Bevor der Karren noch tiefer in den Dreck fährt Ein wesentlicher Bestandteil, der bei der Umsetzung von Reformvorhaben eine Rolle spielt, ist die personelle Besetzung der kirchlichen Gremien.

Was haben die EKD und die skandalträchtigen Unternehmen VW, Deutsche Bank und der DFB gemeinsam? Denselben Unternehmensberater! McKinsey. Pfarrerin Anne Lungová aus Geilenkirchen analysiert im aktuellen Pfarrerblatt beispielhaft die vielschichtigen Verflechtungen zwischen EKD, Wirtschaft und Politik und befürchtet, dass der Kirchenkarren durch das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ noch tiefer in den Dreck gezogen wird, wenn nicht ein Umdenken stattfindet.

Wer in den letzten Wochen die Zeitungen aufgeschlagen hat, traute seinen Augen nicht: ein Skandal jagte den anderen. Erst mussten die Vorstandsbosse der Deutschen Bank gehen, dann der Chef von VW und jetzt wackelt auch noch der Thron des deutschen Fußballkaisers. Doch für ein erleichterndes Aufatmen, dass zum Glück diesmal die Kirche von einem Skandal verschont blieb, ist es zu früh. Im Gegenteil: einige Verantwortliche in den Chefetagen der kirchlichen Verwaltung werden tief Luft geholt haben. Denn was sich auf den ersten Blick völlig unabhängig voneinander abspielt, hat einen gemeinsamen Nenner: McKinsey. Dass die amerikanische Beraterfirma McKinsey & Company maßgeblich am Reformprozess »Kirche der Freiheit« beteiligt ist, ist kein Geheimnis. Weitgehend unbeachtet hingegen verlief der Prozess der schrittweisen Anbindung an Machtzentren von Wirtschaft und Politik, die nun von Skandalen erschüttert werden.

Ob die EKD von den Angeboten der Unternehmensberatung McKinsey & Company profitiert, ist mehr als fraglich. Wer die Mechanismen erkennt, ahnt, dass der Handlungsspielraum für die Kirchen immer enger wird. Dass im Dezember 2012 mit Peter Barrenstein ein langjähriger McKinsey-Berater (von 1980-2007) in den Rat der EKD berufen wurde, dem man die inhaltliche Begleitung der Führungsakademie für Kirche und Diakonie übertrug, ist ein weiteres Indiz dafür, dass die EKD einer externen Organisation mehr vertraut, als ihren eigenen Leuten. Immerhin steht die Kirche mit ihrer Naivität nicht alleine da: Autobranche, Banken und Politik haben denselben Fehler begangen, im Glauben an einen Retter, der alle Missstände lösen kann. Warnende Stimmen hat es auch in der Kirche gegeben. Der deutsche Publizist, Christian Nürnberger, hatte in seinem Vortrag am 34. Rheinischen Pfarrertag am 3.11.2003 in Bonn eindringlich auf die Gefahren hingewiesen: „Im Jahr 1999 veröffentlichte ich mein Buch »Die Machtwirtschaft«, eine Streitschrift gegen den Wirtschafts-Totalitarismus. Wer Kirche als eine Nonprofit-Organisation unter anderen begreift und sie auf den Marktplatz schubst, verlässt den Boden des Evangeliums, degradiert dieses zur Ware, und macht sich gemein mit jenen obskuren Weltanschauungshändlern, die sich auf diesem Markt herumtreiben. Kirchenleitungen, welche die Existenz der Kirche dadurch sichern wollen, dass sie ihre Kirche als Nützlichkeits-Organisation etablieren, als Service- und Sinnvermittlungsagentur, als Unternehmen, dessen Wert in ihrer Funktionalität für einzelne, Gemeinschaften und Staaten liegt, ziehen den Karren nicht aus dem Dreck, sondern fahren ihn noch tiefer hinein. Bischöfe, die den Leuten weismachen wollen, eine Mitgliedschaft in der Kirche rechne sich, zahle sich aus, müssen vergessen haben, dass der Lohn des Christen das Kreuz ist, dass es nicht um Logos geht, sondern um den Logos.“20

Um den »Karren aus dem Dreck zu ziehen«, braucht es für die evangelische Kirche mehr als nur die Einsicht, dass man sich statt an der Macht der Welt am Kreuz Christi hätte orientieren sollen, um der Krise, dem demographischen Wandel oder dem Mitgliederschwund entgegenzuwirken. Vor allem lohnt es sich, eigene Fragen zu stellen, um zu neuen Antworten zu gelangen, damit die Kirche am Ende nicht ebenso dasteht wie die Deutsche Bank, der Fußball oder Volkswagen.


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2 Beiträge
  1. Fragen nach dem „Cui bono“? Wohl eher nicht. Beim „Gespräch der Kirchenleitung“ in St. Augustin hatte ich den Eindruck, die Kirchenleitung der EKiR beharrt wie ein trotziges Kind auf dem einmal eingeschlagenen Kurs. Koste es was es wolle.

    Eine Einsicht allerdings meine ich vernommen zu haben: Es wurde kein Zusammenhang mehr hergestellt zwischen dem (leider realen) Mitgliederschwund und dem Kirchensteueraufkommen.

    Berechtigter Kritik wurde allerdings wie folgt begegnet: Wir verstehen die Kritik, können (aus welchem Grunde auch immer)allerdings nicht mehr zurück.

  2. Danke, Frau Lungová, für die klare Darstellung. Tja, liebe Mitglieder der Landessynode, nun lassen Sie einmal die oft befremdlichen Geschehnisse der letzten Jahre im Lichte dessen Revue passieren. Wie viele Beutel mit 30 Silberlingen schlummern – neben Anderem – wohl in den Kellern der Unternehmensberatungen? Und an ganz anderen Stellen? Die Landessynode sollte sich öfter die Frage nach dem „Cui bono?“ stellen. Aber, um sich ein objektives Bild machen zu können, bedarf es eben des freien Zugangs der Menschen zu den Mitgliedern der Landessynode. Und der ist nicht gewährleistet. So darf es nicht wundern, wenn positiv dargestellte Verwaltungsstrukturreformen, Neue kirchliche Finanzmanagements u. v. m. selbst dann noch als positiv empfunden werden, wenn sie ihre negativen Effekte bereits bewiesen haben. So vereinnahmt das System sein Führungsgremium. Schade.

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