Drohen den Ortsgemeinden weitere Etatkürzungen? Gundlach: Pfarrer binden Gemeindeglieder nicht mehr

Es war eine illustre Runde, die sich in der Pauluskirche in Bonn-Friesdorf zusammengefunden hatte. Neben dem Vize-Präses der EKD, Dr. Thieß Gundlach, und Manfred Rekowski, Präses der EKiR, hatte Pfarrer Siegfried Eckert noch den Generalsekretär des ZdK Dr. Stefan Vesper zu einem Meinungsaustausch eingeladen. Moderiert wurde die Diskussion, die von BibelTV aufgezeichnet wurde, vom Arzt und Kabarettisten Dr. Eckart von Hirschhausen. Kein Wunder, dass es im Kirchsaal kaum noch Platz gab.

Welche_KircheEs ging um die Frage, welche Kirche dieses Land brauche. Siegfried Eckart hat mit seinem gerade erschienenen Buch heftige Kritik an dem Strukturpapier „Kirche der Freiheit“ und die sich daraus ergebenden Umbauprozesse in der EKD und EKiR geübt. Leider hatte noch niemand der Gesprächspartner das Buch bis zum Ende durchgelesen, dennoch ergab sich direkt zu Beginn ein bissiger Dialog zwischen Eckert und Gundlach. Der stellte gleich zu Anfang fest, dass die Pfarrerinnen und Pfarrer die Gemeindeglieder nicht mehr binden würden und man sich deshalb überlegen müsse, wie andere Ebenen an deren Stelle einspringen könnten. Auch Rekowski betonte mehrmals, dass nicht alles gut sei in der EKiR und man schauen müssen, wie man auf die Herausforderungen der Zeit zu reagieren habe. Dabei wurde deutlich, dass man sich zwar in der Analyse der Situation durchaus einig ist, aber sehr unterschiedlicher Auffassung darüber, wie die Probleme zu lösen seien.

Während Eckert von der Basis her denkt und die Kirchen im Dorf lassen will – eine Forderung, die auch vom Katholiken Vesper unterstützt wurde -, wurde deutlich, dass Gundlach andere Wege gehen will. Er hält daran fest, dass die mittleren und oberen Ebenen gestärkt werden müssten und machte das auch an einer konkreten finanziellen Forderung klar: nach ihm sollen nur noch 50% der Kirchensteuereinnahmen bei den Kirchengemeinden bleiben, was bedeuten würde, dass in Zukunft 30% an Geldmitteln auf Kirchenkreise, Landeskirchen und EKD gehoben werden sollen – was von vielen Zuhörern mit ungläubigem Kopfschütteln quittiert wurde.

Rekowski räumte dagegen Fehler bei der Umsetzung der Verwaltungsstrukturreform und der Einführung des NKF ein und kam zu dem Schluss, dass man sich in der EKiR zu sehr auf die Organisationsoptimierung konzentriert habe. Dennoch sei es nicht möglich, die Kirche zu lassen, wie sie derzeit ist.

Von Hirschhausen verstand es, etwas Schärfe aus der Diskussion zu nehmen, indem er den Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 lenkte. Man war sich einig, dass man sich auf das Fest freue und gerne die katholischen Schwestern und Brüder zum Mitfeiern eingeladen hätte. Dass es in dieser Beziehung noch Klärungsbedarf gebe, wurde von Vesper zwar bestätigt, doch würde man sich sicher noch einigen, in welcher Form das Jubiläum auch ökumenisch begangen werden könne.

Gegen Ende hatten dann die Besucherinnen und Besucher noch die Möglichkeit, Statements in Richtung Bühne abzugeben. Von Hirschhausen stellte die Frage, woran die Kirche denn sparen könne und auf was sie auf keinen Fall verzichten solle. Die meisten Voten kritisierten daraufhin die hohen Investitionen personeller und finanzieller Art bei NKF und Verwaltung. Der „erweiterte Solidarpakt“ wurde in Frage gestellt, ebenso die jüngsten Sparpläne der EKiR. Auch die „Top-Down“-Strategie solle man sich sparen. Danach gefragt, wie denn die Voten auf die Protagonisten wirkten, vertrat Siegfried Eckert die Ansicht, man solle einfach einmal auf die Gemeinde hören und die Anfragen mitnehmen. Rekowski und Eckert wollten aber dennoch an verschiedenen Punkten „korrigieren“. Schließlich stimmte man am Ende noch das bekannte „Komm, Herr, segne uns“ an und verabschiedete die Diskussionsteilnehmer mit freundlichem Applaus.

Persönliches Fazit: Die Kirchenleitung erscheint mir in ihrem Denkmuster sehr statisch und festgefahren zu sein. Oft hat man den Eindruck, dass man in Entscheidungsfindungen schon längst weiter ist und vor allem in der Strategiefrage einen Weg beschreitet, der weit von dem entfernt ist, was sich die Gemeinden vor Ort wünschen. Große Sorgen bereiten mir die Äußerungen Gundlachs, den Kirchengemeinden noch mehr finanzielle Mittel zu entziehen und dafür auf anderen Ebenen zu investieren. (An dieser Stelle sei auch auf das Lesebuch der EKD zur kommenden Synode im November verwiesen. Unter dem Titel „Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“ wird gleich zu Beginn festgestellt: Die Kirchen müssen sich „intensiv um die Inhalte kümmern, die in der Augmented Reality präsent sein sollen, und dafür erhebliche Ressourcen bereitstellen.“ Woher diese Ressourcen kommen und über welche Ebenen sie eingesetzt werden sollen, kann man sich dann ja denken.) Überhaupt wurde an seinen Äußerungen m.E. klar erkennbar, von wo aus die EKD die Kirche umbauen will – nämlich von oben nach unten, auch wenn dies sowohl der Vizepräsident als auch der Präses der EKiR vehement ausschlossen. Deutlich wurde aber vor allem eines: Die kritischen Stimmen unter den Gemeinden werden lauter.

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2 Beiträge
  1. Auch die ev. Kirche denkt von oben nach unten. Bei erwarteten geringeren Mitteln tobt der Verteilungskampf. Die Obere Schicht sorgt für sich. Der einzelne Gläubige zählt da nichts!

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