Doppik formt die Kirche um Anlässlich des 125. Geburtstages des bayerischen Pfarrvereins blickt die Vorsitzende Corinna Hektor kritisch zurück und nach vorn

Seit 125 Jahren existiert der Pfarrverein der Bayerischen Landeskirche. Für die Vorsitzende Corinna Hektor Anlass genug, auf ihre Kirche einen kritischen Blick zurück und nach vorn zu werfen. Bemerkenswert, dass sie dabei gleich zu Beginn die Frage nach dem Wesen der Kirche stellt und dabei konstatiert, dass mit der Einführung der Doppelten Buchführung ein Paradigmenwechsel vollzogen wurde, der Kirche nachhaltig verändert. Wir zitieren aus ihrem lesenswerten Beitrag einige prägnante Passagen.

Finanzen und Prognostik:

»Vom Auftrag her denken«, so heißt es in den letzten Jahren immer wieder, wenn Mitglieder des Landeskirchenrates über Kirche sprechen. Sie haben recht, wir sollten vom Auftrag her denken. Theologisch also. Und von dort aus auf die Strukturen schauen und uns für oder gegen bestimmte Formen entscheiden. Weil Kirche in der sichtbaren Welt Strukturen braucht und diese Strukturen, die Sprache, in der wir reden und die Bilder, die wir verwenden, unser Bild von der Wirklichkeit prägen — und unser Handeln in bestimmte Bahnen lenken, im schlimmsten Fall einengen. Mit fällt auf, dass in den letzten Jahren entsprechende Entscheidungen meist ganz ohne solche Überlegung und ohne theologische Diskussion getroffen wurden, die Folgen werden inzwischen sichtbar.
Viele davon sind Finanzentscheidungen. Doppik zum Beispiel. Erst hieß es, Doppik berücksichtige kirchliche Besonderheiten, inzwischen muss sich die Kirche nach der Doppik richten. Nach einer speziellen Form der Haushaltslehre genauer gesagt. Das HGB, Handelsgesetzbuch, wurde faktisch zu einer Art heiligem Gesetzbuch — und zwingt, quasi kanonisch geworden, nicht nur unsere Finanzen in eine be- stimmte Form, sondern bestimmt auch Inhalte. Es formt Kirche um. Die Folgen: Handlungsspielräume werden eng, Entscheidungen bekommen noch längeren Vorlauf, da bereits noch ein halbes Jahr früher angemeldet werden muss, was haushaltsrelevant entschieden werden soll. Rücklagen als Planungsgröße haben ausgedient. Die Angst vor der Armut wächst — trotz aller Rekordergebnisse bei den Kirchensteuern.
Gleichzeitig werden Finanzdebatten dominanter auf den Synoden, bestimmen nun nicht mehr nur den Herbst. Dazu lebt wieder auf, was ich in der Zeit der Konsolidierung nach 2003 schon als problematisch erlebt habe: Abteilungs- budgets, die gegeneinander zu rechnen sind — und in denen es kaum Möglichkeiten zum Übertrag gibt, so dass Geld bis zu einem Stichtag ausgegeben sein muss, damit es nicht verfällt. Die Mechanismen sind bekannt und waren schon damals wenig hilfreich.

Früher wurde im Herbst auf der Synode ein Haushalt erläutert, es wurden Investitionen begründet, große Linien gezogen – und damit immer auch ein Blick auf die laufende Arbeit geworfen. Heute dominiert die Ertragsbilanz. Lesefreundlich auf einer Seite, ein buntes Bild – eigentlich zwei nebeneinander. Und dort erscheint dann unter »Verpflichtungen« ein dicker schwarzer Balken – die Pensionsrückstellungen für die Kirchenbeamtlnnen, Diakonlnnen, verbeamteten Religionspädagoglnnen und die Pfarrerlnnen. Die Versorgungslasten. Scheinbar erdrückend.
Verstärkt wird der Eindruck dadurch, dass die durch die deutsche Rentenversicherung abgesicherten Gelder mit abgebildet sind. Dass die bereits dafür zurückgelegten Gelder 98 % der erwarteten Kosten bereits abdecken, gerät dabei aus dem Blick. Die Einnahmen auch.

Manches hat sich verändert. Wir hatten mal ein System mit Rücklagen als Planungsgröße. Heute haben wir stattdessen einen großen Topf und die Aussage, dass auf der Kostenseite insgesamt etwas fehle. So wird aus der Planung eine neue Aufgabe: kürzen. Was dabei nicht gesagt wird: Die Kosten sind eine Schätzung, genauer: eine Prognose aufgrund mehrerer Schätzungen. Stattdessen ist die Rede von Personalkostenquoten, Benchmarks und Gewinnen, die wir als gemeinnützige Organisation gar nicht machen dürfen. Es sieht düster aus. Sparen scheint die einzige Chance. Ja, Doppik und HGB bescheren uns einen besseren Blick auf die Immobilien — aber wenig Übersicht für vieles andere; vor allem aber eine Systematik, die den meisten innerkirchlichen Fachleuten fremd ist. Selbst im Finanzausschuss haben nach eigener Aussage nicht alle verstanden, was beschlossen wurde. Und die Folgen erst recht nicht. Wenn das die versprochene Transparenz sein soll, hätte ich gern das alte intransparente System zurück.

Was ist Volkskirche? Was sind wir? Eine Organisation? Ein Unternehmen? Unsere Sprache verrät uns: Wir reden plötzlich von Produkten und Gewinn — oder gar von Kunden. Orientieren uns an den Maßstäben von Wirtschaftsbetrieben. Wir haben aber keine Kunden, sondern Mitglieder (Prof. Chr. Möller) — und so soll es bitte bleiben.

Das hat viel mit Zahlen zu tun, mit Prognosen – und mit Überzeugungen, die sich damit erzeugen lassen. Es ist komplex. Neue Berechnungen für Lebenserwartung, Berufsbiografien, Gehaltsentwicklung, Verzinsung etc. und damit die neu berechneten erwarteten Kosten. Dazu neue Ansprüche an die nötige Kapitalstock-Absicherung. So wird aus einer gut abgesicherten Versorgung ein Problemfall.
Dabei ist zu beachten, dass all die scheinbar so konkreten Zahlen Prognosen für die Zukunft sind. In 40 Jahren werden wir… Wer das konsequent zu Ende denkt – bzw. mal umgekehrt überlegt, was sich vor 40 Jahren für heute hätte voraussagen lassen, am Beispiel der Verzinsung etwa, wird merken, wie wenig verlässlich das ist. Auf meine Anfragen bekam ich zu hören: Alternativlos. Alles statistisch von Experten abgesichert. Eine ARD-Dokumentation5 lässt an der Aussagekraft und erst recht an der Alternativlosigkeit Zweifel wachsen. Prof. Bosbach erläutert dort, wie leicht sich Zahlen und ihre Darstellung manipulativ verwenden lassen – und wie wenig seriös die Projektion von Bestehendem in die Zukunft ist: »Man kann nicht 45 Jahre in die Zukunft schauen! Was konnte man vor 45 Jahren von heute wissen? Nichts.«

Pfarrbildprozess und KMU V:

Unsere Mitglieder wissen es: Pfarrerin- nen sind das Gesicht von Kirche. Sie verbinden damit hohe Wertschätzung und klare Erwartungen. Gleichzeitig hat die Beziehung, sogar schon, eine/n Pfarrerln zu kennen, so hohe Bindungskraft, dass diejenigen nicht aus der Kirche austreten. Das gilt für die große Mehrheit unserer Mitglieder.

Annette Muhr-Nelson vertritt im Auswertungsband die These, dass Pfarrberuf stärker zum öffentlichen Kommunikator werden muss. In ihrem Kirchenkreis verteilen sich 87.000 Gemeindeglieder auf nur 13 Kirchengemeinden (durchschnittlich knapp 7.000 pro Gemeinde). Wer in solchen Strukturen arbeitet, braucht natürlich einen »Kommunikator«! Auch wenn ich Zweifel habe, ob das ausreicht. Ihre These: »Pfarrer sind wichtig für die, für die Kirche wichtig ist« ist aber ein guter Ausgangspunkt. Kirche lebt in den Gemeinden und Einrichtungen — und die sind weder Filialen noch Außenstellen der »Zentrale«. Unsere Mitglieder, denen Kirche wichtig ist, sehen weder Bilanzen noch Statistiken, sondern Menschen! »Pfarrer/Pfarrerinnen sind aus der Perspektive der Mitglieder der ›Schlüsselberuf‹ der evangelischen Kirche, so Thies Gundlach, auch wenn diese Außenperspektive (sic!) auf die Kirche intern zu erheblichen Diskussionen um das Kirchenbild und Selbstverständnis der Berufsgruppen, dem ›Priestertum aller Getauften‹ und speziell der zukünftigen Bedeutung des Ehrenamtes führen.« Von der EKD aus sind die Mitglieder also die Außenperspektive. Ahnen konnte man das ja … aber ekklesiologisch ist es eine Katastrophe. Bekenntnisgemäß ist es auch nicht.

Trotzdem liest Thies Gundlach die Mitgliedschaftsstudie als Bestätigung: »die Reformperspektiven und Hand- lungsstrategien von ›Kirche der Frei- heit‹ werden im Grundsatz durch die V. KMU als sinnvoll bestätigt.« Das gilt für ihn insbesondere für die Stärkung der mittleren Ebene, die Schlüsselrolle der Pfarrerinnen — allerdings verbunden mit den Kompetenzzentren der EKD, die m.E. außerhalb des Kirchenamtes kaum jemand kennt, die Ehrenamtlichen und die »Kampagnenfähigkeit der EKD« als Schlüsselkompetenz. Seine These zur Kommunikation ist folgerichtig »Die Kirche ist Repräsentantin religiöser Themen, nicht aber Partnerin der religiösen Kommunikation der Themen.« Verkündigung ist nicht mehr Thema. Das degradiert die Kirche zur »religiösen(!) Nachrichtenagentur«. Die direkte Kommunikation in Gottesdiensten, Bibelkreisen, Konfirmandenunterricht oder bei Besuchen bleibt naturgemäß unerwähnt und scheint nicht mehr relevant. In einer solchen Kirche will ich nicht Pfarrerin sein.

Verwaltung und Strukturen:

Wenn es darum geht, bewegen wir uns irgendwo zwischen nötiger Entlastung und Angst vor weiterer Zentralisierung. Dazu kommt die Erfahrung, dass bisher noch jede Verwaltungsvereinfachung neue Verwaltungsaufgaben produziert hat und Entbürokratisierungsversuche regelmäßig gescheitert sind — nicht nur in Brüssel.
Mehr Stunden, mehr Geld, mehr Qualifizierung — alles gute Ideen. Aber bitte in den Gemeinden, wo sie den Menschen gut sichtbar und sehr direkt zugute kommt und nicht durch Schaffung neuer Zentralen oder Verwaltungsstellen! Es wäre kontraproduktiv, wenn am Ende hoch qualifizierte Menschen in zentralen Verwaltungsstellen qualifizierte Aufgaben übernehmen und im Pfarramt die Pfarrerinnen ihre Zeit mit den einfachen Verwaltungstätigkeiten, dem Falten von Liedblättern und anderen organisatorischen Aufgaben verbringen. Entlastung sieht anders aus. Außerdem muss es aus unserer Sicht um Entlastung im Verwaltungsbereich gehen, nicht um gemeindepädagogische Arbeit.
Wir hoffen auf ein breites Spektrum unterschiedlicher Modelle — und darauf, dass die Finanzierung abgesichert wird, damit sich keine Gemeinde entscheiden muss ob die Kirche geheizt oder die Sekretärin bezahlt werden soll oder an unmöglich zu erfüllenden Vorgaben beim Stundenkontingent mit ihrem Budget scheitert. Die Kosten fürs Sekretariat müssen also zusätzlich aus der AKK kommen. Ebenso die für Hausmeister und Mesner. Außerdem braucht es auch für kleine Gemeinden Lösungen, die nicht zur Zentralisierung führen!

H. Dieckmann hat in einem Beitrag für das Hannoversche Pfarrervereinsblatt gezeigt, dass Regionalisierung, sprich Zusammenlegung von Gemeinden zu weniger überschaubaren Einheiten mit weniger PfarrerInnen, zu mehr Austritten führt. Das zeigt nicht nur der Vergleich mit der Zeit vor solchen Maßnahmen, sondern auch der mit den wenigen kleineren Einheiten, die teilweise sogar wachsen, während die größten Verluste bei 36,9 % liegen! Gleichzeitig sinkt in den Groß-Gemeinden die Zahl der Kindertaufen im Vergleich zur Geburtenrate. Ein erschreckend deutliches Bild. Es entspricht den Einsichten der Systemtheorie und spricht dafür, dass man versuchen sollte, bei kleinen oder wenigstens nicht riesigen Gemeinden zu bleiben. Zentrale Zuständigkeiten erfordern Callcenter und befördern, dass sich Menschen als Außenstehende fühlen, vielleicht auch als Kunden oder Hilfsempfänger, aber nicht mehr als Mitglieder, Verantwortliche und Mitarbeitende.
Gleichzeitig ist das, was bei bestehenden Strukturen zu sparen war, ausgereizt. Der Rasenmäher funktioniert nicht mehr. Und auch in den Städten und in der Diaspora brauchen wir Beheimatung, arbeitsfähige Einheiten und Strukturen und nicht zuletzt Stellen, auf denen man leben und arbeiten kann — gut, gerne und wohlbehalten, wie es der Pfarrbildprozess verspricht.

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