Gemeinde geht vor!Ort … Ein erster Blick in die ausführliche Auswertung der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD

2016 könnte das Jahr der Ortsgemeinden werden. Jedenfalls dann, wenn sich die Landeskirchen mit ihren Synoden und in ihren Entscheidungen an den Ergebnissen der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD orientierten. Dies würde jedoch in manchen Bereichen einen radikalen Gesinnungswandel und den Willen zu Korrekturen voraussetzen. Denn der vor einigen Wochen im Gütersloher Verlagshaus erschienene, fast 550 Seiten starke offizielle Auswertungsband lässt schon bei einer ersten Durchsicht keine Zweifel daran, wo die größte Bindungskraft und Stärken der evangelischen Kirche liegen: in den parochial organisierten Ortsgemeinden!

Zwar wird an einigen Stellen versucht, die Ergebnisse zu relativieren bzw. einer eventuell aufkeimenden Debatte über Prioritätensetzungen entgegenzuwirken. So heißt es (S. 453f.):

Dem Prinzip der Außenorientierung folgend wird man nicht die unfruchtbare Debatte über gemeindliche oder übergemeindliche Schwerpunktsetzungen und Stellenanteile weiterführen. Zum einen kann die professionelle Bearbeitung und öffentliche Deutung vieler Themenbereiche nicht in parochialen Strukturen geleistet werden. Zum anderen verkennt die Dichotomie ›gemeindlich-übergemeindlich‹ eine kirchliche Realität, die durch die Rede von ›kirchlichen Orten‹ angemessener abgebildet werden kann. Dies wird deutlich insbesondere im Blick auf die Rolle der Pfarrerinnen und Pfarrer für eine Kirche in der Öffentlichkeit: Die Ergebnisse der V. KMU zeigen eindrücklich die Relevanz von öffentlich präsenten Pfarrerinnen und Pfarrern in ihrer Rolle als Repräsentanten und Identifikationsfiguren der evangelischen Kirche. Diese Schlüsselrolle beschränkt sich selbstverständlich nicht auf parochial strukturierte Gemeinden, denn auch in anderen Kontexten sind Pfarrerinnen und Pfarrer Schlüsselpersonen.

Dieser Argumentation könnte man dann folgen, wenn es in den vergangenen Jahren nicht eine permanente Abwertung parochialer (und dort auch pfarramtlicher) Gemeindearbeit gegeben hätte, wie sie in dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ aus dem Jahre 2006 vorskizziert ist und infolgedessen in vielen Bereichen Schwerpunktsetzungen auf übergemeindliche Ebenen vollzogen wurden. Folgt man außerdem den weiteren Ausführungen und nimmt sich die Zeit, die entsprechenden Tabellen und Grafiken (die dankenswerterweise auf einer CD-Rom mitgeliefert werden) genauer zu betrachten, dann ist, was die „Identifikationsfiguren“ und „Schlüsselrollen“ der evangelischen Kirche anbelangt, eine eindeutige Gewichtung auf ortsgemeindlicher Ebene zu erkennen. (Nebenbei bemerkt: Als wichtigste Kontaktperson neben dem Pfarrer/der Pfarrerin wird die Gemeindesekretärin genannt – eine Institution, die wir durch die Zentralisierungswelle in Folge der Verwaltungsstrukturreform gerade abschaffen!) Dies wird in der Auswertung noch auf derselben Seite sogar auch für die größte Gruppe evangelischer Kirchenmitglieder, der „nahen Fernen“ (für die „Kerngemeinde“ gilt dies sowieso), so festgestellt (S. 454, Hervorhebung vom Autor):

Die Mehrheit der Kirchenmitglieder gibt in Bezug auf die Verbundenheit mit der Kirche mittlere Werte an und gehört damit zu den so genannten nahen Fernen oder kirchlich Distanzierten. Ihre kirchlich-soziale Praxis hat die Form einer gelegentlichen und anlassbezogen aktivierten Verbundenheit. Sie erleben Kirche vor Ort bei der Teilnahme an Kasualien und Gottesdiensten an zentralen Feiertagen. Sie vertreten in der Regel eine würdigende Wahrnehmung der öffentlichen Person der Pfarrerin und des Pfarrers vor Ort. Und sie leisten über die Kirchensteuer den wesentlichen Beitrag zur Finanzierung der Kirche. Von den Begegnungen und Erlebnissen bei solchen Gelegenheiten leitet sich der Eindruck von der Kirche insgesamt ab.

Dass die Frage nach der Verbundenheit mit der Ortsgemeinde überhaupt im Fokus der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen liegen, ist übrigens – erstaunlicherweise – keine Selbstverständlichkeit: in KMU III und IV wurde danach nicht gefragt! Die Vermutung, dass manche kirchenpolitische Entscheidungen vielleicht anders, womöglich basisorientierter gefallen wären, wäre man auch in dieser Zeit auf diesen Komplex eingegangen, ist nicht ganz unberechtigt und lässt Hoffnung auf die nähere Zukunft aufkeimen. Denn wie die Ergebnisse aus KMU I und KMU II zeigen, ergibt sich an dieser Stelle eine große Konstanz, die es zu würdigen gilt (S. 57);

Viele dieser Daten lassen sich mit den Angaben in den früheren KMUs kaum vergleichen, weil oftmals Fragen verändert oder neu aufgenommen wurden. Nach der Verbundenheit mit der Ortsgemeinde wurde in der I. und II. KMU gefragt. Die Ergebnisse ähneln aber denen von heute.

So kann ein erstes Fazit gezogen werden, das kritischen Äußerungen von EKD-Funktionären wie Dr. Thies Gundlach deutlich widerspricht (S. 57):

Im Gesamtblick bestätigt sich so eine generelle Tendenz, die auch in anderer Hinsicht auf die KMU-Ergebnisse zutrifft: Das „System“ Volkskirche funktioniert nach wie vor – auch auf der Ebene der Kirchengemeinden – anscheinend angemessen.

Dieses Ergebnis bestätigt sich auch bei der Frage nach der Zufriedenheit der kirchlich Engagierten, die mit überwältigender Mehrheit eine positive Bilanz ihrer Mitarbeit ziehen (S. 56):

Deutlich wird in der Auswertung, dass die „evangelisch Engagierten“ in vielerlei Hinsicht sehr zufrieden mit ihrer Tätigkeit in der Gemeinde sind. 91 % von ihnen sagen: „Ich fühle mich in meiner Gemeinde gebraucht“, und 92 % stimmen dem Satz zu: „Ich kann meine Fähigkeiten gut einbringen“. Dass ihre Tätigkeit in der Gemeinde wertgeschätzt wird, nehmen 92 % wahr, und 96 % stimmen der Aussage zu: „Das Zusammensein mit anderen in der Gemeinde ist mir wichtig.“

Schon dieser Befund sollte Synodale und Kirchenleitungen der zweiten (Kirchenkreis) und dritten (Landeskirche) Ebene bei zukunftsträchtigen Entscheidungen dazu bewegen, die parochiale Basis nicht weiter in Frage zustellen, Kompetenzen zu verlagern oder sogar finanziell zu benachteiligen. Ja sie müssten darüber hinaus aus Eigeninteresse und ihrem Selbsterhaltungstrieb folgend in die Gemeinden vor Ort investieren. Denn wie sie selbst als Kirche wahrgenommen werden, hängt mit der Präsenz der Ortsgemeinde zusammen, ja zugespitzt formuliert müsste man sagen: die Kirchenkreise und Landeskirchen sind, was ihr Standing in der öffentlichen Wahrnehmung angeht, von den Ortsgemeinden und ihrem Wohlergehen abhängig (S. 61) – und nicht umgekehrt:

Schon hier sei dazu bemerkt, dass sich der Grad der Verbundenheit mit der Kirche allgemein für die meisten Befragten kaum oder gar nicht von ihrer Verbundenheit speziell zur Ortsgemeinde unterscheidet – dies ist ein weiterer Beleg dafür, wie stark in der Perspektive der Mitglieder die ›Kirche vor Ort‹ für die evangelische Kirche im Ganzen steht.

Es ist darum kaum nachzuvollziehen, wenn der Ist-Wert der Parochie zwar anerkannt, jedoch ihre Bedeutung für die zukünftige Entwicklung der evangelischen Kirche weiterhin in Frage gestellt wird (S. 58):

Ohne „Gemeinden“ wird Evangelische Kirche nicht sein können, aber ob das überkommene System der Ortsgemeinden wirklich zukunftsträchtig ist, muss sich noch zeigen.

Mir sei die Frage erlaubt: Was soll bei diesem Befund sich da Bitteschön denn noch zeigen? Ihre Relevanz und Konstanz hat das „System der Ortsgemeinden“ nach fünf Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen und in über 40 Jahren, in denen sie durchgeführt wurden, längst erwiesen. Dass Kirche auch andere Wege neben der parochialen Form gehen muss, ist unstrittig, aber die dürfen nicht an ihrer Stelle oder auf ihre Kosten gegangen werden, weil sie – selbst im Wandel der Zeit und in einer komplizierter, differenzierter und indifferenter werdenden Gesellschaft – nachweislich das Fundament unserer evangelischen Kirche darstellt (S. 67):

Auch unter den Bedingungen moderngesellschaftlicher Differenzierung, religiöser Vielfalt und biographischer Mobilität scheint die Kirche vor Ort aus der Sicht der Mitglieder von hoher, ja gelegentlich identitätsstiftender Bedeutung zu sein. Dies gelingt der Kirche vor allem deshalb, weil ihre Mitglieder in der Ortsgemeinde eine ganze Reihe höchst vielfältiger Themen, Personen und Vollzüge wahrnehmen, an denen sie selbst – je nach der eigenen religiösen und biographischen Konstellation – auf ebenso vielfältige Weise Anteil nehmen können.

Wollen wir auch den zukünftigen Herausforderungen adäquat begegnen, dann müssen alle Entscheidungen, auch jene, die aus rein finanziellen oder organisationstechnischen Beweggründen gefällt wurden, daraufhin überprüft werden, ob sie zum Wohle oder zum Schaden des kirchlichen Lebens vor Ort beigetragen haben: (S. 450)

Es braucht daher neben den Impulssetzungen auch eine differenzierte Analyse- und Wahrnehmungskompetenz, damit nicht erst in zehn Jahren bei der eventuell durchzuführenden VI. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung Veränderungen sichtbar bzw. vermisst werden.

Es ist darum unumgänglich, weitergehende strukturelle Veränderungen auf Eis zu legen, sich eine Reformpause zu gönnen und nötigenfalls Fehlentwicklungen soweit wie möglich rückgängig zu machen. Denn auch die fünfte KMU zeigt: „Gemeinde geht vor!Ort“.


→ „Vernetzte Vielfalt“ beim Gütersloher Verlagshaus …

 

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