Eine vergiftete Atmosphäre? Kritische Stimmen zu den Reformprozessen innerhalb der EKiR sind scheinbar unerwünscht.

Seit wir Anfang Juni an die Öffentlichkeit gegangen sind, bekommen wir immer wieder Zuschriften von Pfarrer/innen, Presbyter/innen und kirchlichen Mitarbeiter/innen, die sich zwar positiv zu den Zielen dieser Initiative äußern, sich aber vorerst nicht aktiv beteiligen wollen. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass man für ein über den üblichen Dienst gehendes Engagement keine Kapazitäten mehr frei hat. Denn es mehren sich die Rückmeldungen, die einen Grund nennen, der mich sehr nachdenklich stimmt und dem bisher kaum öffentliche Beachtung geschenkt wurde: Kritische Stimmen zu den Reformprozessen sind – nicht nur innerhalb der EKiR – scheinbar unerwünscht.

Anders ist es m.E. nicht zu erklären, dass jene, die mit dem bisherigen Kurs nicht einverstanden sind und dies im Kollegenkreis, in Presbyteriumssitzungen und auf Synoden auch äußern, immer häufiger auf – ich nenne es einmal „unangenehmen“ – Widerstand stoßen, der oft zu persönlichen Verletzungen führt und bisweilen groteske Züge annimmt. Das Establishment hält dabei eine Fülle von Reaktionen bereit: man wird gegängelt, belächelt, zurecht gewiesen, isoliert oder einfach ignoriert – schlimmstenfalls gemobbt. Die Folgen für die Betroffenen sind Motivationsverlust und Frustration, nicht wenige haben sich bis zur seelischen Erschöpfung aufgerieben, der ein oder andere ist gar innerlich aus seiner Kirche emigriert. An die Öffentlichkeit geht kaum jemand damit und wenn doch, dann mündet das meist in einen unappetitlichen Spießrutenlauf.

Leider habe ich den Eindruck, dass solche Fälle nicht mehr zu Ausnahmen erklärt werden können, die in einer großen und allzu menschelnden Organisation halt vorkommen. Vielmehr werde ich – auch aus eigener Erfahrung – das Gefühl nicht los, dass durchaus berechtigte Fragen und kritische Stellungnahmen mit zunehmender Dünnhäutigkeit abgeschmettert oder durch geschicktes Ausmanövrieren erst gar nicht zugelassen werden (was mich sehr an manches Gebaren in Politik und Wirtschaft erinnert). Das jedoch ist mehr als besorgniserregend. Denn ein solches Verhalten steht eklatant im Widerspruch zu einer christlichen, insbesondere einer evangelischen Kirche, in der die Freiheit zum Programm erhoben wurde („Kirche der Freiheit“) und in der Tat ein zentraler Begriff reformatorischer Theologie darstellt.

Darüber hinaus aber offenbart es vor allem einen bemerkenswerten Mangel an Souveränität, was die Frage aufwirft, wie dieser zu erklären ist. Ich kann mich dabei des Eindrucks nicht erwehren, dass man sich über die Angemessenheit und Erfolgsaussichten der initiierten Reformprozesse alles andere als im klaren ist und keine tiefer schürfenden und grundsätzlichen Diskussionen zulassen will, um auf unangenehme Fragen nicht noch unangenehmere Antworten liefern zu müssen. Andernfalls müsste ich davon ausgehen, dass sich bereits jetzt schon ein Denken (und Handeln) unter den Verantwortlichen durchgesetzt hat, das von besagter Freiheit nichts wissen will und die viel beschworene Einmütigkeit mit Konformität verwechselt. (Es gäbe noch eine dritte Möglichkeit, die allerdings selbst mir noch so unglaublich erscheint, dass ich sie einstweilen lieber für mich behalte.)

In diesem Zusammenhang will ich darauf hinweisen, dass wir als evangelische Kirche ein gewichtiges Alleinstellungsmerkmal verlieren, wenn wir den Protest auch innerhalb unserer Institution nicht mehr zulassen, ignorieren oder gar verbieten und – ich nenne es einmal verkürzt: „katholische“ – Strukturen einführen. Als Protestanten sollten alle Beteiligten den Protest als Chance begreifen, Argumente zu prüfen, Positionen neu zu überdenken und gegebenenfalls Fehlentwicklungen zu korrigieren. Er bietet darüber hinaus die Gelegenheit, wieder zu einer – auch vom Präses der EKiR, Manfred Rekowski, beworbenen – Beteiligungskultur zurückzufinden. Dazu braucht es Transparenz seitens der Kirchenleitungen aller Ebenen, es braucht objektivere Informationen und das Zulassen von Alternativen, es braucht Toleranz und Verständnis gegenüber den Andersdenkenden, aber vor allem braucht es die Freiheit, die uns Evangelischen doch so wichtig ist und zu der uns Christus befreit hat!

Anmerkung: Sollten auch Sie ähnliche Erfahrungen wie in diesem Kommentar beschrieben gemacht haben, dürfen Sie mir gerne darüber berichten – alle Angaben werden vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Mir helfen solche Berichte, die Atmosphäre in der EKiR und in anderen Landeskirchen besser einschätzen zu können. Darüber hinaus weise ich auf einen Verein hin, der bei Problemen weiterhelfen kann und zusätzliche Informationen für Interessierte und Betroffene bereit hält: D.A.V.I.D. e.V. – gegen Mobbing in der evangelischen Kirche.

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Ein Beitrag
  1. Liebe Initiatoren von Kirche Bunt,
    es ist wirklich an der Zeit, die Flut der Umstrukturierungen kritisch zu begleiten. Es wird immer wieder versprochen, dass Dinge in Zukunft günstiger strukturierter, besser laufen sollen, doch zeigen alle bisherigen Prozesse das nicht sind. Vielmehr müssen wir uns in Presbyterien und als Pfarrerinnen und Pfarrer mit Dingen beschäftigen, die uns Zeit fürs Wesentliche nehmen.
    Danke für Ihre/Eure Intiative.

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