EKiR-Synode – Wohin mit der Ortsgemeinde? Komplexe Themen stehen auf der Tagungsordnung, mit denen sich die Synodalen befassen müssen.

Vom 8. bis zum 13. Januar tagt die Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland traditionell in Bad Neuenahr. Manche der zu diskutierenden Themen bieten eine Menge kirchenpolitischen Sprengstoff, dafür werden aktuelle Probleme ausgeklammert. Bei der Komplexität wesentlicher Fragen könnte deren Zusammenhang und die daraus resultierenden Konsequenzen außer acht geraten. Eine Problemanzeige mit vielen Fragezeichen: Artikel lesen

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NKF-EKiR: Offizielle Bankrotterklärung Das Neue Kirchliche Finanzwesen läuft in der EKiR auch nach seiner Einführung immer noch nicht rund

Es ist im Grunde genommen eine Bankrotterklärung, die da Anfang des Jahres den rheinischen Synodalen vorgelegt wurde und als Nachricht über den epd-Ticker lief. Die Einführung des Neuen Kirchlichen Finanzwesens (NKF) auf landeskirchlicher Ebene hat laut Abschlussbericht der Kirchenleitung mehr als das Dreifache von dem gekostet, was ursprünglich veranschlagt war (offiziell knapp 20 Mio Euro, es kursieren jedoch auch weit höhere Zahlen), es gibt weiterhin erhebliche Probleme mit der gewählten Software, die ständig verbessert werden muss, weshalb man über einen Systemwechsel in 2019 nachdenkt, und überhaupt bestehe „unverändert Skepsis, ob der finanzielle und personelle Aufwand der Einführung lohnend war.“ Zudem sei der Krankenstand und die Fluktuation in den Verwaltungsämtern durch die Mehrbelastung signifikant gestiegen. Eine Zusammenstellung der Kosten auf Kirchenkreis- und Gemeindeebene wird erst gar nicht ins Auge gefasst. Von der versprochenen Transparenz ist zwar kaum etwas zu erkennen, dafür hat NKF einen Kulturwandel hervorgerufen, „der noch andauert.“ Artikel lesen

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Kirchensteuer: Rekordeinnahmen fließen … doch wohin? Ev. Kirche nimmt über 5.000.000.000 € ein - Sparkurs geht unverändert weiter

Zum wiederholten Male brechen die Kirchensteuereinnahmen Rekorde! Die evangelische Kirche nimmt 2015 so viel Geld wie noch nie ein: über fünf Milliarden Euro. Ein dramatischer Einbruch ist für die kommenden Jahre nicht auszumachen. Gleichzeitig setzt sich an der Gemeindebasis der Sparkurs fort, investiert wird in Verwaltung und NKF. Artikel lesen

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10 Jahre „Kirche der Freiheit“ – und noch kein Ende?! Ein Interview mit dem Vizepräsidenten im Kirchenamt der EKD zeigt, dass an den strukturellen Zielen des Impulspapieres festgehalten wird.

Im August 2015 habe ich bereits einen Kommentar zum Impulspapier auf kirchenbunt.de veröffentlicht. Nun hat das evangelische Magazin „zeitzeichen“ ebenfalls Rückschau auf 10 Jahre „Kirche der Freiheit“ gehalten und dabei ein aufschlussreiches Interview mit einem der Initiatoren, Thies Gundlach, geführt. Darin gibt er offen die „Top-Down-Strategie“ der damaligen EKD-Leitung zu und interpretiert sie als „Dienstleistung“. Darüber hinaus hält er an den strukturellen Zielen des Dokumentes fest. Artikel lesen

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„Top-Down“ fürs „Bottom-Up“ Gottes Geist weht von oben, damit Kirche von unten gebaut werden kann!

Wenn der Geist weht, dann gibt es wohl kein Halten mehr. Dann herrscht Barrierefreiheit! So verstehe ich jedenfalls die Verse, die uns an diesem „Geburtstag der Kirche“ im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte überliefert sind. Und diese Barrierefreiheit gilt nicht nur, wie man beim ersten Lesen vielleicht vermuten könnte, im Hinblick auf die Kommunikation. Alle Grenzen scheinen zu fallen, auch sozio-kulturelle Unterschiede spielen keine Rolle mehr. Das deutet Petrus jedenfalls an, als er Joel zitiert: Ob Alt oder Jung, ob Knecht oder Herr, ob Mann oder Frau, alle sollen von diesem Geist beseelt sein, der ihnen Zukunft eröffnet. Die Konsequenz? Niemand kann sich mehr über den anderen erheben, niemand sollte sich für etwas Besseres halten oder behaupten, die alleinige Wahrheit zu besitzen. Und: Niemand kann einen klerikalen Anspruch erheben. Darum verstehe ich diese Geschichte durchaus auch im reformatorischen Sinne: Hier ist Priestertum aller Glaubenden! Denn hier ist Kirche ohne Hierarchie und für jeden und jede verstehbar, „transparent“, wie man das heutzutage so schön sagt. Hier ist Kirche von unten, obwohl – nein: gerade weil! – Gottes Geist – aber eben nur der! – von oben kommt! Ja, so stelle ich mir meine Kirche vor.

Apg 2,1-18
[1] Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. [2] Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. [3] Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, [4] und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. [5] Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. [6] Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. [7] Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? [8] Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? [9] Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, [10] Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, [11] Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden. [12] Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? [13] Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein. [14] Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen! [15] Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage; [16] sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): [17] »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; [18] und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.

Natürlich: In Reinform wird es sie auf Erden nicht geben. Kirche mag zwar nicht von dieser Welt sein, steht aber mit einem Bein mittendrin im allzu Irdischen. Aber ist das ihr Standbein? Selbst als von Menschen organisierte Kirche sollte sie doch den Anspruch haben, dem himmlischen Modell möglichst nahe zu kommen – ganz gleich, was die Welt davon halten mag. Die evangelische Kirche hat da m.E. ganz gute Karten, zumal meine rheinische, hat sie sich doch durch die Einbindung reformierter Traditionen die Basisorientierung in ihre Kirchenordnung geschrieben und die vierte These der Barmer Theologischen Erklärung immer hochgehalten: „Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen …“ Doch seit einigen Jahren erlebe ich sie in vielen Bereichen ganz anders. Ihr Reformeifer trägt – vermutlich von den Entscheidungsträgern in den Synoden und Gremien unbemerkt – immer mehr Züge eines Reformismus, der am Ende eine andere Kirche schafft, anstatt die vorhandene zu erneuern. Gründe dafür liegen in der Sorge um die Zukunft und in einer mittlerweile offen zutage tretenden Furcht, weltlichen Ansprüchen nicht mehr zu genügen. Wohl deshalb hat man Unternehmensberater ins Boot geholt. Und die reagierten, als sie die eigentümliche „Bottom-Up“-Struktur analysierten, verständlicherweise wie die Bedenkenträger von damals: „Wo soll so etwas denn hinführen?“, „Das kann nicht gut gehen!“, „Schön, aber nicht alltagstauglich.“, „Verrückt!“. Und sie taten das, wofür sie bezahlt wurden: Sie rieten der Kirche, umzustrukturieren: mehr Führung, mehr Leistung, mehr „Top-Down“.

Gottes Zukunft nahm man ohne Umschweife selbst in die Hand: Gesichte, Träume und Visionen von damals wurden durch Prognosen, Statistiken und Umfragen ersetzt. Und wo Jesus riet, sich noch nicht einmal Gedanken um den kommenden Tag zu machen, sagte man gleich die nächsten Jahrzehnte voraus. Ob solche „Prophetie“ tatsächlich aussagekräftiger und für den Bau unserer Kirche geeigneter sind? Was die Entwicklung der Kirchenmitgliederzahlen anbelangt, mag man noch recht behalten haben. Bei den Kirchensteuereinnahmen lag man jedenfalls komplett daneben. Und auch in der Befindlichkeit der Menschen vor Ort und der Bindungsfähigkeit der Kirchengemeinden hatte man sich getäuscht. Dennoch bestimmten die Prognosen immer mehr die Zukunft unserer Kirche, an dem einmal beschlossenen Weg der Mittelkürzungen, Umschichtungen und Kompetenzverlagerungen hielt man fest. Wir spüren diese Engführung bis in unsere Gemeinden hinein: Zahlen der Buchhaltung verdrängen den Geist der biblischen Botschaft, kirchliche Arbeitsfelder werden anhand von sichtbaren und damit zählbaren Erfolgen legitimiert. Was sich doppisch nicht rechnet wird einfach gestrichen oder zusammengelegt, der zentralisierte Verwaltungsapparat wächst und wird mehr und mehr zu einer Belastung als dass er zur Entlastung der Pfarrerinnen und Pfarrer beitragen kann – von dem Kosten-Nutzen-Faktor wollen wir an dieser Stelle mal gar nicht reden.

Die Pfingstgeschichte setzt jedenfalls ein dickes Fragezeichen hinter all den Umbaumaßnahmen, insofern sie die Gemeinden, die nach wie vor die Basis unserer Kirche bilden, an wichtigen Entscheidungsprozessen so gut wie gar nicht teilhaben lassen. Unsere synodale Organisation stößt hier nämlich an ihre Grenzen, da Synodale kein imperatives Mandat ausüben. Das mag seine Gründe haben, führt jedoch dazu, dass es auf den Synoden keine Instanz gibt, die die Interessen der Gemeinden nachdrücklich und adäquat vertritt. Nur deshalb ist es zu erklären, dass manche Presbyterien jetzt, wo sie die Konsequenzen des Neuen Kirchlichen Finanzwesens und der Verwaltungsstrukturreform zu spüren bekommen, überrascht und nicht selten frustriert sind und sich übergangen fühlen. Man spürt immer deutlicher den Verlust von Spontaneität und Gestaltungsspielraum vor Ort. Denn es erweckt den Eindruck, dass wir Prognosen nicht als mögliche, sondern als gewisse Zukunft betrachten und uns darum nach ihnen zu richten haben. Das führt aber vielleicht dazu, dass wir ausgerechnet das befördern, was wir eigentlich verhindern sollten: vor lauter Krisen- und Problembewältigung unser Ziel aus den Augen zu verlieren und damit erst recht vom Kurs abzukommen. Unter Motorradfahrern gibt es eine eiserne Regel: Fokussiere nie das Hindernis, dem du ausweichen willst! Tust du es doch, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es dich erwischt. So geht es uns glaube ich bei vielen Dingen, um die wir uns Sorgen machen … und die uns zu Maßnahmen nötigen, die kontraproduktiv wirken.

Pfingsten bedeutet, sich von Gottes Geist treiben und seine Möglichkeiten zuzulassen. Eine Welt, die die Zukunft festschreibt, indem sie sie für kalkulierbar erklärt, ist hoffnungslos verloren. Und eine Kirche, die nicht Gottes wunderbare Zukunft, sondern nur Probleme auf sich zukommen sieht, wirkt geistlos. Beides ist der Lebendigkeit unseres Glaubens abträglich. Und ehrlich gesagt, glaube ich auch nicht, dass die Menschen, die von uns noch etwas erwarten, von der Kirche verlangen, nach den Regeln der Welt zu spielen und sich ihrer Gepflogenheiten zu unterwerfen. Im Gegenteil! Wir sind da, um Kontrapunkte zu setzen, Alternativen aufzuzeigen, anders zu handeln und zu reden, als man es von der Welt her kennt. Und am nachhaltigsten sind es die Ortsgemeinden mit ihrem haupt- und ehrenamtlichen Engagement, die dieser Kirche ihr Gesicht und ihre Gestalt geben. Mittlerweile bestätigen das sogar Umfragen der EKD und des sozialwissenschaftlichen Instituts. Und Wortbeiträge, die eine Stärkung der Gemeinden fordern, werden sogar auf landeskirchlichen Ebenen laut. Es wäre also an der Zeit, eine ehrliche Bilanz zu ziehen – und zwar mit den Presbyterinnen und Presbytern, mit den Pfarrerinnen und Pfarrern, mit den Haupt- und Ehrenamtlichen und mit den Verwaltungsangestellten und engagierten Gemeindegliedern vor Ort … und nicht nur mit prominenten Vertretern in irgendwelchen Seminarräumen in Berlin. Ich bin mir sicher: Gottes Geist würde kräftig wehen … Und zwar „Top-Down“ fürs „Bottom-Up“!

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Die Schizophrenie kirchenleitenden Handelns Zentralisierung ist schlecht, wird aber vorangetrieben ...

Nein, wir KirchenBunt’ler sind nicht ideologisch verblendet dagegen, Arbeitsbereiche zusammenzulegen, Kräfte zu bündeln und Synergieeffekte zu nutzen. Aber dies sollte nur dort geschehen, wo dies 1. sinnvoll und 2. von der kirchlichen Basis – also vornehmlich von den Kirchengemeinden und Einrichtungen vor Ort – auch gewollt und initiiert wird. Das ist nicht nur subsidiär gedacht, sondern hat auch gute evangelisch-theologische Gründe. Mittlerweile weisen Studien immer deutlicher darauf hin, dass dies auch für die Entwicklung der Kirche in angeblich schwierigen Zeiten von Vorteil wäre, möglichst dezentral agieren und so kreativ auf konkrete Herausforderungen vor Ort reagieren zu können. Dazu wäre es notwendig, die Arbeit vor Ort personell und finanziell zu stärken. Doch Kirchenleitungen auf EKD- und Landeskirchenebene machen derzeit genau das Gegenteil. Artikel lesen

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Kirchensteuerhoheit ade! Baucks: Kirchensteuerhoheit der Gemeinden nicht konstitutives Element der presbyterial-synodalen Ordnung

Zuerst die Verwaltung, jetzt das Geld: In nicht allzu ferner Zukunft soll den Kirchengemeinden die Kirchensteuerhoheit genommen und auf die Kirchenkreisebene verlagert werden. Anders ist jedenfalls eine Passage im diesjährigen Finanzbericht von Oberkirchenrat Bernd Baucks nicht zu verstehen. Dort heißt es: „Die Erwartung ist, dass in nicht allzu ferner Zukunft die Kirchensteuerzahlungen nicht mehr gemeindebezogen, sondern landeskirchenbezogen über den sogenannten Trennscharfen Religionsmerker erfasst werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt, wird als hoch eingeschätzt. Damit wäre die jetzt geltende Kirchensteuerhoheit der Gemeinden nicht aufrechtzuerhalten.“ Und wenige Zeilen darunter: „Durch das Umverteilungssystem entspricht bereits die derzeitige Methode der Kirchensteuerverteilung eher einem Prinzip der Kirchenkreissteuer als dem der Kirchengemeindesteuer. Es hat also bereits jetzt relativ wenig Sinn, die Kirchensteuerhoheit der Gemeinden als konstitutives Merkmal der presbyterial-synodalen Ordnung besonders hervorzuheben. Sie ist es schon jetzt nicht.“ (→ Finanzbericht 2016) Artikel lesen

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Gemeinde geht vor!Ort … Ein erster Blick in die ausführliche Auswertung der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD

2016 könnte das Jahr der Ortsgemeinden werden. Jedenfalls dann, wenn sich die Landeskirchen mit ihren Synoden und in ihren Entscheidungen an den Ergebnissen der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD orientierten. Dies würde jedoch in manchen Bereichen einen radikalen Gesinnungswandel und den Willen zu Korrekturen voraussetzen. Denn der vor einigen Wochen im Gütersloher Verlagshaus erschienene, fast 550 Seiten starke offizielle Auswertungsband lässt schon bei einer ersten Durchsicht keine Zweifel daran, wo die größte Bindungskraft und Stärken der evangelischen Kirche liegen: in den parochial organisierten Ortsgemeinden! Artikel lesen

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EKD ist Kirche? Widerspruch!

Die EKD hat sich durch ihre Synode während ihrer Tagung in Bremen vom 4. – 11. November 2015 tatsächlich zur Kirche im theologischen Sinne erhoben. Im „Beschluss zum Kirchengesetz zur Änderung der Grundordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland“ heißt es:

Artikel 1 Absatz 1 der Grundordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 13. Juli 1948 (ABl. EKD S. 233), in der Fassung der Bekanntmachung vom 20. November 2003 (ABl. EKD 2004 S. 1), die zuletzt durch Kirchengesetz vom 12. November 2013 (ABl. EKD 2013 S. 446) geändert worden ist, wird wie folgt gefasst:

„(1) Die Evangelische Kirche in Deutschland ist die Gemeinschaft ihrer lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen. Sie versteht sich als Teil der einen Kirche Jesu Christi. Sie achtet die Bekenntnisgrundlage der Gliedkirchen und Gemeinden und setzt voraus, dass sie ihr Bekenntnis in Lehre, Leben und Ordnung der Kirche wirksam werden lassen. Sie ist als Gemeinschaft ihrer Gliedkirchen Kirche.“

Dieser Beschluss kann nicht unwidersprochen stehen bleiben und sollte schon gar nicht von den Landeskirchen einfach abgenickt werden. Denn er steht theologisch auf tönernen Füßen, die wegbrechen, wenn sich die EKD und ihre Gliedkirchen an ihre eigenen Vorgaben halten.

Im geänderten Artikel 1 heißt es: Die EKD „achtet die Bekenntnisgrundlage der Gliedkirchen und Gemeinden“. Das bedeutet, dass sie sich diese Bekenntnisse zu eigen macht bzw. ihnen nicht widersprechen will. In der Kirchenordnung z.B. der Evangelischen Kirche im Rheinland wird jedoch direkten Bezug auf die Barmer Theologische Erklärung von 1934 genommen. Im Grundartikel I, Abs. 6 heißt es: „Sie (die Evangelische Kirche im Rheinland) bejaht die Theologische Erklärung der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche von Barmen als eine schriftgemäße, für den Dienst der Kirche verbindliche Bezeugung des Evangeliums.“ Pfarrerinnen und Pfarrer wurden und werden u.a. auch unter diesem Bekenntnis ordiniert.

Nun definiert die dritte Barmer These Kirche wie folgt: „Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt.“ (→ Quelle) Damit folgt Barmen III dem Augsburgischen Bekenntnis aus dem Jahre 1530, insbesondere dem 7. Artikel (Confessio Augustana 7), in dem es heißt: „Es wird auch gelehrt, daß alle Zeit müsse eine heilige christliche Kirche sein und bleiben, welche ist die Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden.“ (→ Quelle)

Als „Versammlung aller Gläubigen“ (CA 7) und „Gemeinde“ (Barmen III) ist aber eine konkrete Gemeinschaft von Menschen gemeint, wie sie z.B. eine parochiale Kirchengemeinde bildet. Dieses Verständnis von Kirche ist auch schon im neutestamentlichen Begriff „ekklesia“ intendiert, der ursprünglich die profane Volksversammlung meinte (→ Quelle) und den Paulus als Bezeichnung von Kirche auf die christlichen Urgemeinden – sicher nicht unüberlegt – übertrug. (Siehe hierzu den erhellenden Vortrag von Prof. Dr. Eberhard Mechels → Quelle).

Der Kirchenbegriff der EKD ist aber ein völlig anderer – und das, obwohl sie selbst in ihrer Grundordnung Art. 3 ausdrücklich auf Barmen verweist und „sich verpflichtet, als bekennende Kirche die Erkenntnisse des Kirchenkampfes über Wesen, Auftrag und Ordnung der Kirche zur Auswirkung zu bringen.“ (→ Quelle) Nun heißt es aber in der Neufassung: „Sie (die EKD) ist als Gemeinschaft ihrer Gliedkirchen Kirche“. Hier ist zwar das konstituierende Element der Gemeinschaft genannt. Aber zum einen ist damit keine konkrete Gemeinde bzw. Versammlung von Gläubigen gemeint, sondern Institutionen! Zum anderen fehlt völlig der direkte Bezug auf Wort und Sakrament! Dieser kann zwar aus dem vorherigen Passus („Sie (die EKD) … setzt voraus, dass sie (ihre Gliedkirchen) ihr Bekenntnis in Lehre, Leben und Ordnung der Kirche wirksam werden lassen“) herausgelesen werden. Jedoch ist von einer evangeliumsgemäßen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung der EKD selbst keine Rede! Diese ist aber sowohl nach CA 7 und Barmen III Voraussetzung dafür, dass sich Jesus Christus in der Gemeinschaft ereignet und damit Kirche konstituiert.

Darüber hinaus ist das Verfahren der Selbsterklärung zur Kirche zu hinterfragen. Hat es in den einzelnen Landeskirchen, auf Kirchenkreis- bzw. Dekanatsebene und vor allem in den Ortsgemeinden einen intensiven Informations- und Diskussionsprozess zu dieser Frage gegeben? Meines Wissens nicht. Das passt jedoch zum inzwischen höchst bedenklichen Selbstbewusstsein und Selbstverständnis der EKD-Führung, die seit spätestens 2006 mehr „ex cathedra“ als basisorientiert agiert. Auch das sollte nicht nur unseren landeskirchlichen Synodalen zu denken geben. Denn damit entwickelt sich der Dachverband EKD immer mehr zu einer Deutschen Evangelischen Kirche mit körperschaftlichem Rechtsstatus, die noch unabhängiger von der Basis Entscheidungen fällen und bis zur ersten Ebene durchsetzen kann. Von einer von unten aufgebaute evangelische Kirche kann spätestens dann nicht mehr gesprochen werden!

Es wird sich zeigen, ob die einzelnen Landeskirchen diese Gesetzesänderung ratifizieren. Wir werden dann wissen, wie viel Evangelisches noch in ihnen steckt oder ob sie ihr Selbstbewusstein schon längst an den Nagel gehängt haben.

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„Kirche der Freiheit“ – Abgesang auf ein kirchliches Altpapier

2007, ein Jahr nach Erscheinen des Impulspapiers „Kirche der Freiheit“, legte Florian Lenz in seiner Diplomarbeit1)Kirche der Freiheit? – Eine religions- und organisationssoziologische Analyse des Impulspapiers der EKD, GRIN Verlag GmbH 2013 eine religions- und organisationssoziologische Analyse des Dokuments vor, die im Nachhinein ein interessantes Licht auf die Entwicklung der vergangenen Jahre in unseren Landeskirchen wirft. Er kommt seinerzeit zu dem Schluss, dass die von Huber & Co. verantworteten Reformideen nur dann erfolgreich umgesetzt werden könnten, wenn sich die Evangelische Kirche eine neue Organisationsstruktur zu eigen machen würde: Artikel lesen

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Anmerkungen   [ + ]

1. Kirche der Freiheit? – Eine religions- und organisationssoziologische Analyse des Impulspapiers der EKD, GRIN Verlag GmbH 2013