Kirche im Umbruch Gastbeitrag von Pfarrer Jürgen Kemper (Hannover) zum Reformprozess in seiner Kirche

1. Persönliche Erinnerungen – ein paar Schlaglichter

Am 1. Februar 1985 habe ich als Pastor in der Ev.-luth. Epiphaniasgemeinde in Hannover-Sahlkamp angefangen. Das ist nun 30 Jahre her. Wenn ich an diesen Anfang zurückdenke, fällt mir als erstes die Büroschreibmaschine ein, auf der die Sekretärin die Liedtexte für besonders gut besuchte Gottesdienste schrieb. Es gab keine Speicherfunktion, aber den Unterschied zwischen Spiritus- und Wachsmatrizen. Einen Kopierer gab es in der Gemeinde nicht, zum Kopieren ging man in das kleine Schreibwarengeschäft um die Ecke. Die Gemeindekartei bestand aus mehreren Karteikästen mit Kärtchen, die alphabetisch geordnet waren.

Die Pastoren und auch die drei oder vier Pastorinnen des Kirchenkreises trafen sich einmal im Monat zur Pfarrkonferenz. Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen aus der jeweils gastgebenden Gemeinde deckten dafür die Tische, kochten Kaffee und wuschen das Geschirr ab. Ein gemeinsames Abendmahl konnte in diesem Kollegenkreis nicht gefeiert werden, weil einer der älteren Kollegen gegen die Frauenordination war und deshalb das Abendmahl für ungültig hielt. Um den Konflikt zu vermeiden, wurde im Kollegenkreis auf gemeinsame Abendmahlsfeiern verzichtet.

In der Gemeinde im Sahlkamp gab es das spezielle Problem, dass einer der drei Pastoren gerade seine Homosexualität öffentlich gemacht hatte und deshalb von der Landeskirche vorläufig suspendiert worden war. Das war damals ungewöhnlich und führte zu einer gewissen Aufregung in der Gemeinde. Aber je näher ich die Gemeinde kennenlernte, umso deutlicher wurde, dass der eigentliche Grund der Konflikte in der Gemeinde gar nicht die Frage der Homosexualität dieses Pastors war, sondern der Streit der anderen beiden Pfarrstelleninhaber miteinander. Als sich später ein anderer Pfarrer der Gemeinde von seiner Frau scheiden ließ, wurde er sobald wie möglich versetzt – das war damals selbstverständlich.

Die Gemeinde dort hatte ca. 8.000 Gemeindemitglieder, dafür gab es drei ganze Pfarrstellen, eineinhalb Diakoninnenstellen und einen ganzen Küster. Normalerweise hatte ich also jeden dritten Sonntag Gottesdienst. Auch in den benachbarten Gemeinden gab es überall zwei oder sogar drei Pastoren. (Hier in der Oststadt hatte die Markuskirche in dieser Zeit 2 ganze Pfarrstellen + Superintendent, die Apostelkirche 2 Stellen und die Dreifaltigkeitskirche 2 Stellen, insgesamt also 6 Pastoren für etwa 11.000 Menschen. Das ist ein Schnitt von weniger als 2000 pro Pfarrstelle (Heute 2.800).

Die Gemeinden insgesamt waren in einer ganz anderen Dynamik als heute. Natürlich hätte keiner von uns gesagt, dass zu wenig zu tun war, aber es ist ganz klar: die pfarramtliche Arbeit insgesamt war viel ruhiger. Man konnte zwischendurch auch mal ein theologisches Buch lesen, weil die Arbeit auf viele Schultern verteilt war. Es wurde zwar oft über den Traditionsabbruch diskutiert, aber sozusagen aus einer sehr gesicherten Position. An vielen Orten wurden noch neue übergemeindliche Pfarrstellen eingerichtet, auch um die vielen TheologInnen unterbringen zu können, die ins Pfarramt strömten und seit etwa Mitte der 90er Jahre nur noch begrenzt Stellen bekamen. In den darauffolgenden Jahren konnten etwa 150 voll ausgebildete TheologInnen von der Landeskirche nicht in den Pfarrdienst übernommen werden.

Nach 30 Jahren sieht die Lage anders aus. Von den 4 damals vorhandenen Predigerseminaren (Ausbildung für Vikare) wurden bis heute drei geschlossen, weil es nicht mehr Anwärter auf das Vikariat gab. Theologiestudenten werden händeringend gesucht, in spätestens 8 Jahren wird ein großer Einbruch mit vielen vakanten Pfarrstellen erwartet, besonders im ländlichen Bereich herrscht bereits jetzt Pastorenmangel. In den Büros stehen natürlich PC und Kopierer, der innerkirchliche Schriftverkehr läuft fast ausschließlich per email. Bei den Konferenzen geschieht die Bewirtung entweder durch die Hauptamtlichen selber oder durch einen Catering-Service. Etwa die Hälfte der Pfarrstellen ist mit Frauen besetzt; falls wirklich noch jemand gegen die Frauenordination sein sollte, kann er froh sein, wenn er überhaupt weiterhin seine Arbeit tun darf. Homosexuelle Pastoren sind ziemlich selbstverständlich akzeptiert und auch offiziell zum Pfarramt zugelassen; und wenn ein Pfarrer sich scheiden lässt, kann er in der Regel ohne großes Aufsehen in der Gemeinde bleiben.

Die enorme Verringerung der Zahl der Gemeindemitglieder (durch den demografischen Wandel und durch Kirchenaustritte) hat dazu geführt, dass es kaum noch Gemeinden mit mehreren Pfarrstellen gibt, es sei denn, mehrere Gemeinden haben sich zusammengeschlossen wie etwa die Lister Matthäus- und Johanneskirche oder in der Südstdadt. Im ländlichen Bereich haben sehr viele Pastorinnen und Pastoren deutlich über 3000 Gemeindemitglieder und dazu mehrere Predigtstellen, also sonntags oft zwei Gottesdienste. Das Geld reicht einfach nicht. Aber selbst, wenn genug Geld da wäre, reicht das Personal in absehbarer Zeit nicht mehr aus. Es ist also, genau genommen, eine doppelte Krise. Und die Stellen für die Diakoninnen und Diakone sind mindestens genau so stark reduziert.

Im Bereich des Stadtkirchenverbandes Hannover sind mehrere Kirchen entwidmet bzw. auch schon abgerissen worden. Das sind für die betroffenen Menschen sehr schmerzhafte Ereignisse – wir haben hier vor etwa 2 Jahren eine Veranstaltung gehabt, bei der auch Vertreter der Messiasgemeinde Buchholz (Kirche abgerissen) und der Corvinusgemeinde Stöcken (Kirche entwidmet) sich geäußert haben. Im Blick auf die weitere Entwicklung der dann veränderten Fusions- oder Regionalgemeinden ist mit sehr schwierigen Prozessen zu rechnen. Insgesamt ist die Landschaft der Ev. Kirche außerordentlich stark von ökonomischen Maßstäben und strukturellen Fragen geprägt und die von Haupt- und Ehrenamtlichen investierte Zeit und Kraft geht häufig in die Gestaltung oder Aufarbeitung solcher Prozesse, im Grunde also in die Beschäftigung der Kirche mit sich selbst.

Das sind zunächst ein paar eher äußere Schlaglichter. In einem zweiten und dritten Schritt will ich noch etwas genauer hinsehen.

2. Umbrüche in bestimmten Zielgruppen

kleine Kinder und junge Familien: Besonders gravierend ist die Veränderung bei jungen Eltern und Kindern. Noch in den 90er Jahren gab es unter den jungen Eltern eine hohe Bereitschaft und auch zeitliche Kapazität ehrenamtlich in der Gemeinde tätig zu sein. Mit der immer weiter zunehmenden Berufstätigkeit beider Elternteile schon sehr bald nach der Geburt eines Kindes hat sich das geändert. Junge Eltern sind fast immer am zeitlichen und kräftemäßig am Limit. Es kann von daher gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, wenn es in einer Gemeinde wie bei uns noch zahlreiche ehrenamtlich tätige Mütter oder Väter gibt, besonders in der Gute-Nacht-Kirche oder im Krippenspiel.

Schulkinder und Jugendliche: Mit dem Schulbeginn oder kurz danach gehen die Kinder auch vielen regelmäßigen Freizeitangeboten nach. Die Angebote der Kirche stehen in Konkurrenz zu vielen anderen Angeboten im Bereich Sport, Musik o.ä. Ein guter Kinderchor kann vielleicht noch einige Schulkinder ansprechen. Sonst wäre eher aber die Arbeit in Projekten zu empfehlen, die Verpflichtung muss überschaubar sein. Der sonntägliche Kindergottesdienst läuft nicht, aber das Krippenspiel ist weiterhin ein Renner.

Konfirmanden. Der Besuch des KU ist nicht mehr so selbstverständlich wie vor 30 Jahren, hat aber doch noch eine hohe Anziehungskraft. Hinzu kommt, dass Kinder beim Besuch des KU nicht immer mit der Unterstützung der Eltern rechnen können, ja manchmal sogar gegen deren Willen daran teilnehmen. Die Entscheidung für den KU ist sehr viel eigenständiger und daher möglicherweise auch tragfähiger. Erstaunlich ist, dass es offenbar durch eine Investition von Zeit und Kraft in die Arbeit mit Kindern möglich ist, auch mehr Jugendliche für den Konfirmandenuntericht zu gewinnen. Das ist eine der wesentlich Erfahrungen in Dreifaltigkeit in den letzten 20 Jahren. Die Konfirmandenzahlen in der Dreifaltigkeitsgemeinde haben sich tatsächlich gegenüber 1994 verdoppelt bis verdreifacht. Das ist tatsächlich sehr eindeutig ein „Wachsen gegen den Trend“!

Jugendliche: War in den 70er oder 80er Jahren die Jugendarbeit in der Kirchengemeinde manchmal noch eine Art Freiraum für die Jugendlichen, so entfällt dieser Aspekt nun gänzlich. Jugendliche nach der Konfirmation sind aber zu gewinnen durch die Möglichkeit des Engagements in der Musik oder als TeamerInnen auf Freizeiten. Würde jemand die Zeit dafür einsetzen sicherlich auch durch eigene Fahrten. Vom Kirchenkreis angebotene Jugendfreizeiten werden gut angenommen.

Erwachsene: Im Allgemeinen ist es sehr schwierig geworden, Erwachsene mittleren Alters in der Gemeinde anzusprechen. Durch ein vielfältiges Angebot an Möglichkeiten der Kontaktaufnahme kann eine Kirchengemeinde aber auch heute Erwachsene erreichen. Das können Chöre oder Musikgruppen, Fairtrade oder Besuchsdienst, das kann Lektorenkreis oder Offene Kirche oder Stiftung, das kann Bibelseminar oder Mittwochsthema sein. Alles aber braucht Leute, die die Arbeit dafür auch tun, sei es ehrenamtlich oder hauptamtlich. Auch hier haben zeitlich begrenzte Projekte (wie das „Café im Advent“) eine große Chance. Auch in diesem Bereich ist die Dreifaltigkeitsgemeinde untypisch und steht eher für ein „Wachsen gegen den Trend“.

Senioren: Soweit sie noch körperlich und geistig in der Lage sind, nehmen Senioren an den beschriebenen Angeboten für Erwachsene teil. Wenn sie nicht mehr so mobil sind, suchen sie aber doch nach einer angemessenen Kontaktmöglichkeit im Rahmen der Kirche. Gegen alle Erwartungen und gegen alle allgemeinen Beobachtungen ist unser Seniorenteekreis eben nicht ausgestorben, sondern erlebt gerade eine Art Wachstum- und Blütephase, was auch einem besonders aktiven Team zu verdanken ist!

Ausgetretene – „versteckte Kunden“: „Sind Sie wieder zu Kunden unterwegs?“ fragte mich eine Dame auf der Straße, als ich zu Besuchen unterwegs war. Als ich bejahte, sagte sie: „Ja, solange es noch Kunden gibt…!“ In der Tat: Die Zahl der Ausgetretenen ist wieder erheblich gestiegen. Zu einer Kirchengemeinde gehören aber nicht nur die eingeschriebenen Mitglieder, sondern irgendwie auch alle anderen, die sich am Gemeindeleben beteiligen ohne Mitglieder zu sein. Deren Zahl wird immer höher. Im Laufe der Zeit ist die Zahl der Katholiken, der Reformierten oder sogar Ausgetretenen, die sich in der Gemeinde beteiligen, immer weiter gestiegen. Einige Ausgetretene sind sogar ehrenamtlich in der und für die Gemeinde aktiv. Das ist einerseits erfreulich, andererseits ein Problem, weil sich die Kapazität der möglichen bezahlten Arbeit schlicht und einfach nach der Zahl der Mitglieder richtet. Der Kirchenvorstand hat darüber beraten und ausdrücklich festgestellt, dass er das Engagement Ausgetretener als Wiederannäherung an die Kirche ansieht. Allerdings wird bei der Berechnung für die nächste Stellenplanung nicht mit gerechnet, für wie viele ausgetretene Kindergarten- oder Konfirmandeneltern, Taufeltern oder Heiratswillige oder Gottesdienstbesucher die Gemeinde ihre Dienste und Räume anbietet. Es ist ganz sicher nicht übertrieben, wenn man zu den 2780 Gemeindemitgliedern noch einmal dieselbe Zahl hinzurechnet, die die Angebote der Gemeinde nutzen oder mehrfach im Jahr mit ihr zu tun haben, ohne Mitglied zu sein. Die Berechnung der Zuweisungen nach den bloßen Gemeindegliederzahlen ist daher nicht wirklich angemessen.

Seelsorge als Ersatz für fehlende Therapie: Durch die Überlastung der Psychotherapeuten und Psychiater kommt eine größer werdende Anzahl von psychisch labilen oder kranken Menschen mit der Bitte um seelsorgerliche Begleitung in die Seelsorge. Das ist auch vollkommen in Ordnung so, aber man muss sagen, dass die Kirche und oft auch einzelne PastorInnen hier ein Problem mit auffangen, das in einem größeren gesellschaftlichen Rahmen geklärt werden muss. Offenbar sind die Pfarrämter wirklich, wie ich gerade in einem Vortrag gehört habe, so etwas wie die „letzte Instanz sozialer Wärme in der Gesellschaft“.

Tod und Trauer: Der Umgang mit Tod und Trauer hat sich besonders in den Städten erheblich gewandelt. Die kirchliche Beerdigung spielt für viele Menschen längst nicht mehr die Rolle, die sie vor 30 Jahren hatte. Dafür werden die einzelnen Trauersituationen von der jeweiligen Familiensituation bis zur individuellen Gestaltung der Trauerfeier immer komplizierter. Zahlreiche Menschen – und eben auch Mitglieder der Gemeinde ! – werden ohne irgendein Ritual unter die Erde gebracht.

3. Der Umbruch in der Dimension des Glaubens

3.1. Die Nachrangigkeit des Glaubensthemas in der gesellschaftlichen Erwartung an die Kirchen

In einem „Tatort“, der kürzlich in der ARD gezeigt wurde, war die erste Szene eine evangelische Beerdigung. Die Beisetzung am Grabe wurde von einer jungen Pastorin durchgeführt, die außer ihrem Beffchen auch eine bunte Stola trug. Sie sagte auf sympathische Weise einige persönliche Worte über das Leben des Verstorbenen und ging anschließend, erkennbar einfühlsam, auf die Angehörigen zu. Die Filmszene war nach meinem Eindruck mit deutlicher Sympathie für die Kirche gestaltet. Aber eines fehlte dabei ganz. Der Glaube an Gott oder an Jesus tauchte nicht auf, die Bibel oder das Gebet oder eindeutige christliche Symbole wie Segen oder Kreuz kamen in dieser Szene nicht vor – weder in irgendeinem Wort noch in irgendeiner Geste. Der Glaube war einfach nicht da. Hätte die Pastorin nicht Talar, Beffchen und Stola getragen, niemand hätte sie für eine Pfarrerin halten müssen. Ob diese Szene ein realistisches Bild heutiger kirchlicher Beerdigungen widergibt, lasse ich jetzt einmal dahingestellt. Auf jeden Fall aber ist darin m.E. ganz gut der „Mainstream“ der gesellschaftlichen Erwartung eingefangen, die der Kirche heute entgegengebracht wird, wenn es überhaupt noch eine Erwartung gibt. Schlicht gesagt: Gott wird in der Kirche nicht mehr erwartet. Was in der Kirche erwartet wird, ist

a) persönliche Seelsorge und Begleitung in Krisensituationen, auch ein angemessen persönlich durchgeführtes Ritual wie Taufe, Hochzeit oder Beerdigung
b) diakonisches Handeln im Nahbereich (Kinder und Alte, Kranke, Behinderte und Arme) und global, eventuell auch mal politische Äußerungen, wie zurzeit gegen die Pegida-Bewegung, auch Andachten bei großen Katastrophen
c) kulturelle Impulse und Erlebnisse (man beachte z.B. den Zulauf zu den Aufführungen des Weihnachtsoratoriums in der Markuskirche)

Allerdings sind diese drei Erwartungen alle keine Alleinstellungsmerkmale kirchlicher Arbeit. Mit anderen Worten: diese drei Aspekte werden nicht genügen, um deutlich zu machen, warum wir die Kirche brauchen. Das können manche anderen Anbieter auch. Freie Redner machen zum Teil sehr gute Beerdigungen, einen kenne ich persönlich gut. Sozial-Diakonisches Handeln wird von Vereinen, Verbänden, Parteien und freien Initiativen oft sehr kompetent und wirksam angeboten. Und im Bereich von Kunst und Kultur gibt es – insbesondere in den Städten – erhebliche Konkurrenz auf dem Markt der Angebote. Ohne eine hohe Summe an Zuschüssen könnten auch die sog. Kulturkirchen damit überhaupt nicht mithalten.

3.2. Das Glaubensthema innerhalb der Kirchen: zwei unterschiedliche Tendenzen

An dieser Stelle muss man die Frage stellen, ob die beschriebene Verschiebung der Schwerpunkte, also die Nachrangigkeit des Glaubensthemas auch kirchenintern zu beobachten ist. Ich kenne keine Studie über diese Frage, sondern kann nur einzelne Beobachtungen einbringen.

a) Die Verdunstung des Glaubens
Als vor Jahren zwischen mehreren Gemeinden für eine Zeit eine regelmäßige Dienstbesprechung eingerichtet wurde und die Frage nach der Struktur solcher Sitzungen diskutiert wurde, sagte einer der Pastoren spöttisch, über das Ritual einer Andacht am Anfang solcher Besprechungen sei man ja wohl inzwischen hinweg. Dagegen sagte niemand etwas, das Thema war erledigt. Als die Konfirmanden in einer anderen Gemeinde vor der Konfirmation die Diakonin fragten, ob sie denn für die Konfirmation das Glaubensbekenntnis auswendig lernen müssten, sagte die Diakonin, es reiche wenn sie den Mund auf und zu machen. Ein langjähriger kirchlicher Sozialarbeiter sagte mir in einem persönlichen Gespräch, diese ganze Sache mit dem Kreuz solle man doch endlich abschaffen. Natürlich sind das nur Einzelbeobachtungen. Sie deuten aber doch einen Trend an, der zumindest in einem Teil der Pastoren- und Mitarbeiterschaft vorhanden war oder noch ist.

b) Die Neuentdeckung des Glaubensthemas innerhalb und am Rande der Kirchen
Es gibt aber eben auch einen anderen Trend, den wir sehr genau zur Kenntnis nehmen müssen. Für mich ist der Beginn dieses anderen Trends in der Ev. Kirche durch das Buch des Sozialethikers und späteren EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber markiert, das um die Jahrtausendwende erschien. Huber war Professor für Sozialethik (in Heidelberg) und als Vertreter des kirchlichen Teils der Friedensbewegung bekannt geworden und galt ganz klar als ein Vertreter der eher links orientierten ev. Christenheit in Deutschland. Aber unter dem Titel „Kirche in der Zeitenwende“ vertrat Huber Ende der 1990er Jahre die Auffassung, dass die Kirche das Glaubensthema als ihr eigentliches Thema wiederfinden und in den Vordergrund stellen müsse. In den Thesen, die in seinem Buch als Resümee vorangestellt sind, wird das schon deutlich: These 9: Weil die Krise der Kirche im Kern eine Orientierungskrise ist, „liegt der Ansatzpunkt für die Erneuerung der Kirche darin, dass sie ihre eigene Botschaft ernstnimmt“. These 10: Die Krise ist eine Mitgliederkrise. „Kirchliches Handeln muss vorrangig darauf ausgerichtet sein, Menschen für den Glauben zu gewinnen, ihnen den Zugang zur Taufe zu öffnen und sie zur Mitgliedschaft in der Kirche zu ermutigen.“ These 12: „Im Blick auf alle kirchlichen Berufsgruppen sind die Bejahung des Glaubensthemas (und) die Bereitschaft zur Mitverantwortung für die Kirche als Institution ….geltend zu machen.“ Eine andere Beobachtung für eine Trendwende ist der vor etwa zwölf Jahren aus den Reihen der Vikarinnen und Vikare an die Kirchenleitung herangetragene Wunsch nach einer geistlichen Begleitung während der Ausbildung. Das heißt: die Entwicklung des persönlichen Glaubens, die aus dem Theologiestudium und auch aus der Ausbildung im Vikariat bis dahin bewusst herausgehalten worden war – zu meiner Ausbildungszeit noch undenkbar („man kann doch nicht den Glauben des Einzelnen überprüfen“) – wurde nun von den Auszubildenden selber zum Thema gemacht und eingefordert im Sinne von: bitte helft uns, diese existentielle Dimension des persönlichen Glaubens in unserer Ausbildung zu beachten und in einer angemessen Form von Seelsorge zu reflektieren. Ähnlich werden nun seit einigen Jahren für Pastorinnen und Pastoren sowie Diakoninnen und Diakone sog. „Sabbattage“ angeboten, deren Ziel es ist, die hauptamtlich in der Verkündigung der Glaubensbotschaft Tätigen geistlich zu stärken und ihnen eine Möglichkeit zum Auftanken zu geben. Es handelt sich auch dabei um die Wiederentdeckung der Dimension des persönlichen Glaubens  – wohlgemerkt: ohne dass das allzu fromm oder evangelikal oder konservativ wäre. Als einen dritten Aspekt möchte ich auch die Anziehungskraft der Gemeinschaft von Taizé und anderer Klostergemeinschaften in diesen Zusammenhang erwähnen. Die überall in Stadt und Land stattfindenden Taizé-Gottesdienste sind gut besucht. Hier ist offenbar eine Form des Gottesdienstes gefunden worden, die vielen Menschen eine Tür öffnet, wir erleben das ja auch in unserer Gemeinde. Und auch Klöster kommen wieder in den Blick. Sie bieten Möglichkeiten zur Ruhe zu kommen, aufzutanken und sich von einem spirituellen Ort her zu orientieren.

Ich möchte daher den Umbruch in der Kirche genau genommen zweifach beschreiben. Es ist die Abkehr von allzu traditionellen Formen und Ausdrucksweisen des Glaubens, die Abkehr von allem nur Erzwungenen. Aber es ist auch der in der Breite des kirchlichen Lebens zu beobachtende sehr ernsthafte Versuch, den Glauben als Zentrum kirchlichen Lebens wieder zu finden und ihn auf zeitgemäße und persönlich angemessene, vor allem ehrliche Weise zum Ausdruck zu bringen.

4. Der sogenannte „Reformprozess“ innerhalb der EKD (Kirche der Freiheit)

Mit dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ wurde 2006 eine Antwort auf die Probleme des Traditionsabbruchs und des demografischen Wandels versucht. Dieses Papier geht von zwei Prognosen aus: nämlich erstens von der Halbierung der Zahl der Kirchenmitglieder bis ca. 2030 und zweitens von Rückgang der Finanzen auf zwei Drittel. Aus diesen Grundannahmen wird die Notwendigkeit einer Zentralisierung und Zusammenlegung auf allen Ebenen abgeleitet. Es sollen sogenannte „Leuchtturm-Kirchen“ entstehen, die besondere Anziehungskraft entfalten. Diese „Profilgemeinden“ sollen durch entsprechende Verteilung der Ressourcen – also der Gelder – gestärkt werden. Die Zahl der Ortsgemeinden (Parochien) insgesamt soll aber durch Fusionierung und Regionalisierung stark zurückgefahren werden. Dort soll nur noch „ambulante Seelsorge“ angeboten werden. Die im Impulspapier genannte Zahl von am Ende nur noch 50 % der Ortsgemeinden (S. 57) ist nach einem Sturm entsetzter Reaktionen in der Zwischenzeit immer wieder abgemildert worden. Im Kern aber bleibt der Reformprozess der EKD konzeptionell auf dieser Linie: weg von den kleinen Einheiten vor Ort, hin zu den größeren Zentren und zu Profilgemeinden. Als Beispiele werden „Anstaltsgemeinden“, „Passantengemeinden“ oder „Mediengemeinden“ und auch „klosterähnliche Gemeinschaften“ genannt. Die Bedeutung übergemeindlicher Pfarrstellen, so heißt es, werde „in dem Maß steigen, in dem sie Beiträge zur Entwicklung von Ortsgemeinden zu Profil- und Regionalgemeinden leisten“. (Maßgeblichen Einfluss auf diese Position hat die Theologin Uta Pohl-Patalong u.a mit ihrem Buch „Von der Ortskirche zu kirchlichen Orten“, in dem sie versucht, einen neuen Gemeindebegriff zu begründen.)

Es ist kein Wunder, dass viele Ortsgemeinden dieses Konzept als existentielle Bedrohung durch die eigene Leitung verstehen mussten, wenn es heißt: „So wird die Ortsgemeinde weiterhin eine Grundform von Gemeinde bleiben, aber ihre Bedeutung wird sich zugunsten anderer Gemeindeformen relativieren: Dies wird erhebliche Konsequenzen sowohl für die Verteilung von Ressourcen als auch für das Berufsbild der Pfarrerin und des Pfarrers …haben“: das können die Menschen in den Kirchenvorständen vor Ort nur so verstehen, als wolle die Kirche sich nun selber den Ast absägen, auf dem sie sitzt. Das Bild von der „Selbstzerstörung“ ist gefährlich nahe. Neben den Stichworten „Regionalisierung“ und „Leuchtturm-Kirche“ gab das Impulspapier den Anstoß zu einem auf etwa zehn Jahre angelegten Reformprozess und in diesem Rahmen zum Aufbau von sogenannten „Kompetenz-Zentren“. Vier solcher „Reformzentren“ sind inzwischen gegründet worden:

a) Zentrum für Mission in der Region (3 Standorte)
Ziel: Kultur und Qualität der missionarisch einladenden Arbeit zu fördern. Dort wird als ein Hauptprojekt ein „Handbuch für Kirche und Regionalentwicklung“ präsentiert (also auch hier der Schwerpunkt „Regionalisierung“). Dabei gibt es in jeder Landeskirche eine eigene Abteilung für „Missionarische Dienste“.

b) Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst (Hildesheim)
Ziel: im Gespräch zwischen theol. Wissenschaft u. Kirchl. Praxis die Schönheit und Ausstrahlungskraft des Gottesdienstes zu stärken; u.a. wird dort die Ausbildung zum „Gottesdienst-Coach“ angeboten. Dabei gibt es in jeder Landeskirche zahlreiche Fortbildungsangebote im Bereich Gottesdienst.

c) Zentrum für Predigtkultur (Wittenberg)
Ziel: Lust an der Predigt fördern durch versch. Werkstattformate.

d) Zentrum für Führen und Leiten in Kirche und Diakonie (Berliner Dom)
Ziel: eine konkrete Organisation dazu bewegen, den biblischen Auftrag wahrzunehmen und die Liebe Gottes in der Welt zu bezeugen (Organisationsberatung), dort gibt es 4 hauptamtliche Dozenten

Vergleicht man die Impulse des EKD-Reformpapiers von 2006 mit den Thesen von Wolfgang Huber von 1996, so fällt vor allem eines auf: Der Hauptakzent ist gegenüber Hubers Buch vom Glaubensthema auf das Organisationsthema gewandert, zugespitzt gesagt: von der Religion zur Regionalisierung, vom Glauben zum Geld. Natürlich: auch die Fragen von Organisation und Geld müssen in der Kirche beraten und gut umgesetzt werden. Es wäre jedoch zunächst in einer seriösen Evaluation zu klären, wie die „Impulse“ von „Kirche der Freiheit“ sich eigentlich ausgewirkt haben. Welche Entwicklung also nimmt das kirchliche Leben in einem bestimmten Gebiet, wenn man entweder fusioniert, regionalisiert und übergemeindliche Pfarrstellen schafft usw. oder wenn man andererseits die Gemeinde vor Ort selber stärkt? Solche vergleichenden wissenschaftlich begleiteten Untersuchungen sind mir nicht bekannt. Als eine meiner Vikarinnen dieses Thema für ihre Examensarbeit vorschlug, riet ihr die Prüfungskommission davon ab und schlug ihr vor, stattdessen die Entstehung bestimmter Profilgemeinden zu untersuchen. Die vergleichende Untersuchung wird offenbar gescheut, wäre aber dringend erforderlich. Durch solche punktuellen Erfahrungen wird die Vermutung genährt, dass die am Reformprozess beteiligten Kirchenleitungen sich scheuen, die Auswirkung ihres Konzepts wirklich auf den Prüfstein zu stellen.

5. Gegenbewegung und Alternativen zum Reformkonzept der EKD

5.1. Gegenbewegungen

Jedenfalls haben sich in mehreren Landeskirchen Gegenbewegungen gegen die Linie des EKD-Papiers gebildet (nach Chr. Möller S. 22f). In Berlin-Brandenburg gründete sich 2008 ein „Gemeindebund“ von 29 Gemeinden, die sich im Widerstand gegen die Auflösung der Ortsgemeinden gegenseitig Beistand leisten wollen. In der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck hat sich 2007 eine „Arbeitsgemeinschaft Kirche im Dorf“ gebildet, um Dorfkirchen mitsamt ihren Gemeinden zu unterstützen und zu bewahren. In der bayrischen Landeskirche hat „Aufbruch Gemeinde“ seine Arbeit begonnen, und in Württemberg gibt es schon seit 1983 einen „Kirchengemeindetag“, der die Anliegen und Belange der Gemeinden gegenüber der Kirchenleitung vertritt. Und auch bei uns in Hannover bildete sich 2007 die Inititaive „Gemeinde stärken“, die jedoch im Zuge der Stellenplanung 2013-16 zunächst zum Erliegen kam, da die beteiligten 11 Gemeinden im Stadtkirchenverband mehr als genug damit zu tun hatten, nicht selbst unterzugehen. Zu der Situation in der hannoverschen Landeskirche einige Zahlen: 1954-2004 : Zahl der Kirchenmitglieder von 3,9 auf 3,1 Millionen gesunken (20,5%), Zahl der GemeindepastorInnen liegt 2004 leicht unter der von 1954, Zahl der übergemeindlichen PastorInnen um 400 gestiegen (zitiert bei C. Möller, Lasst die Kirche im Dorf. S. 14) Diese Zahlen zeigen: schon vor dem Impulspapier der EKD ist der Schwerpunkt von den Gemeinden weg gewandert.

5.2. Die Vorschläge Christian Möllers „Lasst die Kirche im Dorf!“

Der Heidelberger Professor für Praktische Theologie Christian Möller hat 2009 unter dem Titel „Lasst die Kirche im Dorf! Gemeinden beginnen den Aufbruch“ über diese Gegenbewegungen berichtet und ein Umdenken in mehrfacher Hinsicht gefordert. Im ersten Punkt fordert er ein Umdenken von der Betreuungskirche zu Beteiligungsgemeinden (S. 27f):

a) Die Ev. Kirche als eine von unten her aufgebaute Gemeindekirche wiederentdecken
b) Jeder übergemeindliche Dienst sollte mit einem Gemeindedienst verbunden werden (Krankenhaus, Gefängnis, Schule u.a.)
c) Das Geld der Kirche sollte dort verwaltet und verteilt werden, wo es herkommt, nämlich in den Ortsgemeinden (Möller verweist hier auf das „schwedische Modell“, in dem alle Mitgliedsbeiträge an die Ortsgemeinden gehen, von dort werden jeweils 10 % an die Gesamtkirche abgegeben. Ein Ausgleich zwischen armen und reichen Gemeinden ist vorgesehen) (S. 28)

In einem zweiten Punkt fordert Möller eine Abkehr von allzu stark betriebswirtschaftlich geprägtem Denken (das erkennt er in Begriffen wie „Qualitätssicherung“, „Kerngeschäft“ oder „leitende geistliche Mitarbeiter“) und eine Hinwendung zur Konzentration auf die gerade anstehenden Aufgaben und, wie er sagt, zu einem „adventlichen Denken“, einem geistlichen Vertrauen, das die Zukunft von Gott her versteht. (S. 30ff). Möller stellt also den betriebswirtschaftlichen Kategorien bewusst Grundbegriffe des Glaubens gegenüber.

5.3. Die Antwort von Isolde Karle auf das Impulspapier der EKD

Auch die Kritik der Bochumer Professorin Isolde Karle an dem Impulspapier beginnt bei dem starken Übergewicht der ökonomischen Logik, die das bisherige theologische Selbstverständnis der Kirche völlig dominiert, so dass „die Theologie zum ornamentalen Beiwerk zu werden droht, in jedem Fall scheint sie nicht die zentrale Steuerungs- und Reflexionsinstanz für die entstehenden Reformen zu sein“ (S. 11f) Wie sich das an der Basis auswirkt, haben wir gerade in den letzten Wochen erlebt, als wir im Gespräch mit der Leitung des Kirchenkreises vergeblich versuchten, deutlich zu machen, dass es ein wichtiges kirchliches Interesse ist, dass eine Gemeinde mit besonders vielen Kindern und Konfirmanden auch eine angemessene Mitarbeiterin dafür braucht, und dass dieses Interesse mindestens ebenso wichtig und ernstzunehmen ist, wie die Notwendigkeit, eine bestimmte Anzahl von überhängigen Mitarbeitenden irgendwie unterzubringen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass dieses „kirchliche Interesse“ deutlich gemacht werden konnte. Wir hatten leider nicht den Eindruck, dass verstanden wurde, was wir mit dem „kirchlichen Interesse“ gemeint haben.

Die ev. Kirche „transformiert sich (nach Karle) mehr und mehr von einer alten Institution, die das Unverfügbare symbolisiert, in eine effiziente Dienstleistungsorganisation“ (14). Sie hält den Reformprogrammen der EKD vor, dass die kirchliche Handlungsfähigkeit fälschlicherweise mit ökonomischer Zahlungsfähigkeit identifizieren. (Und das spiegelt sich dann umgekehrt bei der wachsenden Zahl derer, die allein aus rein finanziellen Gründen aus der Kirche austreten. Es ist nur zu gut zu verstehen, dass man aus einer Kirche, die sich primär ökonomisch versteht, dann auch aus ökonomischen Gründen austritt.)

Das EKD-Papier, so Karle, sei von der Realität an der Basis der Gemeinden weit entfernt. Religionssoziologisch müsse von einer Entfremdung zwischen „Kirche“ und „Gemeinde“ gesprochen werden (127). In „Kirche der Freiheit“ kommen die Ortsgemeinden nur noch als Orte ritueller Grundversorgung und „ambulanter Seelsorge“ vor. Die kirchenmusikalischen, diakonischen, geselligen oder bildungsorientierten Seiten des Gemeindelebens würden nahezu vollständig ausgeblendet. (S. 126 Anm. 16) Dabei tragen die Ortsgemeinden bis heute strukturell, finanziell und motivational die meisten funktionalen Dienste und die Großorganisation selbst. Eine seit Jahrzehnten dauernde permanente Verunglimpfung der Kerngemeinden hat zu einer Abwertung der Ortsgemeinden geführt. Es ist aber gerade die Stärke der ev. Kirche, dass sie dezentral organisiert ist und dass sie sich von unten, von den Gemeinden aus aufbaut. (Vgl. das Kirchenlied der 70er Jahre: „Ich träume eine Kirche…. die baut sich auf von unten“). Ortsgemeinden sind nach Karle die Basis der Kirche: hier ringen nicht die Experten, sondern Menschen aller Berufsgruppen und Milieus darum, wie die Kirche aussehen soll (128).
In 12 zusammenfassenden Thesen am Ende ihres Buches erinnert Isolde Karle daran, dass die ev. Kirche von unten, also von den Gemeinden her aufgebaut ist und darum nicht in top-down-Prozessen umgesteuert werden kann. Die ev. Kirche wächst aus Gemeinden, in denen motivierte PastorInnen und MitarbeiterInnen ihre Arbeit tun.

Die aktuellen Reformprogramme haben bei vielen Mitarbeitenden zu Überforderung und Demotivation geführt (Seit der Übergabe der Trägerschaft der DiakonInnenstellen von den Gemeinden an den Stadtkirchenverband ist der Krankenstand bei den Betroffenen enorm gestiegen). Eine besondere Aufmerksamkeit fordert Karle für Arbeit mit Familien, Kindern und Jugendlichen, die vornehmlich in den Gemeinden vor Ort stattfindet. Hier sieht Karle die größten Chancen für neues Wachstum (was wir aus den letzten Jahren in unserer Gemeinde bestätigen können!) Kirchengebäude dürfen nicht nur als Versammlungsort von Christen betrachten werden, sie sind in ihrer gesellschaftlichen Funktion immer auch exemplarische Orte der Präsenz Gottes. Ökonomische Aspekte und Maßstäbe dürfen nicht die theologische Steuerung ersetzen. „Für die Kirche der Zukunft ist unabdingbar, dass sie wieder zu einem theologischen Selbstverständnis findet… und sich als Organisation nicht von den Zwängen ökonomischer Logik fremdbestimmen lässt.“

In ihrer 12. These nimmt Karle auf, was Huber schon in seinem Buch aus den 90er Jahren deutlich gesagt hatte. Es klingt fast, als wollte sie die Verfasser des Impulspapiers an das Wesentliche erinnern, was sie vergessen hatten: „Die eigentliche Krise der Kirche ist nicht eine Finanz-, sondern eine theologische Orientierungskrise.“ (259)

5.4. Das Wormser Wort von 2014

Im Umfeld des 73. Deutschen Pfarrertages in Worms wurde zur aktuellen kirchlichen Lage das „Wormser Wort“ verfasst: „Nein zum bisherigen Umbauprozess der Kirche durch die EKD“. In den Thesen wird deutlich gemacht,

– dass der Reformprozess ein Umbau- und Abbauprozess ist, der eine umfangreiche Selbstbeschäftigung der Kirche nach sich zieht, die der eigentlichen Aufgabe der Kommunikation des Evangeliums im Weg steht.
– dass die Kosten-Nutzen-Relation des Umbauprozesses negativ ist
– das Motivation und Eigenverantwortung der Mitarbeitenden geschwächt wurden
– dass die Kirche sich nicht in so hohem Maß der Ökonomie und ihren Gesetzen unterwerfen darf,
sondern ihre eigene Schätze des Glaubens und des Gemeinsinns wieder entdecken muss.
– daher wird ein Moratorium des Umbauprozesses gefordert, um verlorenes Vertrauen wieder zu
gewinnen.

6. Kirche im Umbruch

Die Kirche war schon immer im Umbruch. Die Reformation wäre hier zu nennen, die Aufklärung mit dem Eindringen wissenschaftlicher Methoden in Seelsorge, Bibelwissenschaft und Predigt. Ganz zu schweigen von politischen Umbrüchen wie etwa bei den unsäglichen „Deutschen Christen“ oder dann der „Bekennenden Kirche“, dem Neuanfang der Kirchen nach 1945 oder dem Wertewandel seit den 60er Jahren. Im Umbruch zu sein gehört offenbar zum Wesen der Kirche dazu. Es ist auch nicht zwangsläufig negativ. Die Kirche ist immer wieder durch grundlegende Veränderungsprozesse hindurch gegangen. Eigentlich beginnt das schon mit Jesus selber. Als er die Reinheitsgebote übertrat und zu den Aussätzigen ging, als er mit den Zöllnern am Tisch saß oder eine Ehebrecherin in Frieden gehen ließ, als er sich den Kindern zuwendete oder als er der Barmherzigkeit den Vorrang vor dem Opfer gab, waren das Umbrüche ungeheuren Ausmaßes. Und als nach seinem unschuldigen Sterben einige seiner Jünger mit erstaunlicher Überzeugungskraft die Botschaft in die Welt setzten, er sei von den Toten auferstanden, war das ein Umbruch ohnegleichen und dieser Umbruch wirkt heute noch nach. Es ist darum nicht auszuschließen, dass die Kraft und Hoffnung der Kirche Jesu Christi gar nicht so sehr aus der Bewahrung des Bestehenden, sondern aus den Umbruch-Erfahrungen genährt wird. Das würde allerdings voraussetzen, dass wir die Kraft dieser Umbrüche wieder entdecken.

Abschließende Thesen

„Unsere Aufgabe ist es nicht, ein Museum zu erhalten, sondern einen Garten zu bepflanzen“ (frei nach einem alten Zitat, gefunden in einem Handzettel aus dem Kloster Wülfinghausen)

1. Jeder Reformprozess der Ev.-luth. Kirche muss sich an der Basis der Gemeinden orientieren (Karle These 1), um die Entfremdung zwischen Kirchenleitung und Gemeinden zu überwinden. Sonst geht die religiöse, diakonische und Gemeinschaft bildende Kraft der Gemeinden verloren. Nur an der Basis der Gemeinden ist auch über das jeweils angebrachte Ausmaß und die Art notwendiger Regionalisierung zu entscheiden.

2. Gegenüber vielen ohne Frage notwendigen Aufgaben übergemeindliche Seelsorge und Beratung an Einzelnen (Krankenhaus, Gefängnis u.a.) muss das Bild der Kirche als einer tragenden Gemeinschaft in seiner Kraft wiedergewonnen werden.

3. Jeder übergemeindliche Dienst sollte mit einem Gemeindedienst verbunden werden, um den Bezug zur Basis zu sichern. (Möller)

4. Das Geld der Kirche sollte dort verwaltet und verteilt werden, wo es herkommt, nämlich in den Ortsgemeinden (Möller). Analog dem schwedischen Modell sollte von dort Geld an übergemeindliche und kirchenleitende Aufgaben gehen und ein Ausgleich zwischen armen und reichen Gemeinden geschaffen werden.

5. Erforderlich ist die Wiedergewinnung des Glaubensthemas (Huber) und der theologischen Steuerung (Karle) gegenüber der Dominanz ökonomischer Logik. „Der Ansatzpunkt zur Erneuerung der Kirche liegt darin, dass sie ihre eigene Botschaft ernstnimmt.“ (Huber III, 9)

6. Größtmögliche Aufmerksamkeit muss auf die religiöse Sozialisation von Kindern und Familien gegeben werden, um so neues Wachstum zu ermöglichen (Karle, These 8). Der Ort dafür sind ohne Frage die Gemeinden.

7. Im Blick auf alle Berufsgruppen (in Gemeinden und übergemeindlichen Diensten) sind die Bejahung des Glaubensthemas und die Bereitschaft zur Mitverantwortung für die Kirche als Institution geltend zu machen (Huber III, 12)

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