Kirche vor weiterem Umbruch? Klaus Winterhoff mahnt harte Strukturmaßnahmen und weitere "Reformen" an

Klaus Winterhoff gehört zu den grauen EKD-Eminenzen, die in den vergangenen Jahren die Umbauprozesse innerhalb der EKD und den evangelischen Landeskirchen maßgeblich angeregt und gesteuert haben. Bis vor kurzem war er Vizepräsident und Finanzdezernent der Ev. Kirche von Westfalen sowie Mitglied im Rat der EKD und Vorsitzender des einflussreichen EKD-Finanzbeirats.

In einem Gespräch mit epd anlässlich seines Ausscheidens aus der westfälischen Kirchenleitung fordert Winterhoff weitere „Reformen“: „Der Status quo hat nirgendwo Verheißung – am allerwenigsten in der Kirche.“ Nach dem Reformationsjubiläum sei ein „Kassensturz“ fällig, so Winterhoff und beklagt ein „weiteres Absinken der Kirchensteuereinnahmen“ um das Jahr 2020. Als Grund benennt er, dass dann die geburtenstarken Jahrgänge verstärkt in den Ruhestand gehen werden. Artikel lesen

Download PDF

SOS Pfarrdienst! Ein Umsteuern ist dringend erforderlich

Man muss Alarm schlagen. Vor allem in den strukturschwachen Peripherieregionen der evangelischen Kirche im Rheinland ist die Grundversorgung pastoraler Dienste nicht mehr gesichert. Immer häufiger treten Situationen auf, in denen Menschen händeringend nach einem Pfarrer oder einer Pfarrerin suchen, weil eine Beerdigung, ein Hochzeitsjubiläum oder eine Trauung ansteht. In den ländlichen Kirchenkreisen treten zum Teil erhebliche Lücken bei der Notfallseelsorge auf. Die Demographie schlägt hier voll zu. Pfarrerinnen und Pfarrer werden immer weniger und immer älter. Verbindet sich dieser Tatbestand mit einem repressiven, wenig einfühlsamen Leitungsstil auf Kirchenkreisebene, steigt der Krankenstand. Kolleginnen und Kollegen gehen aus Gesundheitsgründen vorzeitig in Pension, die Belastung für die verbliebenen wächst. Diese Situation ist für unsere Kirche brandgefährlich. Wenn Menschen in Krisensituationen nicht mehr zeitnah einen Seelsorger oder eine Seelsorgerin finden, baut sich Frust auf, der den Mitgliederverlust beschleunigen dürfte. Artikel lesen

Download PDF

Massiver Eingriff in die Finanzhoheit Haushalte sind ab 2016 genehmigungspflichtig

Bei den Veränderungen der Verwaltungsordnung, die die Kirchenleitung Ende November 2014 beschlossen hat, handelt es sich um den wohl massivsten Eingriff in unsere Kirchenverfassung seit Jahren. Ab dem Haushaltsjahr 2016 muss jeder kirchliche Haushalt vom übergeordneten Leitungsgremium genehmigt werden. In Frage steht die Genehmigung wenn eine „Gefährdung des Haushaltsausgleichs“ vorliegt. Ein Indiz hierfür soll die geplante Rücklagenentnahme sein. Artikel lesen

Download PDF

EKiR Landessynode 2015: Licht und Schatten Umkehr ist nötig - ein "Weiter so" schadet

Wer von der Landessynode 2015 der Ev. Kirche im Rheinland substanzielle Veränderungen zum Besseren hin erwartet hatte, musste enttäuscht werden. Zu groß ist noch die Dominanz derer, die die Situation unter vorrangig fiskalischen Gesichtspunkten bewerten. Im Mittelpunkt stand das Projekt „Haushaltskonsolidierung“, das von der Synode ohne große Veränderungen beschlossen wurde. Im Vorfeld erwies sich die Kirchenleitung in Detaillefragen offen wie selten zuvor. Was die Einrichtung und Gestaltung der einzelnen Räume des umgebauten Kirchengebäudes angeht, ließ man große Spielräume. Die Grundzüge des Bauplans standen aber nie ernsthaft zu Debatte. Grundsätzliche Anfragen wurden abgewehrt oder ignoriert – und zwar schon 2013, als die Kirchenleitung mit ihrem Sparprogramm an die Öffentlichkeit trat. Letztlich war es diese Unbeweglichkeit in Grundsatzfragen, die Fehlentwicklungen geradezu zementiert, die zur Gründung der Initiative „KirchenBunt“ im Sommer 2014 führte. Artikel lesen

Download PDF

Die Finanzkraft der Kirche und die Mitgliederentwicklung Argumente verbrauchen sich, wenn sie permanent von der Wirklichkeit widerlegt werden

Ende der achtziger Jahre thematisierte eine EKD-Studie zum ersten Mal den Zusammenhang zwischen kirchlicher Finanzkraft und Mitgliederentwicklung. Der demographische Wandel trat damals nicht nur im Blick auf die Sozialsysteme, sondern nun auch kirchenpolitisch motiviert als Schreckgespenst in Erscheinung. 2005 und 2006 wurde die Aussage, dass die negative Mitgliederentwicklung die kirchliche Finanzkraft dramatisch reduzieren würde, durch die Aufnahme in das EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ (KdF) „kanonisiert“. Im Rheinland wurde werbewirksam die „Einfache Formel“ entwickelt, dass bis zum Jahr 2030 die Evangelische Kirche nur noch 2/3 ihres Mitgliederbestandes und die Hälfte der Finanzkraft gegenüber dem Basisjahr 2002 haben würde. „Die Zeiten steigender Kirchensteuereinnahmen sind ein für allemal vorbei“ – diese Aussage wurde dutzendfach von Oberkirchenräten und Superintendenten vorgetragen, um die Kirche auf einen drastischen Spar- und Umbauprozess einzustimmen.  Artikel lesen

Download PDF

Auf dem Weg zur marktkonformen Kirche? Landessynode 2015: - Eine verschärfte Ökonomisierung als Programm

„Umkehr“ fordert das „Wormser Wort„, das von Menschen verfasst worden ist, denen an ihrer evangelischen Kirche liegt. Die dahinter stehende Analyse konstatiert Schäden durch fortwährende Rückbau- und Umbauprozesse, die die Leitungsgremien wie auch die Beschäftigten der Kirche überfordern und die Kirche selbst von den Menschen entfernt. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass die Leitung der Ev. Kirche im Rheinland von der Einsicht in eine derartige Umkehr weit entfernt ist. Im Gegenteil: nicht zuletzt die Vorlage der Kirchenleitung zur Haushaltskonsolidierung deutet einen Kurs verschärfter Ökonomisierung an. Dies wird vor allem nach Lektüre der unter I. „Positionsbestimmung“ (S. 2,3) ausgeführten Sätze deutlich. Eisern wird an dem von der Kirchenleitung im Sommer 2013 beschlossenen Sparziel von 12 Mio. € festgehalten, um die der landeskirchliche Haushalt zusätzlich zu den bereits beschlossenen 8 Mio. € entlastet werden soll. Das „konsequente Einfordern eines kostendeckenden Betriebs“ kirchlicher Tagungshäuser bedeutet nichts anderes, als dass man diese ungeschützt Marktmechanismen aussetzen will. Ins Bild passt die Forderung nach „Einwerbung von Drittmitteln“ zur Finanzierung kirchlicher Einrichtungen – Bologna lässt grüßen. DIe darüber hinaus verlangte „Bündelung von Aufgaben und Ressourcen“ riecht nach weiteren Konzentrationsprozessen.

Fakten zur finanziellen Situation der EKiR

Die finanzielle Situation der EKiR stellt sich zu Beginn des Jahres 2015 deutlich besser dar, als man dies vor knapp 2 Jahren, als der Prozess eines verschärften Sparkurses durch die Kirchenleitung initiiert wurde, erwartet werden konnte.

Grundlage der damaligen Berechnungen war ein Netto-Kirchensteueraufkommen von 575,4 Mio. € sowie ein strukturelles Defizit im landeskirchlichen Haushalt von ca. 8 Mio. €. Ausgelöst wurde der schon damals nicht plausible Finanzalarmismus durch die nach den EKD-Vorgaben des sog. „erweiterten Solidarpakts“ zu geringe Ausfinanzierung zukünftiger Versorgungs- und Beihilfeansprüche.

Die Sondersynode in Hilden folgte der Kirchenleitung und beschloss im November 2013, ein Sparpaket („Aufgabenkritik“) in Höhe von 8 Mio. € bereits bis 2015 und weitere Kürzungen in Höhe von 12 Mio. € bis 2018 auf den Weg zu bringen. Insgesamt sollte der Haushalt der Landeskirche um drastische 35% reduziert werden.

Trotz einer deutlich verbesserten Einnahmesituation hat sich an den Eckdaten, mit denen die Landessynode um Januar 2015 konfrontiert ist, nichts verändert. Es bleibt bei Kürzungen – überwiegend bei der kirchlichen Bildungsarbeit – in Höhe von insgesamt 20 Mio. €. Dem gegenüber steht ein Defizit im Haushalt der Landeskirche von nunmehr knapp 4 Mio. €. Das Netto-Kirchensteueraufkommen der EKiR wird nach Schätzung der Landeskirche 2014 bei 642 Mio. € liegen. 2013 waren es knapp 620 Mio. €. Für 2015 wird mit einem Verteilbetrag von nunmehr 633 Mio. € gerechnet.

Tatsächlich werden seit 2013 zwei fiskalische Herausforderung auf problematische Weise miteinander vermischt:

Haushaltskonsolidierung: Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass es sinnvoll und geboten ist, dauerhaft ausgeglichene Haushalte anzustreben. Insofern sind Einsparungen, die das aktuelle Defizit von knapp 4 Mio. € reduzieren und bei über der Planung liegenden Kirchensteuereinnahmen Haushaltsüberschüsse erwarten lassen, zu vertreten. Um dieses Ziel zu erreichen, sind die Kürzungen in der Vorlage der Kirchenleitung allerdings völlig überdimensioniert.

Sicherung zukünftiger Versorgungs- und Beihilfeansprüche: Hierum geht es in erster Linie. Überschüsse im Haushalt der Landeskirche sollen für weitere Entlastung sorgen. Zudem liegt der Landessynode ein Beschlussvorschlag der Kirchenleitung mit einer informativen Begründung vor (Drucksache 4), nach der in Zukunft 25% des Netto-Kirchensteueraufkommens zur Absicherung zukünftiger Versorgungs- und Beihilfeansprüche verwandt werden sollen. Dass man die Situation bei der Versorgungsicherung wesentlich gelassener bewerten kann, als die rheinische Kirchenleitung dies tut, kann man hier gut nachvollziehen. Außerdem hat der Journalist und Diplom-Theologe Christoph Fleischmann unter der treffenden Überschrift „Sparen für die Pensionskasse“ einige wertvolle Infos und Links zusammengestellt.

Ökonomisierung!

Nach Vorlage des nach einem offen und transparent geführten Beratungsprozesses überarbeiteten Beschlussantrages der Kirchenleitung an die Landessynode gab es bei vielen Betroffenen Erleichterung und Lob. Dies erstaunt insofern, als es bei den wesentlichen Eckdaten kaum Veränderungen gibt: Sowohl das Gesamtvolumen des Sparpakets wie auch die Kürzungen im Einzelnen sind bis auf ganz wenige Ausnahmen konstant geblieben. Andreas Reinhold hat dies in einem informativen und übersichtlichen Beitrag sehr gut dargestellt.

Darüber hinaus wurden entscheidende Sätze, die unter A.I „Positionsbestimmung“ zu lesen sind, offenbar nur unzureichend wahrgenommen. Hier eine programmatische Aussage:

Das hohe Sparziel führt auch dazu, dass sich die Bewertung von Aufgaben und ihrem Finanzbedarf geändert hat. Neben der inhaltlichen Bewertung kommen stärker als bisher auch wirtschaftlichen Aspekte in den Blick. Dies trifft die landeskirchlichen Tagungshäuser besonders. Ein konsequentes Einfordern eines kostendeckenden Betriebes stellt diese vor neue Herausforderungen, die manchmal allein aus Kapazitätsgründen nicht umgesetzt werden können. Stärker als bisher rücken aber auch die Frage nach der Einwerbung von Drittmitteln und die Bündelung von Aufgaben und Ressourcen in den Fokus.

Man schluckt bei diesen Sätzen, deren Nachhall sich durch das ganze Dokument zieht. Tagungshäuser will man mit dem „konsequenten Einfordern eines kostendeckenden Betriebes“ offenbar ungehemmt Marktmechanismen aussetzen. Dies führt zwangsläufig zu einer Dominanz wirtschaftlicher Aspekte gegenüber inhaltlichen Bewertungen. Dass hiermit nicht nur die kirchlichen Tagungshäuser angesprochen sind, sondern z.B. auch Schulen und andere kirchliche Institutionen, ist bei genauer Lektüre der Vorlage naheliegend. Folgende Fragen stellen sich:

  1. Ist dies wirklich gewollt? Ist die Landessynode wirklich bereit diesen Kurs einer verschärften Ökonomisierung mitzutragen und damit in der kirchlichen Kernorganisation ähnliche Entwicklungen zu provozieren, wie wir sie seit einiger Zeit in weiten Bereichen der Diakonie erleben?
  2. Was bedeutet es, wenn sich pädagogisch und theologisch versierte Fachkräfte in Zukunft mit hoher Intensität um Einwerbung von Drittmitteln und Fundraising kümmern müssen, um die Existenz ihrer Einrichtung zu sichern? Was macht dies mit der Qualität und Ausrichtung der geleisteten Arbeit?
  3. Der Begriff „Drittmittel“ ist relativ klar definiert. Im Hochschulbereich sind damit u.a. Mittel aus dem Bereich der Privatwirtschaft oder von Stiftungen gemeint, was oft auf das Gleiche hinausläuft. Am wenigsten ist hierbei an Spenden oder Förderkreisbeiträge zu denken, dies ist durch den Begriff „Fundraising“ abgedeckt. In welche Abhängigkeiten will man sich da begeben?
  4. Noch einmal zurück zu den kirchlichen Tagungshäusern. Die Forderung nach einem kostendeckenden Betrieb ist auch in der Vorlage mehrfach verbunden mit der Absicht, die Tarife zu erhöhen. Die Besucher dieser Häuser sollen mehr zahlen. Dies wirkt sozial selektiv und erschwert einkommensschwachen Gruppen den Zugang zu kirchlichen Angeboten. Soll die Jugendbildungsstätte Hackhäuser Hof wirklich in diesem Sinne kostendeckend geführt werden? Was ist mit den Angeboten im „Haus der Begegnung“? Da geht es u.a. um Kindergottesdienst oder Konfirmandenarbeit, also um Angebote, die auch für Jugendliche interessant sind. Soll das „Haus der Stille“ in Zukunft nur noch zahlungskräftigen „Kunden“ offenstehen?

Der falsche Ansatz bei Finanz- und Organisationsfragen

Seit spätestens 2006 stehen in der EKiR wie in zahlreichen anderen EKD-Landeskirchen Finanz- und Organisationsfragen im Vordergrund. Dieser falsche Ansatz provoziert bei allen Sparanstrengungen paradoxerweise an anderer Stelle enorme Mehrkosten. Er schwächt zudem die Kirche in ihrer Wirksamkeit in die Gesellschaft hinein und reduziert die Bindungskraft der Gemeindeglieder. Die aktuellen Kirchenaustrittszahlen sprechen für sich. Und hier dürften unglückliche Bankenbriefe anlässlich der Zinsabgeltungssteuer lediglich ein letzter Impuls für Kirchenaustritte sein.

Die KL-Vorlage zur Haushaltskonsolidierung verschärft gerade auch in ihren programmatischen Aussagen diesen falschen Kurs.

Die nach der letzten Landessynode getroffene Zustandsbeschreibung der EKiR trifft mehr denn je zu:

  1. Die Mittel für die Arbeit mit Menschen werden reduziert.
  2. Dagegen weitet sich der Mitteleinsatz für Verwaltung immer mehr aus.
  3. Deutlich mehr Mittel als bisher sollen der Kapitalbildung zur Absicherung zukünftiger Versorgungs- und Beihilfeansprüche zugeführt werden – ¼ des Netto-Kirchensteueraufkommens!

Dies ist gegenüber der Öffentlichkeit nicht mehr vermittelbar und schwächt im Übrigen auch die Chancen, durch Spenden, Kollekten oder Förderkreisbeiträge finanzielle Engpässe vor Ort abzufedern. Ein weiterer Effekt des Kostenaufwuchses bei der Verwaltung und insbesondere durch NKF sowie die Priorisierung der Versorgungssicherung ist die finanzielle Schwächung der Kirchengemeinde und auch der Kirchenkreise, deren Haushalte in vielen Fällen trotz steigender Kirchensteuereinnahmen tatsächlich immer mehr in Schieflage geraten.

„Wie Gott zur Welt kommt “ lautet das theologische Thema der Landessynode. Dass Gott Mensch wird ist prägend für die christliche Gottesvorstellung. Gott wendet sich bis zum Tod am Kreuz in aller Radikalität den Menschen und ihrem Alltag zu. Dies ist für eine Kirche Verpflichtung, dieser Bewegung Gottes zu folgen, sich konsequent den Menschen zuzuwenden und ihr Handeln an den Menschen zu orientieren. Eine Umkehr in diesem Sinne fordert das „Wormser Wort“.

Download PDF

Kommentar zum Sparkurs der EKiR Wie sich eine Kirche unsympathisch macht

Mit deutlich reduziertem Mitteleinsatz will die Ev. Kirche im Rheinland wichtige Arbeitsfelder weiterführen. In einer Stellungnahme im Präsesblog argumentiert Manfred Rekowski, dass die Sparmaßnahmen letztlich dazu dienen, die Arbeit in den betroffenen Einrichtungen langfristig zu sichern. Dies erinnert an die Argumentation bei der Einführung der Hartz-Gesetze und den Umbau der Sozialsysteme: Der offensichtliche Sozialabbau diene letztlich dazu, den Sozialstaat in Deutschland zu erhalten.

Gewiss, die Vorlage der Kirchenleitung zur Haushaltskonsolidierung an die Landessynode, die im Januar 2015 in Bad Neuenahr tagen wird, hat durch die Einarbeitung verschiedenster Stellungnahmen und Voten Veränderungen erfahren. Die Bereitschaft zum Hinhören und zur Transparenz ist im Vergleich zur Vergangenheit spürbar gewachsen. Dennoch bleiben Anfragen und grundsätzliche Schwachpunkte.

Warum 12 Mio. bzw. 20 Mio. € ?

Es findet sich keine überzeugende Begründung für das angestrebte Sparvolumen. In der ersten Vorlage der Kirchenleitung hatte es ein Volumen von insgesamt 12,3 Mio. €, jetzt hat sich der Betrag auf 11,25 Mio. € reduziert, am Sparziel von 12 Mio. € wird jedoch festgehalten.

Das Anliegen, auf Dauer einen ausgeglichen Haushalt der Landeskirche anzustreben, ist zu unterstützen. Dass hierfür Einsparungen erforderlich sind, ist unbestritten. Die Vorgaben, die der Landessynode in Hilden im November 2013 gemacht wurden, basierten allerdings auf den längst überholten Planzahlen von 2013 mit einem Netto-Kirchensteueraufkommen von 575 Mio. € in der Planung. Damals sprach man von einem strukturellen Haushaltsdefizit von etwa 8 Mio. €. Da das tatsächliche Ergebnis für 2013 bei knapp 620 Mio. € lag, dürfte das Defizit im Ergebnis nicht viel mehr als 4 Mio. € betragen. Hinzu kommt, dass die Auswirkungen der ersten Sparrunde (Aufgabenkritik I) mit einem Gesamtvolumen von 8 Mio. € noch gar nicht voll wirksam sind. Insgesamt geht es also um Kürzungen in einem Umfang von etwa 20 Mio. €. Angesichts der tatsächlichen Lage des Haushalts der Landeskirche dürfte eines klar sein: Es gibt erhebliche Spielräume für eine solide fachliche Überprüfung der Sparvorschläge sowie für ein sozialverträgliches Verhalten, das betriebsbedingte Kündigungen überflüssig macht.

Vage Zugeständnisse

Aufatmen können nur wenige. Statt die landeskirchlichen Mittel für die Seemannsmission und den Binnenschifferdienst ganz zu streichen, werden sie lediglich gekürzt. Das „Haus der Stille“ mit dem Standort Rengsdorf soll erhalten bleiben, was zu begrüßen ist. Allerdings ist die Einsparsumme mit 320.000 € gleich geblieben. Dementsprechend wird formuliert: „Die Arbeit im Haus der Stille wird vorerst nicht verlagert. Eine deutliche Senkung des Aufwandes und eine Steigerung der Erträge (z.B. durch Verbesserung der Auslastung, Senkung der Personalkosten, Kooperation mit anderen landeskirchlichen Einrichtungen, Fundraising u.a.) werden angestrebt.“ Gelingt dies nicht, „ist ein alternatives Konzept für die Fortführung der Arbeit entweder unter Aufgabe der Trägerschaft der Einrichtung oder der Immobilie vorzulegen“.

Am meisten muss die kirchliche Bildungsarbeit bluten. Hier sind die Zahlen in etwa gleich geblieben im Vergleich zur ursprünglichen Vorlage: Bei den Schulen in kirchlicher Trägerschaft ergibt sich eine Einsparsumme von 4,5 Mio. €, bei der Kirchlichen Hochschule Wuppertal ist es 1 Mio. und beim Haus der Begegnung in Bonn 1 Mio. €. Hinzu kommen Einsparungen bei der Studierendenarbeit sowie den Studierendenwohnheimen von 700.000 € und beim Film-, Funk- und Fernsehzentrum (FFFZ), das ja auch ein Standort kirchlicher Bildungsarbeit im weiteren Sinne ist, weitere 550.000 €. Alleine diese Zahlen machen deutlich, dass die EKiR der kirchlichen Bildungsarbeit nach Sparmaßnahmen der Vergangenheit erneut einen Betrag von mindestens 7,75 Mio. € entziehen will, was den Löwenanteil des gesamten Sparpakets ausmacht.

Eine soziale Schieflage

Am stärksten sind die Beschäftigten der EKiR von den Sparmaßnahmen betroffen. Zum Teil haben sie schon seit Jahren Umstrukturierungen, Standortverlagerungen und Einsparungen hinter sich und stehen nun unter Umständen vor dem beruflichen Aus, falls es bei dem anvisierten Sparvolumen bleibt. Ein weiterer, in sozialer Hinsicht problematischer Aspekt wird in der Vorlage deutlich formuliert: „Das hohe Sparziel führt auch dazu, dass sich die Bewertung von Aufgaben und ihrem Finanzbedarf geändert hat. Neben der inhaltlichen Bewertung kommen stärker als bisher auch wirtschaftliche Aspekte in den Blick. Dies trifft die landeskirchlichen Tagungshäuser besonders. Ein konsequentes Einfordern eines kostendeckenden Betriebes stellt diese vor neue Herausforderungen …“. „Einwerbung von Drittmitteln“ wird gefordert sowie die Anpassung der Preise. Es wird in Zukunft also ziemlich teuer werden, an Fortbildungen teilzunehmen. Dies wirkt sozial selektiv. Menschen mit geringem Einkommen, wozu insbesondere auch Jugendliche gehören, werden so faktisch ausgegrenzt. Hinzu kommt, dass „ein konsequentes Einfordern eines kostendeckenden Betriebes“ kirchlicher Tagungshäuser die Beschäftigten unter einen enormen Druck setzt.

Ein problematisches Gesamtbild

Die alte Dame EKiR kommt in diesen Tagen nicht besonders sympathisch daher. Gespart wird was das Zeug hält bei der kirchlichen Bildungsarbeit. An finanzieller Auszehrung leiden zudem die Kirchengemeinden. Der Hintergrund: die Kosten für das Neue kirchliche Finanzwesen (NKF) wie für die Verwaltung insgesamt steigen und steigen. Erneut haben zahlreiche Kreissynoden zusätzliche Verwaltungsstellen insbesondere in der Finanzverwaltung beschlossen. Ein Viertel der Kirchensteuereinnahmen wird zudem zur Absicherung zukünftiger Versorgungs- und Beihilfeansprüche auf die Seite gelegt. Dies ergibt ein Gesamtbild, das mehr als problematisch ist und die Bindungskraft der Kirche insgesamt schwächt. Das Verhalten einer Kirche, die massive Kürzungen bei der kirchlichen Bildungsarbeit oder auch bei der Arbeit mit Langzeitarbeitslosen durchführt, die Gemeinden und Einrichtungen vor Ort finanziell schwächt und im Gegenzug massiv neue Verwaltungsstellen einrichtet sowie Mittel in immer höherem Ausmaß zur Absicherung zukünftiger Versorgungs- und Beihilfeansprüche den Finanzmärkten anvertraut, ist öffentlich nicht mehr vermittelbar. Wer Einsparungen für nötig hält, sollte zunächst kostendämpfende Maßnahmen bei der kirchlichen Verwaltung auf den Weg bringen.

KirchenBunt setzt sich ein für einen Aufbruch von unten – für eine Kirche, die an ihrem Auftrag und an den Menschen orientiert ist und in der Geld wieder eine dienende Funktion einnimmt.

Download PDF

Richtungslos durch die Nacht Kommentar zum neuen Sparpaket der EKiR

Wohin steuert die Ev. Kirche im Rheinland? In seinem Blog benennt der Präses der Ev. Kirche im Rheinland aus seiner Sicht die Herausforderung: „Die fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung  der EKD zeigt allzu deutlich, dass bei evangelischen Kirchenmitgliedern in der Gesamtheit die Verbundenheit mit der Kirche und die religiöse Sprachfähigkeit kontinuierlich abnehmen. Ein zentraler Grund hierfür liegt in der abnehmenden Breitenwirkung der religiösen Sozialisation, je jünger die Befragten sind, umso seltener geben sie an, religiös erzogen worden zu sein, so die Untersuchung.“ Dieser Analyse müsste eigentlich die Ankündigung folgen, die kirchliche Bildungsarbeit zu verstärken. Schaut man sich die von der Kirchenleitung vorgelegte Streichliste an, so ist genau das Gegenteil der Fall: Allein bei den Schulen in kirchlicher Trägerschaft sollen 4,5 Mio. € eingespart werden. Sogar die Kirchliche Hochschule in Wuppertal steht auf dem Prüfstand. Hier will man 1 Mio. € einsparen. Sollte dies in den Verhandlungen mit den anderen Trägern, der westfälischen und der lippischen Landeskirche nicht gelingen, will man sich aus der Trägerschaft zurückziehen. Dies dürfte dann wohl das Aus für die Kirchliche Hochschule bedeuten. Das „Haus der Begegnung“ in Bonn soll aufgegeben werden, womit man eine weitere Mio. einsparen will. Dies betrifft die Arbeit der Akademie und des PTI. Von den 12,3 Mio. € die eingespart werden sollen, entfallen mit 6,5 Mio. € mehr als die Hälfte auf die kirchliche Bildungsarbeit im engeren Sinne. Philipp Melanchthon dürfte in seinem Grabe rotieren. Artikel lesen

Download PDF

Die EKiR – ein Tochterunternehmen der EKD? Der Sparkurs der rheinischen Kirche und der "erweiterte Solidarpakt"

Haben Sie schon mal was von einem „erweiterten Solidarpakt“ gehört? Nein? Dann sind Sie in guter Gesellschaft. Landessynodalen, Superintendenten, Vorsitzenden von Pfarrvereinen oder MAV-Vertretern oder sogar langjährigen Mitgliedern von Kirchenleitungen soll es ähnlich gehen. Der „erweiterte Solidarpakt“ wurde im März 2006 von der Kirchenkonferenz der EKD beschlossenen. Durch ihn übt die EKD massiven Einfluss auf die Finanz- und Personalplanung ihrer Gliedkirchen aus. Er dürfte die eigentliche Begründung für den verschärften Sparkurs der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) sein. Die zweitgrößte Landeskirche in Deutschland folgt in blindem Gehorsam EKD-Vorgaben, die den meisten Mitgliedern ihre Landessynode unbekannt sind. Artikel lesen

Download PDF

Gemeinwesen oder Großkonzern? Von verdeckten Leitbildern und der schleichenden Entmündigung der kirchlichen Basis

Diese Skizze soll verdeutlichen, in welchem gesellschaftlichen Kontext die kirchlichen Umbaukonzepte entwickelt wurden. In zentralen Elementen folgen sie einer neoliberalen Agenda. Was völlig fehlt, ist die Anknüpfung an das große biblische Freiheitsepos, das den Auszug der Kinder Israels aus der Knechtschaft in Ägypten beschreibt. Auch einen handlungsleitenden Bezug auf den paulinischen Freiheitsbegriff (Vgl. z.B. Gal. 4-5) sucht man vergeblich. Was offenbar sehr zielgerichtet angestrebt wird, ist die Transformation eines immer noch bemerkenswert vielfältigen protestantischen Gemeinwesens in einen religiösen Dienstleistungskonzern. Artikel lesen

Download PDF