„In der EKD interessiert sich keiner für die Gemeinden.“ Partys, Posen Protestanten: Siegfried Eckert zum Reformationsjubiläum 2017

„Der organisierte Protestantismus ist sich unsicher, wie gefeiert werden soll. Die Schar der Gratulanten scheint erwartungsvoller als das Geburtstagskind selbst. In einem von Pastorentöchtern, Pastoren und protestantischen Ministern regierten Land fehlt ein Roman Herzog, der kleingläubigen Christenmenschen eine Ruck-Rede hält. Katholiken können einfach ausgelassener feiern. Auch darin blieb Martin Luther katholisch. Er liebte üppiges Essen, gesellige Gelage und das Bier seiner Herrin Käthe. Von Diäten hielt er nichts.“

Die evangelischen Landeskirchen halten sich in dieser Großwetterlage bedeckt. Sprudelnde Kirchensteuern stecken sie in den letzten Jahren in den Ausbau von Leitungsebenen und Verwaltungsämtern, statt die Kirche im Dorf zu lassen. Als 2006 ein Strategiepapier der EKD unter dem Titel »Kirche der Freiheit« das Jahrzehnt vor dem Reformationsjubiläum eröffnete, begann eine Umverteilung von unten nach oben.

Dabei hätte es die evangelische »Kirche von unten« verdient, Früchte tragen zu dürfen. Lange genug haben Fürsten und Kirchenpräsidenten den Protestantismus regiert. Gegen die ursprüngliche Intention: Das Priestertum aller Gläubigen ist ein evangelisches Charisma und keine lästige Kakofonie, wie manche Oberhirten meinen. Für Luther war der »christliche Haufen« vor Ort noch der Humus, aus dem sein Kirchenverständnis spross. Die anderen Reformatoren bauten dieses Verständnis noch aus. Kirche, das sind Christinnen und Christen, die sich vor Ort zum Gottesdienst versammeln, und nicht Landeskirchenämter, die den Betrieb zu organisieren haben.

Doch weil der Protestantismus unsicher ist, was es zu feiern gibt, haben es die Top-down-Gedankenspiele aus kirchenleitenden Amtsstuben leicht. Es fehlt die Kraft, dem Anspruch der EKD auf evangelische Deutungshoheit im Land zu widerstehen. Einige ihrer Repräsentanten träumen im Glanz von 2017 davon, von Hannover aus die EKD, die bisher ein Dachverband der 20 Landeskirchen ist, zu ihrer wahren Kirchengröße zu führen. Ob Gemeinden sich zu Tode fusionieren, Dorfkirchen geschlossen oder Kirchengebäude meistbietend verhökert werden, stört sie nicht. Führende Köpfe gestehen hinter vorgehaltener Hand zu: »In der EKD interessiert sich keiner für die Gemeinden.« Um das Geschenk einer 500-jährigen Graswurzelgeschichte zieht sich ein gordischer Knoten zu. Das riecht nach einer erneuten Instrumentalisierung des Jubiläums. Wurden die letzten Jahrhundertfeiern stets vor den Interessenkarren politischer Herrscher gespannt, droht bei der fünften Auflage die Bemächtigung durch den Veranstalter selbst.


 

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