Entfremdet?! Erschienen in "Die mündige Gemeinde - eine protestantische Zeitung", Ausgabe Judika 2017, S. 8f.

Seit geraumer Zeit erklingen vermehrt Misstöne zwischen Kirchenleitungen der zweiten und dritten Ebene (Kirchenkreise/Dekanate und Landeskirchen) und der (Gemeinde-)Basis. Bis zum Jahre 2006, der Veröffentlichung des Impulspapiers „Kirche der Freiheit“, lebte man mehr oder weniger nebeneinander her. Nur in brisanten Fällen drangen Superintendenten und Dekane, Oberkirchenräte und Ephoren zu den Niederungen des Kirchengemeindelebens hinab, um sich in ihre Belange einzumischen. Das hatte zum einen sicher damit zu tun, dass die persönliche Nähe zur eigenen Kirchengemeinde manchen Funktionär erdete, zum anderen waren die Möglichkeiten der Einflussnahme noch recht beschränkt.

Dies hat sich in den vergangenen Jahren mit den Strukturreformen und der damit angestrebten Professionalisierung der Arbeitsbereiche gravierend verändert. Einerseits ist dies möglicherweise dem Anliegen geschuldet, Kirchengemeinden, die in geistliche und finanzielle Schieflage geraten sind, kräftiger unter die Arme greifen und unterstützen zu wollen. Andererseits hat sich – vermutlich durch Hinzuziehung gewisser Managementberater – ein Führungsanspruch entwickelt, wie er normalerweise in Unternehmen und Großkonzernen zu finden ist.

Indizien dafür gibt es nicht wenige und Leidtragende sind nicht nur die gemeinen Gemeindeglieder. Der bisher offensichtlichste, medial aufmerksam verfolgte Streit entfachte der Generalsekretär der EKD, Thies Gundlach, mit seiner Kritik an der wissenschaftlichen Theologie, von der er sich – salopp formuliert – weniger Meckerei, dafür aber konstruktivere Unterstützung in Sachen Reformationsjubiläum wünschte. Ausgefochten wurde die Fehde hauptsächlich in der Zeitschrift „Zeitzeichen“, der Ton ist – dem Gedenken an den Reformator Martin Luther angemessen – konfrontativ. So folgte auf Gundlachs Contra gleich Thomas Kaufmanns Re. Der legte den Finger in die eigentliche Wunde, indem er seinem Widerpart eine „Instrumentalisierung der Wissenschaft zum Zwecke staatlich-ideologischer Nützlichkeit oder kirchlicher Opportunität“ vorwarf. Verkümmert die Theologie tatsächlich zur Magd der Kirchenleitung?

Nun könnte man diesen Disput als kongenial aktualisierte Inszenierung jener Ereignisse interpretieren, die wir in diesem Jahr mit dem 500. Jahrestag des Thesenanschlags feiern: eine Auseinandersetzung zwischen Klerus und Gelehrtentum um die Frage, wer denn das Zepter in der Hand hält. Doch der Graben ist wohl garstiger und tiefer. Denn auch auf anderen Ebenen scheinen sich Kirchenleitungen und Kirchenvolk fremd geworden zu sein, verstehen die einen nicht, was die anderen eigentlich wollen. Der daraus resultierende Konflikt entzündet sich vor allem an den Strukturreformen und zuletzt auch an der Verteilung der üppig ausfallenden Kirchensteuereinnahmen. Etliche Beispiele machen deutlich, welche Verwerfungen es mittlerweile in der Kommunikation gibt (eines von vielen: Sachsen). Aus allen Landeskirchen hört man immer wieder und vermehrt von Streitigkeiten, die mehr an einen Machtkampf erinnern als an einen geschwisterlichen Meinungsaustausch. Vor allem auf kirchengemeindlicher Ebene ist man immer erstaunter, mit welcher Vehemenz z.B. Gemeindefusionen und Stellenkürzungen vorgegeben und durchgesetzt werden – trotz erheblicher finanzieller Möglichkeiten.

Eine Zeit lang hat man dies noch ertragen, konnte doch davon ausgegangen werden, dass die einen schon wissen, was die anderen bedürfen und also in ihrem Sinne handeln. Schließlich sitzen ja auch in den Synoden Menschen, die von der Basis her kommen. Doch gerade in diesen Gremien scheint sich in den letzten Jahren eine eigentümliche Dynamik zu entwickeln, Vorlagen der Kirchenleitungen mehr oder weniger abzunicken. Und dies weniger aus Interesselosigkeit, sondern oft wegen fehlender Zeit, sich in die nicht selten komplizierte Materie einarbeiten und sich so ein eigenes Urteil z.B. auch über die Konsequenzen bilden zu können.

Dass man auch an dieser Stelle an Kritikfähigkeit verloren hat, konnte man jüngst anhand einer Debatte erkennen, die durch einen ausführlichen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung an Fahrt aufgenommen hatte. Reinhard Bingener hatte dort nach dem Verbleib der Kirchensteuereinnahmen gefragt, auch der Gemeindebund Bayern kam zu Wort. Auf Facebook folgte daraufhin eine angeregte Diskussion, in die sich auch Dr. Irmgard Schwaetzer einbrachte, Mitglied des Rates und Präses der Synode der EKD. Ihr Statement: „Oh, ich kann das Kirchen­bashing nicht mehr ab.“ Spricht dieser Satz nicht Bände?

Kirchenleitung und Kirchenvolk … Mehr und mehr stellt sich nun heraus, dass die Perspektiven und Interessen auf beiden Seiten unterschiedlicher sind als angenommen. Dies wäre an sich kein Problem, wenn es einen offenen Diskurs um die zukünftige Gestalt der evangelischen Kirche und den besten Weg dorthin gegeben hätte. Doch der wurde und wird an vielen Stellen schmerzlich vermisst. Zudem sind inzwischen – teilweise an Synoden und Gemeindeleitungen vorbei – gesetzgeberische Voraussetzungen geschaffen worden, die es mancher Ebene leicht macht, den Protest der Basis zu überhören.

So traut man auf EKD- und Landeskirchenebene den eigenen Umfragen und Instituten nicht. Ergebnisse der fünften Mitgliedschaftsuntersuchung (KMU V) und Untersuchungen des Sozial­wissenschaftlichen Instituts der EKD (Gemeindebarometer) werden einfach ignoriert oder so interpretiert, dass sie die getroffenen Entscheidungen nicht in Frage stellen. Dabei weisen Aussagen eines Dr. Gerhard Wegner (Leiter des SWI) oder Detlef Pollack (an der KMU V beteiligter Religionssoziologe) eindeutig in eine andere Richtung als die bisher eingeschlagene: nämlich in Richtung Ortsgemeinde! Allen Unkenrufen zum Trotz ist die Bindungskraft in den Parochien – wenn auch rückläufig – im Vergleich zu anderen Ebenen immer noch am stärksten ausgeprägt. Es gibt sogar eine größer werdende Zahl von Gemeindegliedern, die sich der Kirchengemeinde enger verbunden fühlen. An dieser Stelle bestünde sogar ein Wachstumspotenzial. Dies würde allerdings voraussetzen, in die Arbeit bei den Menschen vor Ort mehr zu investieren anstatt wie bisher Angebote und Personal abzubauen. Doch die Erfahrungen der vergangenen Jahre machen wenig Hoffnung, dass an den entscheidenden Stellen ein Umdenken stattfindet.

Nun bleibt die Frage: Was tun? Nicht wenige engagierte Haupt- und Ehrenamtliche haben aufgegeben. Andere versuchen zu retten, was in ihren Augen noch zu retten ist und arrangieren sich mehr oder weniger freiwillig mit den neuen Gegebenheiten. Und dann gibt es noch jene, die die Hoffnung auf Einsicht und Umkehr nicht aufgegeben haben. Fatal wäre es, wenn sich beide Seiten nichts mehr zu sagen hätten. So weit dürfen wir es nicht kommen lassen – im Interesse unserer evangelischen Kirche!


Erschienen in: „Die mündige Gemeinde – eine protestantische Zeitung“, Ausgabe Judika 2017, S. 8f.

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Ein Beitrag
  1. Die Kirchen wollen gar nicht, das professionelle Ehenamtliche versuchen, eine unternehmefisches Denken zu realisieren, um das bisherige. ….Denken nicht zu verlassen. Es hat bisher funktioniert, so wird es auch künftig sein.
    Einige Pfarrer/innen verhalten sich wie Beamte. Wie hat Papst Franziskus gesagt; wenn die Kirche nicht auf ihre Gläubigen zugeht, wie kann sie dann erwarten, daß die Gläubigen zu ihr kommen. Einige Pfarrer interessiert es nicht, wieviel Gläubige in der Kirche sitzen. Sie bekommen ihre Beamten-Bezüge und das war es.

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