Ein Hauch von Barmen

Gottes Geist weht ja bekanntlich dort, wo er will. Und besonders wollend wehte er vor 80 Jahren in Barmen. Er hinterließ uns die Barmer Theologische Erklärung (BTE) – eine von 139 Kirchenvertretern aus 25 Landes- und Sozialkirchen formulierte, bemerkens- und bedenkenswerte Bekenntnisschrift, auf die in unserer Landeskirche sogar Pfarrerinnen und Pfarrer ordiniert werden. Es ist daher nur selbstverständlich, dass sich auch unsere Kirchenleitung ihrer angenommen und sogar ein Themenpaket herausgebracht hat (Download: Themenpaket BTE). Darin kommt – direkt nach unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel – denn auch sogleich unser Präses Manfred Rekowski – ebenfalls bemerkens- und bedenkenswert – zu Wort. Unter dem Titel: „Der christliche Glaube segnet nicht ab“ heißt es u.a.:

„Für die Kirche gilt: Sie hat die Botschaft vom menschenfreundlichen Gott allen Menschen mitzuteilen. Das bewahrt sie auch vor einer reinen Mitgliedschaftspflege. Außerdem beteiligt eine Kirche, die sich auf Barmen beruft, möglichst viele Menschen an den Entscheidungsprozessen. Natürlich können auch Leitungsgremien und Synoden irren, drohen wichtige Entscheidungen vertagt zu werden. Schließlich ist auch Kirche Teil der noch nicht erlösten Welt, wie es in der 5. These heißt. Dennoch: Dass wir als Beteiligungskirche unschlagbar sind, gilt es in der Kirche entdecken.“

Gerade im Hinblick auf die in den letzten Jahren durchgesetzten Reformen erscheinen solche Äußerungen etwas fremdartig. Dass das Verwaltungsstrukturgesetz den Presbyterien Entscheidungsbefugnisse genommen hat, ist mittlerweile kein vom Landeskirchenamt gut gehütetes Geheimnis mehr. Und dass die Einführung der Doppik als Buchungssystem mehr Transparenz liefert als Chaos, muss sich erst noch erweisen – im Moment scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Ist das noch die „Beteiligungskirche“, die Rekowski für so unschlagbar hält? Ist das der Weg, „möglichst viele Menschen an den Entscheidungsprozessen“ zu beteiligen?

Noch etwas fällt an seinem Statement auf: Rekowski – wie die Bundeskanzlerin übrigens auch – verengt die Stoßrichtung der Barmer Theologischen Erklärung auf den nationalsozialistischen Staat. Sie war aber zugleich – ja vielleicht noch mehr – eine Standortbestimmung für die Kirche selbst, die sich von innen heraus dem Einfluss der Deutschen Christen zu erwehren hatte! Darum mahnt sie nicht nur zu Wachsamkeit gegenüber einer äußeren Ordnungsmacht, sondern auch einen kritischen Blick in die Kirche selbst an. Gerade das Pfingstfest ist dafür eine passende Gelegenheit, dürfen wir uns doch die Frage stellen, welcher Geist denn nun in landeskirchlichen Mauern weht?

Und da gilt es festzuhalten: In den letzten Jahren macht sich ein Denken und Handeln in unserer Kirche breit, die eher unternehmerischen Zielen folgen. Was die Zukunft anbelangt, scheinen wir mehr auf Prognosen zu setzen als den Verheißungen Gottes zu vertrauen, Statistiken ersetzen Erfahrungen, unser Dienst am Menschen wird zum Kostenfaktor und verwalten erhält den Vorzug vor gestalten. Wir reihen uns damit ein in einen Prozess, der uns dem Leistungsprinzip näher bringt als es uns lieb sein kann. Es sind weniger die offensichtlichen Probleme wie Austrittszahlen oder das Phänomen der Kirchenentfremdung, die uns zu denken geben sollten. Wir müssen vielmehr darauf achten, dass wir uns nicht zu sehr an marktwirtschaftliche Gepflogenheiten gewöhnen und sie uns zu eigen machen … und dabei das Wesen der Kirche aufs Spiel setzen. Oder kürzer gesagt: Dass wir nicht dem profanen Zeitgeist hinterherrennen und dabei den Heiligen Geist hinter uns lassen!

Auch heutzutage ist Weltliches und Kirchliches nicht unbedingt kompatibler als früher, auch wenn das in einer demokratischen Gesellschaft den Anschein hat. Umso mehr haben wir darauf zu achten, dass wir im Geiste Jesu Christi reden und handeln. Das sollten wir ernst nehmen. Denn “wenn jemand diesen Geist, den Geist Christi, nicht hat, gehört er nicht zu Christus.” (Röm 8,9) Will heißen: Unsere Kirche ist keine Kirche Jesu Christi mehr, wenn sie nach Regeln funktioniert, die der Botschaft unseres Herrn widersprechen. Folgen wir dem eingeschlagenen Weg einer Monetarisierung in weiten Bereichen kirchlicher Arbeitsfelder, wird dies zwangsläufig der Fall werden. Darum: Ein Hauch von Barmen täte uns gut in diesen Zeiten. Denn in einem hat unser Präses vollkommen recht: Der christliche Glaube segnet nicht alles ab – auch nicht innerhalb der Kirche.

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