Barmen 3: Die Kirche ist die Gemeinde! In seinem Vortrag über die Barmer Theologische Erklärung und ihre Bedeutung für heute stellt Prof. Dr. Mechels die Gemeinde als konstituierendes Element der Kirche heraus

Gerade hat die Synode in Bremen mit Hilfe einer Verfassungsänderung beschlossen, dass die EKD Kirche sei. Damit steht sie aber nach Meinung Prof. Dr. Mechels in eklatantem Widerspruch zur Barmer Theologischen Erklärung. Denn in Barmen III heißt es: Die Kirche ist die Gemeinde! Wir dokumentieren Auszüge aus seinem Vortrag „Die Barmer Theologische Erklärung und ihre Bedeutung heute“, den wir auch als Download zur Verfügung stellen.

Die Versammlung der Gemeinde (ekklesia) ist ein Geschehen, sie ist der Akt, das Drama der Begegnung Gottes mit den versammelten Menschen und der Menschen miteinander. Geschehende Begegnung ist etwas Aktuelles, Bewegtes, Vorübergehendes, Flüchtiges. Da geht es um „weiche“ Faktoren. Institution – das sind die Gemeindebüros, die Konsistorien, die kirchlichen Behörden, die Verwaltungen, die Landeskirchenämter, das EKD-Kirchenamt. Institutionen sind etwas Dauerhaftes, Stabiles. Das sind „harte“ Faktoren. (…)

… gemäß evangelischem Verständnis von „Kirche“ bedeutet das: alle Ebenen und Formen der Institutionalisierung haben die Funktion, durch ihre Stabilität die Aktualität des Ereignisses „Gemeinde“ auf Dauer zu ermöglichen, besser gesagt (denn die Ermöglichung der Gegenwart Gottes in der Gemeinde ist Gottes Sache allein): dem Ereignis „Gemeinde“ den Raum freizuhalten. …

Wichtig in unserem Zusammenhang ist, was Manfred Josuttis so formuliert: „Der entscheidende Vorsprung von Gemeinde … gegenüber der Organisation/Institution ist für die phänomenologische Wahrnehmung offenkundig: In der Gemeinde wird das realisiert, was die Kirche zum Leib Christi macht.“ (M. Josuttis, „Unsere Volkskirche“ und die Gemeinde der Heiligen, Gütersloh 1997, 170). Was Josuttis als „Vorsprung“ beschreibt, ist der Sache nach eine eindeutige Zuordnung und Priorität: Alle institutionellen kirchlichen Strukturen haben dem zu dienen und das zu fördern, was in der versammelten Gemeinde geschieht. Denn sie ist die „Gemeinde, in der Jesus Christus … gegenwärtig handelt“. Sie ist das Sakrament seiner Gegenwart. (BTE, These 3) …

Das Gemeindebüro, der Kirchenkreis, die Landeskirche, die EKD – das alles ist dazu da, dass es der Versammlung der Gemeinde Raum schafft, und sie auf Dauer ermöglicht. Die Institutionen sind für das Ereignis „versammelte Gemeinde“ da, und nicht umgekehrt. …

Vielmehr soll die Kirche durch ihre Organisationsform ebenso wie durch das, was sie verkündigt, auf Jesus Christus hinweisen. Also muss das, was wir an institutionellen Strukturen bauen, daraufhin geprüft und kritisch befragt werden, ob es noch transparent ist auf das Geschehen hin, von dem die Kirche lebt. Ob die Existenzform der Kirche dem entspricht, was ihr Existenzinhalt ist. Die Kirche  wird fremdbestimmt, wenn die Hauptaufgabe darin gesehen wird, gesellschaftliche Entwicklungsprozesse (Differenzierung) innerkirchlich zu wiederholen und abzubilden. Dies ist die Linie, wie sie in der Studie „Christsein gestalten“ des Kirchenamtes der EKD und in der Studie der Perspektivkommission der EKHN „Person und Institution“ zu erkennen ist und auch im Impulspapier „Kirche der Freiheit“. Da werden Konzentrationsprozesse, die wir in der Gesellschaft und in der Wirtschaft haben, kopiert und in der Kirche wiederholt. Einfach gesagt: das Prinzip „Supermarkt auf der grünen Wiese“ wird auch in der Kirche eingeführt. Das heißt hier natürlich nicht „Supermarkt“, sondern „Leuchtfeuer“, das sind „zentrale Begegnungsorte“, „kirchliche Zentren“ für die ganze Region (KdF 59). So wird eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Struktur innerkirchlich abgebildet.

Es kann auch nicht zentrales Anliegen der Kirche sein, „eine wichtige Rolle in der sich verändernden Gesellschaft zu spielen“, wie Präses Rekowski kürzlich in einem Interview sagte (epd-nachrichten Nr. 4, S.5). Wo um alles in der Welt steht geschrieben, dass die Kirche darauf aus sein soll, „eine wichtige Rolle in der Gesellschaft“ zu spielen?

Das Barmer Bekenntnis sagt aber: Wir müssen unsere Organisation an unserem Auftrag ausrichten, nämlich Jesus Christus zu bezeugen, der in der Gemeinde gegenwärtig handelt. Dafür ist ein weit gestreutes Netzwerk von vielen kleinen Gemeinden die angemessene Form, und nicht ein regionales Super-Zentrum. …

… auf jeden Fall muss die Barmer Erklärung wie ein bleibender kritischer Stachel im Fleisch der Kirchen sitzen und unsere verfassten Kirchen jeden Tag mit dieser Frage ärgern: mit welchem Recht beruft ihr euch auf Jesus? Wie M. Niemöller formulierte: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Wenn Barmen III recht hat, dass Jesus Christus gegenwärtig in der Kirche handelt als der Lebendige, dann muss die Frage aber doch heißen: Was sagt Jesus dazu? Gebt Ihr seinem Wirken, seinem heute aktuellen Wirken als des lebendigen Herrn Raum, gebt ihr ihm Raum genug? Hört ihr auf ihn? Oder habt ihr euch längst an seine Stelle gesetzt und benehmt euch als christliche Nachlassverwalter eines, der es damals unendlich gut gemeint hat, der aber längst tot ist?

Ich spitze die Frage von Barmen 4 noch weiter zu auf die Frage nach der Organisationsform der Kirche. Es ist m.E. nicht zu bestreiten, dass die Großkirchen in Deutschland einen Grad von Organisiertheit, Zentralisierung und Bürokratisierung erreicht haben, der nicht nur teuer ist, sondern auch gefährlich. Der Soziologe F.X. Kaufmann hat dazu das Nötige gesagt. (in: Kirche begreifen, Freiburg, Basel, Wien 1979.) Der auch ein erhebliches Machtpotential in Kirchenverwaltungen, Landeskirchenämtern und ihren Posten versammelt. Auch einen Auswahlmechanismus bewirkt, der auf einen bestimmten Typus von Menschen anziehend wirkt wie die Blüte auf die Biene wirkt. Es werden Gemeinden zusammengelegt, Pfarrstellen gestrichen, gekürzt. Das Netz der Kommunikation an der Basis, die Kirche als gemeindliches Netzwerk spiritueller Kommunikation wird ständig ausgedünnt, reduziert, weitmaschiger gemacht. Das ist gefährlich. Dieser Prozess der Erosion, der geplanten und verwalteten Erosion an der Basis, nämlich in den Gemeinden, ist ruinös, sehr problematisch. Da wird die Kirche vor die Wand gefahren, und die Reformer merken es nicht. Der Rotstift sollte am Kopf der Organisation ansetzen. Und nicht immer „unten“.

Eine große Bürokratie ist auch eine große Macht. Wir sind alle Menschen und das Narkotikum der Macht ist überaus verführerisch. Wir sind so lange evangelisch und dürfen uns christlich nennen, wie wir uns der Provokation des Bibelwortes aussetzen: so soll es unter euch nicht sein!


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