Das wahre Gesicht der EKD? Dr. Karl Richard Ziegert wirft der EKD "institutionellen Narzissmus" vor

Es ist ein Rundumschlag. Und er endet mit einer düsteren Prognose: „Die Bewegung des Systems ist eindeutig und von der herrschenden EKD-Elite kein Einlenken zu erwarten. Wohl erst wenn alles am Boden liegt, kann eine restlos neue personelle Aufstellung mit religiös wieder sprachfähigen und glaubwürdigen Leitungsgremien, einer konsequenten Restrukturierung der kirchlichen Arbeit als Gemeindearbeit mit einem »ordentlichen« Gottesdienst – ein eigenes Thema – und der Befreiung der Pfarrerschaft zur »Inkarnation« in das Leben ihrer Gemeinde mindestens ab 1.000 Mitgliedern die Menschen hoffentlich wieder etwas von dem wahrnehmen lassen, was christliche Kirche wirklich ist.“

Um auf dieses traurige Fazit zu kommen, behauptet der ehemalige Direktor der Evang. Akademie Speyer in der Analyse der Entwicklung, die die evangelische Kirche auf EKD-Ebene in den letzten Jahrzehnten genommen hat, vieles, das ratlos macht. Manches aber deckt sich mit dem, was wir von KirchenBunt befürchten. Diese Passagen zitieren wir in Auszügen. So konstatiert Ziegert in Bezug auf den Rückzug der Kirche aus der Fläche, dass seit den 60er Jahren „mit besinnungsloser Konsequenz die von Reinhard Bingener im FAZ-Leitartikel am 17.4.2014 noch einmal verzweifelt beschworene religiöse Basis in den Gemeinden zuerst sich selbst überlassen, d.h. nicht mehr investiv gepflegt [wird], dann werden ihre Ressourcen geplündert und am Ende auch in den Grundlagen zerstört: eine »erkennbare und erreichbare Pfarrerschaft«, wie Bingener anmahnt, gibt es schon heute nicht mehr.“ Und weiter:

Überall in Deutschland wird Kirchengemeinden auch mit noch 1000 Mitgliedern die Pfarrstelle genommen und immer öfter auch ihre Kirche verkauft (von 1990 bis 2010 waren es schon 340) oder abgerissen (46 davon). Doch weshalb darf eine 1000-Seelen-Gemeinde keinen Pfarrer und keine Kirche mehr haben, obwohl sie (der Durchschnitt des Pro-Kopf-Kirchensteueraufkommens ohne Staatsleistungen in der EKD für das Jahr 2012 lag bei 195,79 €) jährlich mehr als 200.000 € Kirchensteuer aufbringt und damit bequem einen Pfarrer besolden könnte?

Im Klartext: Die Rede von den sinkenden Kirchensteuereinnahmen ist unehrliche Zweckpropaganda, denn die Kirchensteuereinnahmen steigen immer noch. Von 1967 bis 1970 haben sie sich erstmalig verdoppelt. Diese »explosionsartig gesteigerte« Expansion der Finanzmittel kam nicht den Gemeinden zugute, sondern diente der Erweiterung der kirchlich-politischen Infrastruktur. […] Von 1970 bis 1990 haben sich die Kirchensteuereinnahmen sogar noch einmal verdreifacht und sind zwischen 2005 und 2012 dann noch einmal um rund 30% gewachsen trotz 10% Mitgliederverlust. Dennoch sanken die Schlüsselzuweisungen an die Gemeinden seit 1960 unaufhaltsam, wie gewollt: »Kirche muss in Schwerpunkten denken, nicht mehr in Gemeinden«, so das nun unmissverständliche Bekenntnis der Ludwigshafener Dekanin Kohlstruck zur gültigen Kirchenphilosophie im Speyerer »Kirchenboten« vom 23. März 2014.

Dabei bleibt Ziegert nicht nur im Allgemeinen, sondern reflektiert die Situation auch an konkreten Zahlen:

Sehr bald wird es keine »Gemeindepfarrstellen« mehr geben. Für den Gottesdienst vor Ort »könnten ehrenamtliche Lektoren und Prädikanten sowie mobile Pfarrer eingesetzt werden«, so der Speyerer OKR Müller am 28. April 2014 in vielsagendem Konjunktiv. Die alten Säulen der Kirche, die Gemeinden, sind im »neuen Paradigma« vollkommen an den Rand gerückt. Sie erhalten pro Mitglied in der für den EKD-Durchschnitt repräsentativen bis vorbildlichen pfälzischen Landeskirche (in der aparterweise die für bundesweite Verbrauchertests und Umfragen viel benutzte Muster-Gemeinde Haßloch liegt) nur noch rd. 17 €, abzüglich 2 € für Verwaltungsamt, abzüglich dem Zwangsbeitrag für den Kirchlichen Entwicklungsdienst usw. (z.B. auch eine Abgabe für die Dekanswohnung ab 2015). 2013 und 2014 wurde darauf noch einmal ein »Nachschlag« gewährt, der aber nicht darüber hinweg hilft, dass den Gemeinden kaum mehr als 7% ihres Kirchensteueraufkommens bleiben, um eine örtliche Gottesdienstkultur mit Kirche, Kirchendienst, Organist usw. aufrecht erhalten zu sollen, was so nicht mehr möglich ist: auch in der Bayerischen Landeskirche bald nicht mehr, wo 2014 der Anteil des innerkirchlichen Finanzausgleichs an die Gemeinden jetzt »auf nur noch 24 % fällt« – Tendenz auch hier weiter fallend. Die dazugehörige Pfarrstelle formatiert z.B. die pfälzische Landeskirche ab 1800 Gemeindegliedern (ab einem Kirchensteueraufkommen von 360.000 € p.a.), die (größte) Hannoversche Landeskirche erst ab 2400 Kirchenmitgliedern (ab einem Kirchensteueraufkommen von 480.000 €) oder die Badische Landeskirche sogar erst ab 2800 Gemeindegliedern (ab einem Kirchensteueraufkommen von 560.000 €). Etwa 60-70% der Kirchensteuer verbraucht der kirchliche Apparat für das »neue« gesellschaftspolitisch auftretende Kirchenverständnis, zu dem natürlich auch die Diakonie als wichtiger politischer Machtfaktor zählt – ein riesiges Problem für sich.

Doch nicht nur die Finanzpolitik wird von Ziegert in den Blick genommen, auch die Folgen eines angestrebten und in weiten Teilen schon vollzogene Zentralismus werden benannt:

[M]it dem neuen Zentralismus in der EKD verschwindet in der Fläche der Bundesrepublik auch eine gesellschaftlich ebenso elementare wie kostbare Sache: der für viele Menschen wichtige, ohne Bedingungen greifbare Notausgang bei schwer lösbaren menschlichen und gesellschaftlichen Problemlagen. Was hier eine im Bedarfsfall in wenigen Stunden bis in den letzten Winkel der Bundesrepublik alle gesellschaftlichen Institutionen kontaktierbare Struktur eines kirchengemeindlichen Kümmerns um die Menschen auch am kleinsten Ort löst und leistet, war einmal eine stille, aber für die Betroffenen fast immer bemerkenswert erfolgreiche gesellschaftliche Kraft, die nun die EKD-Kirchen selbst für ihren Plan einer politisch-moralischen Herrschaft über die Gesellschaft opfern.

Bleibt zu hoffen, dass der Autor mit seiner wenig Mut machenden Prognose falsch liegt – wir von KirchenBunt wollen mit möglichst vielen, die unsere Sorgen um unsere Kirche teilen, dazu einen Beitrag leisten.

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