Ein Umdenken ist notwendig August Becker, Pfarrer i. R. und Gründer sowie verantwortlicher Leiter der Pfinztaler Seniorenakademie, begleitet die Entwicklungen seiner Kirche mit einem kritischen Blick.

Heinrich Bedford-Strohm hat sich jüngst gegen erzwungene Gemeindefusionen ausgesprochen. Die Realität sieht leider vielerorts anders aus. August Becker, Pfr. i.R. in Baden, äußert sich kritisch zu den Reformprozessen der vergangenen Jahre und fordert „weniger Menschen in der Verwaltung, was im Computerzeitalter machbar ist, und mit dem eingesparten Geld mehr Menschen an der Front nahe den Menschen.“

Nach einer Zeit der Ruhe erfolgte in den letzen Jahren ein neuer Aktionismus mit der Fusionswelle, bei der man ohne Rücksicht auf gewachsene Strukturen Pfarreien zusammen gezwungen hat, oft gegen manchen berechtigten Widerstand von engagierten Pfarrern und Kirchengemeinderäten.

Was die Fusionen betrifft, kann ein Blick auf die neuen Strukturen bei der Polizei im Lande hilfreich sein, bei denen es auch um den Abbau von bisherigen Strukturen geht, um eine bessere Effizienz zu erreichen und vor allem auch, um Kosten zu sparen. Im Blick auf die vollzogenen Veränderungen stellt der Staatsrechtler Hesse fest: „Zwischen der verbliebenen Führungs- und der Basisebene entsteht eine wachsende Distanz, das zu einem „Häuptling-Indianer-Problem“ führt, dem man seine besondere Aufmerksamkeit schenken sollte.“ Dass im Augenblick erstaunlich wenige Vikare sich für den Pfarrdienst entscheiden, kann neben dem schlechten Image der Kirche auch damit zusammen hängen, dass an der Basis die jungen Menschen sich nicht als „Indianer“ verheizen lassen wollen.

Solange wir mit fortwährenden Strukturänderungen immer wieder „eine neue Sau durchs Dorf treiben“, wird eine positive Wahrnehmung der Kirche und damit eine größere Anziehungskraft nicht gelingen. Dass es in der Landeskirche außerhalb der Ortsgemeinden und ihren Pfarrern immer mehr Supervisoren, Lehrsupervisoren, Balintgruppenleiter, Gruppendynamiker, Psychoanalytiker, Lehranalytiker, Spezialisten für Bibliolog und Bibliodrama und Geistliche Berater gibt, von Letzteren lassen sich manche sogar von Ignatius von Loyola, der Speerspitze der Gegenreformation, anleiten, erstaunt mich immer aufs Neue und könnte draußen im Land bei normal ihre Pflichten wahrnehmenden Pfarrern ohne solche Qualifizierungen Minderwertigkeitskomplexe auslö-sen. Dabei möchte ich diese erworbenen Fähigkeiten keineswegs gering schätzen. Sie können da und dort für Menschen hilfreich und nützlich sein, aber eine wirkliche Erneuerung der Kirche können sie nicht bewirken. Ich persönlich hätte mir eine solche in der Regel zeitlich lange Ausbildung in Sachen Spiritualität gar nicht leisten können, ohne meine den Menschen zugewandte Seelsorge vernachlässigen zu müssen.

Zusammenfassend kann man sagen: Bei der Frage, ob die Erneuerung der Kirche überhaupt noch eine Perspektive hat, gibt es zwei Sichtweisen. Entweder resignierend festzustellen, dass die gesellschaftliche Entwicklung die Menschen zunehmend von Kirche und Religion abzieht und diese Entwicklung unumkehrbar ist. Oder die Hoffnung, verloren gegangenes Vertrauen zurück zu gewinnen und damit neue Wertschätzung zu erfahren. Viel Vertrauen wurde verspielt durch sicher gut gemeinte Umstrukturierungen vor Ort, wo- durch landauf, landab zu „große Herden für den einen meist überforderten Hirten“ vor Ort geschaffen wurden.

Wenn die Kirche wieder erneuerte und damit lebendige Kirche werden will, ist ein Umdenken von der Spitze her notwendig. Und das heißt: weniger Menschen in der Verwaltung, was im Computerzeitalter machbar ist, und mit dem eingesparten Geld mehr Menschen an der Front nahe den Menschen.

Wir brauchen für vertrauensbildende Maßnahmen und eine in der Gesellschaft wieder geschätzte Kir- che mehr Hirten vor Ort. Hirten, mit oder ohne Supervision, welche der Wirkkraft des biblischen Wortes vertrauen, das nach Luther ein „vehiculum“ des Gottes- und Christusgeistes ist, ohne den alle menschlichen Bemühungen zum Scheitern verurteilt sind.

 


→ … den ganzen Artikel lesen … (Pfarrvereinsblatt 3-4/2016 ab S. 125)

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