10 Jahre NKF – ein Blick in die Zukunft Nordrhein-Westfalen zieht nach einer Dekade Einführung des Neuen Kommunalen Finanzwesens Bilanz

Wer im Internet Informationen über das Neue Kirchliche Finanzwesen sucht, mag auch über folgende Website gestolpert sein: http://nkf-kirche.de. Ob das, was man da zu sehen bekommt, denn auch informativ ist, hängt vom Betrachter ab. Neben dem bekannten Satz: „Hier entsteht eine neue Internetpräsenz“ prangt nämlich ein Baustellenschild – und das seit nunmehr acht Jahren (Stand: 15.02.2015)! Will uns da jemand (die Domain gehört einer Managementberatungs-GmbH) einen Hinweis liefern, was uns mit NKF noch bevorsteht?

Das Land Nordrhein-Westfalen hat bereits 2004 auf das Neue Kommunale Finanzwesen umgestellt – da ist es nach zehn Jahren an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Und die fällt mehr als ernüchternd aus. Dr. Ulrike Brecht, bei SAP im Bereich Geschäftsentwicklung Public Services beschäftigt, hat die Ergebnisse, die im Rahmen eines Kämmerer-Kongresses in Düsseldorf im Januar 2014 stattfand, zusammengefasst. Die Fragestellungen lassen sich ohne weiteres auf unsere Kirche übertragen:

Was hat sich seit der Einführung des NKF geändert? Erfüllt die Doppik die an sie gestellten Erwartungen? Wie gewinnen Kommunen unterschiedlicher Größenordnung steuerungsrelevante Informationen? Welchen Nutzen können Städte und Gemeinden für die Haushaltskonsolidierung daraus ziehen?

Schon die ersten Sätze machen deutlich, dass die Erwartungen nicht erfüllt wurden, zumindest jedoch ambivalent beurteilt werden.

Zum Auftakt versuchte Johannes Winkel, Ministerialdirigent und Abteilungsleiter Kommunale Angelegenheiten im Ministerium für Inneres und Kommunales NRW, zu bewerten, ob die Reform des kommunalen Haushalts- und Rechnungswesens nach zehn Jahren geglückt sei. Er betonte, die Reform sei rückblickend notwendig und richtig gewesen, auch wenn der logistische und finanzielle Aufwand der Umstellung auf die Doppik höher gewesen sei als anfangs geschätzt.

Aufschlussreich erscheint dann aber auch der folgende Abschnitt:

Allerdings stellte Winkel auch fest, dass die Umsetzung der Konzernbetrachtung in der kommunalen Verwaltungspraxis noch verbesserungsfähig sei. Auch die Verankerung des NKF in den politischen Alltag als Teil des Neuen Steuerungsmodells befand Winkel als noch nicht gelungen.

Übersetzt heißt das wohl: Nein, geglückt ist das Projekt NKF in den Kommunen noch nicht – und das nach zehn Jahren! Der Aufwand war in allen Bereichen weit höher als geplant, die „Philosophie“ der Doppik scheint nicht kompatibel zu der einer kommunalen Verwaltung mit ihren spezifischen Anforderungen zu sein. Dieser Eindruck verstärkt sich auch in den Voten aus den kommunalen Verwaltungen:

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion waren sich die Teilnehmer weitgehend einig, dass sich das NKF nach zehn Jahren in den nordrhein-westfälischen Kommunen zwar als neue Buchhaltungsplattform durchgesetzt hat, die mit der Reform des Haushaltsrechts verbundenen Ziele und Erwartungen jedoch längst nicht in allen Aspekten erreicht sind.

Interessant – auch im Hinblick auf unsere Verwaltungsstrukturreform – ist dann folgende Feststellung:

So gebe es beispielsweise nach wie vor große Akzeptanzdefizite bei politischen Entscheidern, wenn es darum gehe, bestimmte Entscheidungsbefugnisse von der Politik auf die Verwaltung zu übertragen.

Erinnert uns dies nicht an die Erfahrungen von Presbyterien, die ihre Entscheidungsbefugnisse durch eine zentralisierte und von der Verwaltung dominierte Kompetenzverschiebung beeinträchtigt sehen? Das Fazit, das Dr. Brecht am Ende zieht, ist jedenfalls im Hinblick auf den jetzt schon in unserer Kirche anfallenden finanziellen und personellen Mehraufwand nicht gerade ermutigend:

Die Umsetzung des NKF ist nach zehn Jahren noch nicht abgeschlossen. Vielmehr geht der Reformprozess in eine weitere Runde; die weitere Entwicklung bleibt spannend.

Übrigens: Weitere Projekte, die auf der letzten Landessynode angestoßen wurden, laufen mit denen der kommunalen Ebene parallel.

Die große Mehrheit der Veranstaltungsteilnehmer teilte die Auffassung, dass der gezielte IT-Einsatz zur Reduzierung der kommunalen Prozesskosten und zur stärkeren Kooperation und Konzentration von Aufgaben im „Konzern Kommune“, aber auch im Rahmen der interkommunalen Zusammenarbeit beitragen kann. Generell haben die Kämmerer eine klare Erwartungshaltung an IT-Standards für die kommunale Konzernsteuerung.

Das IT-Konzept unserer Landeskirche wird vor allem mit rechtlichen Datenschutzbestimmungen in Verbindung gebracht. Die Ausführungen von Dr. Brecht lassen auch auf andere Beweggründe schließen. Ein von der Landessynode formuliertes Ziel lautet: „einen effizienten IT-Einsatz ermöglichen und somit einen deutlichen Wertbeitrag der Informationstechnologie am institutionellen Erfolg auf allen Ebenen der Evangelischen Kirche im Rheinland sicherstellen.“ Die Frage ist, was mit „Erfolg“ gemeint ist.

Das Kürzel „WOH“ steht für „Wirkungsorientierte Haushaltsführung“. 2012 wurde sie z.B. in Bochum eingeführt.

Die Umsetzung des WOH in Bochum begann im März 2012 mit dem Ziel, Steuerungsdefizite durch ungenügende oder irrelevante Kennzahlen zu beseitigen und politischen Entscheidern einen besseren Einblick in die Folgen ihrer Entscheidungen zu verschaffen. Buschs Erkenntnis aus den bisher gesammelten Erfahrungen: Die wesentlichen Erfolgsfaktoren eines WOH sind seine Handhabbarkeit, Übersichtlichkeit, Plausibilität und Kommunizierbarkeit. Um politische Entscheidungen durch die Verwaltung effektiv zu unterstützen, braucht es vielmehr eine gezielte Komplexitätsreduzierung durch ein IT-gestütztes Informationssystem. Nur so lässt sich ein klarer Zusammenhang zwischen Maßnahmen, Ressourceneinsatz und den erzielten Wirkungen herstellen.

Doch damit nicht genug. Auch an anderer Stelle wird eine einheitliche IT-Infrastruktur gewünscht:

Anschließend stellte Borries Hauke, Senior Manager Public Services bei Steria Mummert Consulting, die Einführung einer SAP-Lösung für Planung, Konsolidierung und Reporting bei der Stadt Aachen vor. Ziel des Projekts war es, moderne Haushaltsprozesse gemäß den Vorgaben des NKF zu etablieren. Gemeinsam mit Steria Mummert löste die Stadt Aachen eine heterogene Systemlandschaft mit hohem manuellen Aufwand und mangelhaften Analysemöglichkeiten von Kennzahlen durch eine durchgängige IT-Lösung für ein integriertes Haushaltswesen ab. Mit dem neuen System lassen sich vorkonfigurierte Planstandsberichte je Planungsphase ebenso erstellen wie individuelle Planungsberichte je Planungsinhalt. Mithilfe von SAP Crystal Reports können auf Basis der Planungslösung fertig formatierte Haushaltspläne per BI-Launchpad erstellt sowie verdichtete Management-Berichte über ein Web-Portal abgerufen werden. Die Lösung soll auf den Bereich der strategischen Haushaltsplanung ausgeweitet werden.

Man könnte darauf kommen, ähnliche Systeme auch in unserer Kirche zu etablieren. Sollte dies der Fall sein, dürften wir uns schon einmal darauf einstellen, dass die Personaldecke in der Verwaltung weiter wächst und Kirche ein lukrativer Kunde der IT- und Managementberater-Firmen bleibt.

Ob dieser Aufwand noch im Verhältnis zum Ertrag steht, darf man – nach den bisher gemachten Erfahrungen – bezweifeln. Welche Auswirkungen dies auf die Arbeit vor Ort haben wird, kann man sich denken. Was diese konzern-kompatiblen Strukturen noch mit unserem eigentlichen Auftrag und den Dienst am Menschen zu tun haben, bleibt nebulös.

→ den ganzen Bericht von Dr. Brecht lesen …

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Ein Beitrag
  1. Ungeteilte Zustimmung! Cui bono? Auch hier, wie schon so oft. Folge dem Fluss des Geldes, und du entdeckst eine Wahrheit. Meine Prognose: Wenn sich die EKIR offen einer Kosten-Nutzen-Analyse stellt wird offenbar werden, dass das NKF (wie auch in anderen Bereichen) keinen wirklichen Nutzen, aber enorme Kosten bewirkt hat. Letztlich wird man dann (wie auch in anderen Bereichen) bei einer SAP-Lösung landen. Hoch kompliziert und für eine Kirchengemeinde absolut ungeeignet. Ein finanztechnisches Spielzeug für Profis, ein Sargnagel für lebendige Kirchengemeinden, die mehr Wert auf den Dienst am Menschen legen, als auf eine aufgeblasene Verwaltung. Wer diese Entwicklung in Gang gesetzt hat, wusste genau, was er tat. Die kirchlichen Gremien, die dies abgenickt haben, wussten es meiner Ansicht nach nicht. Es ist an der Zeit, dieser verhängnisvollen Entwicklung, die immer mehr „Zwangsläufigkeiten“ nach sich zieht, ein Ende zu setzen. Möge die Landeskirche den Mut haben, den unmittelbaren Zugang zu den Mitgliedern der Landessynode zu eröffnen (die Kontaktdaten der Synodalen werden ja unter Verschluss gehalten), um diesen einen ungefilterten Zugang zu den Meinungen an der „Leistungsbasis“ der Kirche zu ermöglichen, also der Meinungen der Kirchengemeinden und ihrer Mitarbeitenden und Mitglieder. Ich würde mich darüber freuen. Leider wurde mein diesbezügliches Ansinnen kurz abgelehnt. Die übergeordneten Ebenen in der EKIR haben im Wesentlichen keine andere Aufgabe, als dafür Sorge zu tragen, dass die Kirchengemeinden ihrer Aufgabe vor Ort möglichst gut nachkommen können. Möge man sich dessen wieder bewusst werden.

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