EKKW: Wird, was lange währt, endlich gut? Konrad Schullerus fordert im aktuellen Pfarrerblatt ein Moratorium der Reformprozesse

Ist es Zufall, dass sich auch in anderen Landeskirchen die Probleme der angestoßenen Reformprozesse türmen und sich gerade im Verwaltungsbereich denen der EKiR so ähneln? Wohl kaum. Daher ist es auch kein Wunder, dass dort wie hier Unmut geäußert wird und ähnliche, ja gleiche Forderungen nach einer Besinnung und Rückbesinnung auf das Wesentliche geäußert werden. So treffen viele Passagen aus dem Pfarrerblatt der Evangelischen Kirche Kurhessen Waldeck auch die Situation in unserer Landeskirche. Wir zitieren einige frappierende Beispiele …

Zur Problematik von Langzeitprognosen:

Die Unsicherheit einer Prognose steigt exponentiell mit dem Prognosehorizont und der Anzahl der Variablen. Und die beste Prognose kann weder Brüche noch unvor-hersehbare Entwicklungen berücksichtigen. Die aber sind auf mittlere und lange Sicht zu erwarten.

Die Prognose der EKD dürfte in etwa die gleiche Wahrscheinlichkeit für sich in Anspruch nehmen können wie die Konsultation einer Glaskugel. Es ist schlechterdings unmöglich, mit auch nur annähernd akzeptabler Wahrscheinlichkeit vorauszusagen, was in 30 Jahren sein wird.

Um nicht missverstanden zu werden: Planung ohne Prognose geht nicht. Auch die Evangelische Bank arbeitet mit Prognosen. Allerdings sind die Zeiträume kürzer, und es wird in regelmäßigen Abständen überprüft, ob die Prognose noch zutrifft und ob nachjustiert werden muss. In langfristigen Verträgen gibt es Anpassungsklauseln. Geschäfte, die über einen prognostisch einigermaßen sicher erfassbaren Zeitraum hinausgehen, werden normalerweise durch Gegengeschäfte abgesichert.

Zur Prioritätensetzung bei den Reformprozessen:

„Ecclesia semper reformanda bedeutet … 1. in welcher Form die Kommunikation des Evangeliums jeweils sinnvoll Gestalt gewinnen kann und 2. was dazu an äußeren Strukturen, Personal, Gebäuden, Arbeitsbereichen, Verwaltung und Geld notwendig ist. Um das zweite geht es heute. Aber das erste ist die wichtigere Aufgabe. Und sie ist auch die Aufgabe, auf die wir zukünftig unsere Energie konzentrieren müssen, weil die demographischen und gesellschaftlichen Herausforderungen eine geistliche Erneuerung der Kirche unerlässlich machen.“ So der Vorsitzende des Zukunftsausschusses, Dr. Volker Mantey, in der Einbringung des Abschlussberichts des Zukunftsausschusses. Damit hat er zweifellos Recht. Warum aber widmet sich der Zukunftsausschuss nicht der wichtigeren ersten, sondern der weniger wichtigen zweiten Aufgabe? Erst recht, da die Reihenfolge nicht beliebig ist. Erst wenn geklärt ist, wie ich das Evangelium kommunizieren will, kann ich sinnvoll über Rahmenbedingungen reden.

Konsequenzen aus den bisherigen Erfahrungen:

M.E. wäre dringend ein Moratorium angesagt, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Ich rege folgende Fragestellungen und Vorgehensweise an, wobei einige der Überlegun- gen des Zukunftsausschusses durchaus aufgegriffen werden können:

1. Was haben die bisherigen Reformen – Kirchenkreisfusionen, Pfarrstellenabbau, neue Finanzverfassung, Einführung der Doppik – gebracht, und was haben sie gekostet? Es erscheint mir wenig sinnvoll, neue Reformprojekte loszutreten, ohne die Folgen der bisherigen Projekte angeschaut und daraus gelernt zu haben. Für alle zukünftigen Projekte ist vorher eine Kosten-Nutzen-Analyse vorzunehmen.

2. Wie viel Geld wird für welche Aufgaben, Bereiche bzw. Rücklagen ausgegeben, und wie hat sich dies in den letzten zwanzig Jahren – auch durch die vollzogenen Reformen – entwickelt? Es erstaunt mich, dass bei so weitgehenden Sparbeschlüssen nicht auch über Gewichte und Gewichtungen im Haushalt geredet wird. Es erstaunt mich sehr, dass die Synode das kommentarlos mitmacht, ohne ihrerseits nachzufragen.

3. Keine Planung kommt ohne Prognosen aus, das ist klar. Prognosen aber werden nun mal mit steigendem Prognosehorizont zunehmend unsicher. Wo werden Überprüfungszeiträume eingebaut? Wie müssen Beschlüsse aussehen, die nicht von vornherein auf irreversible Fakten hinauslaufen, sondern modifizierbar, anpassbar bleiben, je nach tatsächlicher Entwicklung der Lage?

4. Welche Kirche wollen wir in Zukunft sein? Das ist die Frage nach der Zielperspektive, der strategischen Ausrichtung. Angesichts des letzten Bischofsberichts schlage ich „missionarische Kirche“ als Zielperspektive vor, oder, wem der Begriff zu belastet ist, „werbende Kirche“.

5. Um eine Strategie zu entwickeln, wäre zuerst zu fragen, unter welchen Bedingungen Mitglieder (wieder) gewonnen werden können und wie die gestärkt werden können, die schon dabei sind. Welche Methoden, welche erfolgreichen Praxismodelle gibt es, und unter welchen Rahmenbedingungen – auch infrastruktureller Art – werden sie am besten eingesetzt?

6. Dann wäre zu fragen, wie Pfarrerinnen und Pfarrer gewonnen und/oder dazu befähigt werden, dies zu leisten. Aus- und Fortbildung wären entsprechend zu gestalten. Auch wäre zu fragen, welche Unterstützungssysteme und welche Ressourcen Pfarrerinnen und Pfarrer dafür brauchen, und wie sie an anderer Stelle entlastet werden, um dies leisten zu können.

Und da so eine Arbeit nicht ohne engagierte Ehrenamtliche zu leisten ist, wäre zu fragen, wie die Werbung, Begleitung und Betreuung Ehrenamtlicher in der theologischen Aus- und Fortbildung ihren Raum gewinnt. Was brauchen Pfarrerinnen und Pfarrer, was brauchen die Ehrenamtlichen in diesen Zusammenhängen an Wissen und Handlungsoptionen, an Rahmenbedingungen und Unterstützungssystemen?

7. Wenn diese Fragen geklärt sind, dann wäre mit der operativen Planung zu beginnen: Auf welchem Weg und – angesichts der vorhandenen Möglichkeiten und Mittel – in welchem Umfang und mit welchem Tempo sind die Ziele zu erreichen? Welche der vorhandenen Ressourcen und infrastrukturellen Gegebenheiten sind dabei notwendig, welche hilfreich, welche verzichtbar? Welche Zwischenziele werden formuliert, welche Überprüfungszeiträume eingebaut? Sollen Modellgemeinden entwickelt werden – z.B. Gemeinden, in denen ein Vikariat gut möglich ist? Verspricht eine konzertierte, aber auf eine größere Einheit, z.B. eine Region bezogene Aktion mehr Erfolg?

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