschäden zu verursachen. Vielmehr gilt hier: Form und Inhalt, Gestalt und Auftrag der Kirche sind ebensowenig voneinander zu trennen wie Person und Amt, Leib und Seele. Wer von Kunden statt von Gemeindegliedern, von Dienstleistung statt von Barmherzigkeit und von Effizienz statt Fülle spricht, der profanisiert den Glauben und nimmt ihm sein Geheimnis. Und wer die Parochie finanziell und personell vernachlässigt und stattdessen überproportional in Finanz- und Verwaltungscentern investiert, der macht mit der Nähe des Evangeliums nicht ernst.

Es ist Zeit umzudenken und umzukehren. Es ist Zeit, die Theologie statt der Ökonomie wieder zur kirchenleitenden Disziplin zu machen. Es ist Zeit, Kirche wieder dort zu fordern und zu fördern, wo sie seit Paulus beheimatet war: in den Gemeinden. Es ist Zeit, dass wir wieder aus der Fülle des Glaubens leben, anstatt an den falschen Stellen zu sparen. Es ist Zeit, Form und Inhalt, Gestalt und Auftrag der Kirche wieder in das richtige Verhältnis zu bringen.

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2 Beiträge
  1. Der Leiter der Abteilung Finanzen im Kirchenamt der EKD, OKR Thomas Begrich hat am 17. Juni 2010 vor der Generalversammlung der KD-Bank in Dortmund einen Vortrag über Macht und Geld gehalten.

    Er fragt: Hat Martin Luther recht, wenn er sagt: Das gegenwärtige Geld lässt den gegenwärtigen Gott verachten?

    Er sagt: Lernt mit dem Mammon umzugehen, ohne dass ihr euch von ihm beherrschen lasst. Es kommt darauf an, dass nicht das Geld uns beherrscht, sondern, dass wir die dienende Funktion des Geldes wieder entdecken, seine Austauschfunktion stärken!
    Das Problem der evangelischen Kirche begann damit, dass Protagonisten in den Führungsetagen der evangelischen Kirche damit begonnen haben, möglichst effektiv „ihre Arbeit zu erledigen“. Das war natürlich nicht grundsätzlich falsch. Aber man hat schon hier das wichtigste Merkmal der Kirche, DEN CHRISTLICHEN GLAUBEN, außen vor gelassen. Und man hat dann das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Es wurden Wirtschaftsberatungsunternehmen für eine neue Strategieberatung beauftragt. Die Ökonomen redeten den Leitern der Finanzabteilungen ein, die Steuereinnahmen müssten streng wirtschaftlich verwaltet werden. Es sollte „Restrukturierung unter neuen Vorzeichen [erfolgen]. Mehr Komplexität, weniger Kontinuität.“ Roland Berger bietet mehr Informationen über den „Ansatz der unternehmerischen Restrukturierung“. McKinsey will über die „optimale Struktur einer Organisation“ reden und will „die Hierarchien schlank und sinnvoll [gestalten], um [eine] effektive Leistungserbringung zu gewährleisten“. Gläubige Christen wurden zu „Kunden“.

    Man hat aber nicht bedacht, dass man eine Gebilde wie die evangelische Kirche nicht wie einen Konzern führen kann. Ja, man leugnet es heute noch, obwohl man es besser wissen könnte. Wenn man denn wollte. Anfragen nach oder Hinweise auf die theologische Komponente der Neuorganisation wurden weitgehend ignoriert. Das presbyteriale-synodale Prinzip wird nach und nach aufgegeben.

    Es ging weiter mit (wie man im Nachhinein weiß zu negativen) Meldungen, das Kirchensteueraufkommen würde sinken. Heute wird mit der Aussage Stimmung gemacht, durch die Kirchenaustritte würden die Einnahmen sinken. Das ist definitiv falsch. Tatsächlich ist es so, dass die EkiR soviel Einnahmen hat, wie lange nicht mehr. Die Ökonomen haben „der Kirche“ ein Spardiktat aufgezwungen. Und da es eben um ein DIKTAT geht, ist eine von sachlichen Überlegungen getragene Entscheidung nur schwer möglich.

    Und da sollen 5.000 Euro für die Schiffermission in Duisburg gestrichen werden? Ist das der Ballast, den man abwerfen muss, um (wie es Präses Rekowski verharmlosend formuliert hat) mit leichtem Gepäck unterwegs zu sein.

    Um sofort einem evtl. Vorwurf zu begegnen: Ich unterstelle niemandem unlautere Absichten. Wenn aber das Gebot der Stunde heißt „Wir müssen sparen, koste es was es wolle“ gehen die Gedanken in eben diese Richtung.

    Herr Begrich setzt sich zum Schluss der Vita auf der EKD-Internetseite ein hohes Ziel:
    „Gottes Kirche ist Teil unserer Welt. Kirchliche Arbeit in dieser Welt ist ohne Finanzmittel schwer vorstellbar. Darum müssen wir dafür Sorge tragen, das Geld, das die Menschen uns dafür anvertrauen, so verantwortungsvoll wie möglich zu verwenden.“

    Und er schließt seinen obigen Vortrag mit einem Zitat von Johannes Calvin: Gott wird seiner Herrschaft beraubt, wo das Geld regiert.

    In einer Zeit, in der exorbitante Gehälter und Boni ausgezahlt werden, sollte die christliche Kirche sich ihrer Verpflichtung bewusst werden, sollten wir ALLE ALLES dafür tun, dass das Geld nicht die Welt regiert.

  2. Ein sehr lesenwerter Kommentar mit durchaus nachvollziehbaren Thesen. Vielleicht sollten sie an die Glastür des Landeskirchenamtes geklebt werden 😀

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